Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 16 von 87

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Der 9. November

Zweites Buch

 

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Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um Berlin.

Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der

Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore blieben

geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren erloschen.

Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war geschehen?

Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo man

die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den Sieg bringen

sollte. Das englische Gold rollte — der General behauptete es — das englische

Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und abermals Millionen.

Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt worden, um die Front der

Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von Spitzeln und Spionen. Man klebte

Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen durch die Fabriken — das englische Gold

war allmächtig.

Es kam zu Zusammenrottungen — da draußen. Patrouillen streiften durch die

Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre waren auf

den Dachböden aufgestellt, da und dort — sollten sie nur kommen — von da

draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden und pfiffen. Aber die

Schutzleute stürzten aus den Häusern und ohrfeigten sie.

Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise

Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es weit

gebracht.

Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der

Minister — plötzlich machte er sein Rückgrat steif — lehnte ab, weigerte sich —

bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige Vertreter. Er witterte eine

Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten zu rütteln . . .

Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.

Die Streikenden forderten — sie deuteten es nur an, aber es ging aus ihrer

ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . Es schien ihnen

an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen sollten vergeben

werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun gut, wenn es Vergnügen

machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, mit dem Überlegen zu beginnen.

Der letzte Kupferkessel war dahin, beschlagnahmt aus der Küche des armen

Weibes, die Lokomotiven brachen auf der Strecke zusammen, in den Kasernen

exerzierten Knaben und Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine

Macht, mit der man rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge

zu bauen und, wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein

Heer über den Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen

standen in Finnland, im Kaukasus, in —

Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch ganz

bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei —

Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte —

Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen

war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort ging es.

Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr tragen

konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten ins Gefängnis

und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen Fensterscheiben der

Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt — nichts war geschehen. Nichts

blieb zurück als ein leises, unterirdisches Grollen, unhörbar für Ohren, die aus

Greisenschädeln wuchsen.

Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die

Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte — konnte, nur eine

Möglichkeit . . .

Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und Nacht

die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von den

Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste schwammen

wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte wieder um die

Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des Schichtwechsels, rollten wie

früher die Züge überfüllt mit Menschen, als sei nichts geschehen. Hunderte von

gelben Gesichtern in jedem Abteil, Hunderte von gelben Gesichtern auf den

Trittbrettern, auf den Dächern, überall. Und die bleichen, übernächtigen

Mädchen, die die Patronen packten, kreischten und schrien.

Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des

Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der Vorstädte, voller

Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu passieren. Der Westen der

Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, die den Schlummer der Reichen

bewachten, gähnten.

Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der

Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas — die

Leiche — es war Hauptmann Falk.

Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog

das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich ein,

bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.

Die Feuerwalze war auf der Heimreise. —

Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von

Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien zwischen

den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die Halden mit

Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den grauen Wolken aber

kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen Wolkenrand und ein Blitz

blendete hervor. Da begannen die gelben und roten Backsteinmauern der

Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben funkelten, das Millionenauge der

Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in den Kasernenhöfen schmetterten, und

Tausende von Männern erhoben sich von den elenden Lagern.

Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im

Nordosten Berlins — einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren

Fassade sich die Riesenaufschrift „Leihhaus“ erstreckte — und blendete in ein

aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch dicht am

Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug heraus: es

war die Bibel!

Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem

Lichtstrahl:

„Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die

Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien verbargen

sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.“

„Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget uns

vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des

Lammes.“

„Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“

Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.

Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An

der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer Soldatenmantel.

Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im Lichtstrahl