Der 9. November
Zweites Buch
1
Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um Berlin.
Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der
Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore blieben
geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren erloschen.
Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war geschehen?
Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo man
die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den Sieg bringen
sollte. Das englische Gold rollte — der General behauptete es — das englische
Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen.
Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der
Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. Man klebte
Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch die Fabriken — das englische Gold
war allmächtig.
Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen streiften durch die
Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf
den Dachböden aufgestellt, da und dort — sollten sie nur kommen — von da
draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden und pfiffen. Aber die
Schutzleute stürzten aus den Häusern und ohrfeigten sie.
Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise
Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit
gebracht.
Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der
Minister — plötzlich machte er sein Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich —
bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine
Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten zu rütteln . . .
Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.
Die Streikenden forderten — sie deuteten es nur an, aber es ging aus ihrer
ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen
an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben
werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun gut, wenn es Vergnügen
machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen.
Der letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen
Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen
exerzierten Knaben und Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine
Macht, mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge
zu bauen und, wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein
Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen
standen in Finnland, im Kaukasus, in —
Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch ganz
bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei —
Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte —
Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen
war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort ging es.
Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr tragen
konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten ins Gefängnis
und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen Fensterscheiben der
Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt — nichts war geschehen. Nichts
blieb zurück als ein leises, unterirdisches Grollen, unhörbar für Ohren, die aus
Greisenschädeln wuchsen.
Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die
Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte — konnte, nur eine
Möglichkeit . . .
Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und Nacht
die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von den
Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen
wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte wieder um die
Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des Schichtwechsels, rollten wie
früher die Züge überfüllt mit Menschen, als sei nichts geschehen. Hunderte von
gelben Gesichtern in jedem Abteil, Hunderte von gelben Gesichtern auf den
Trittbrettern, auf den Dächern, überall. Und die bleichen, übernächtigen
Mädchen, die die Patronen packten, kreischten und schrien.
Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des
Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller
Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu passieren. Der Westen der
Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, die den Schlummer der Reichen
bewachten, gähnten.
Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der
Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas — die
Leiche — es war Hauptmann Falk.
Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog
das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich ein,
bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.
Die Feuerwalze war auf der Heimreise. —
Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von
Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien zwischen
den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit
Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den grauen Wolken aber
kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen Wolkenrand und ein Blitz
blendete hervor. Da begannen die gelben und roten Backsteinmauern der
Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das Millionenauge der
Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in den Kasernenhöfen schmetterten, und
Tausende von Männern erhoben sich von den elenden Lagern.
Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im
Nordosten Berlins — einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren
Fassade sich die Riesenaufschrift „Leihhaus“ erstreckte — und blendete in ein
aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch dicht am
Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug heraus: es
war die Bibel!
Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem
Lichtstrahl:
„Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die
Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien verbargen
sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.“
„Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget uns
vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des
Lammes.“
„Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“
Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.
Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An
der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel.
Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im Lichtstrahl