Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 55 von 87

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Der 9. November

Kapitel 10

Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen.

Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen waren entsetzt hochgezogen.

Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die Unterhaltung.

Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von Stifters

Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei

kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich

herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen Körper schüttelten. Auf

seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und erst an der Mütze erkannte

Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen

Menschen auf die Öffentlichkeit loszulassen!

Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche Szene

rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt aus den

Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem raunenden

Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.

Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die

fröhliche Unterhaltung ein.

Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das geringste

bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen

hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken herein, die den Sieg

einläuteten.

Da ergriff der General das Glas und erhob sich.

„Unser Vaterland, Otto!“ sagte er.

Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals

feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich gehalten.

Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.

 

10

 

Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.

Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die

Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und

Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein . . . Wie

riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über der Stadt und

erbrachen Entsetzen über die Dächer.

Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .

Er hatte sie gesehen — nicht sie — die die Hüte schwangen! — hatte sie

gesehen — die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, Gnade in

deinem Zorn! Da liegt er — Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen

geboren, in Sorgen großgezogen — er ist tot — er wird sterben — er stirbt — Da

liegt er wieder — — und hier, hier, Stücke, Fetzen — er ist dahin . . .

Grau war Ackermanns Gesicht.

Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen,

immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie hinweg

— Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. Und

die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten — und

die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg . . .

Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes

Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen

englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und

edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten Rasse in den

Zügen. Und — was denkst du? — die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände

der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern streichelten das

Gesicht des toten Inders, während sie vorübergingen. Streichelten es, einer um

den andern. Schön bist du! — Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. — Nun,

mein Junge, dich hat es gepackt! — Liebkosten ihn — den Bruder!

Den Bruder, den Bruder!

Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder

Mantel flog dahin.

Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!

Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn

dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen — einer mußte das Signal geben,

selbst Signal sein — einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke zerriß.

Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!

Einer, ja, einer —

Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz.

„Nun wohl, ich bin bereit!“ rief er.

Bereit, bereit? Wozu bereit?

„Nun bereit, einfach bereit!“

Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war

beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen der

Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn

geprüft und auserwählt.

Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer Bruder,

würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen — die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war