Der 9. November
Kapitel 10
Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen.
Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen waren entsetzt hochgezogen.
Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die Unterhaltung.
Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von Stifters
Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei
kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich
herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen Körper schüttelten. Auf
seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und erst an der Mütze erkannte
Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen
Menschen auf die Öffentlichkeit loszulassen!
Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche Szene
rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt aus den
Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem raunenden
Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.
Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die
fröhliche Unterhaltung ein.
Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das geringste
bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen
hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken herein, die den Sieg
einläuteten.
Da ergriff der General das Glas und erhob sich.
„Unser Vaterland, Otto!“ sagte er.
Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals
feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich gehalten.
Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.
10
Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.
Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die
Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und
Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein . . . Wie
riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über der Stadt und
erbrachen Entsetzen über die Dächer.
Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .
Er hatte sie gesehen — nicht sie — die die Hüte schwangen! — hatte sie
gesehen — die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, Gnade in
deinem Zorn! Da liegt er — Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen
geboren, in Sorgen großgezogen — er ist tot — er wird sterben — er stirbt — Da
liegt er wieder — — und hier, hier, Stücke, Fetzen — er ist dahin . . .
Grau war Ackermanns Gesicht.
Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen,
immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie hinweg
— Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. Und
die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten — und
die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg . . .
Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes
Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen
englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und
edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten Rasse in den
Zügen. Und — was denkst du? — die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände
der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern streichelten das
Gesicht des toten Inders, während sie vorübergingen. Streichelten es, einer um
den andern. Schön bist du! — Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. — Nun,
mein Junge, dich hat es gepackt! — Liebkosten ihn — den Bruder!
Den Bruder, den Bruder!
Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder
Mantel flog dahin.
Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!
Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn
dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen — einer mußte das Signal geben,
selbst Signal sein — einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke zerriß.
Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!
Einer, ja, einer —
Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz.
„Nun wohl, ich bin bereit!“ rief er.
Bereit, bereit? Wozu bereit?
„Nun bereit, einfach bereit!“
Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war
beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen der
Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn
geprüft und auserwählt.
Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer Bruder,
würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen — die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war