Der 9. November
Kapitel 4
Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre Verwandtschaft —
nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, Oberflächlichkeit, welcher
Dünkel, welcher Wahn — nein, fort fort.
Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu
wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller Qual —
immer hin und her, die ganze Nacht. —
Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie schlief
und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche Klara, schlief, aber
sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.
Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter
Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß eine
kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, da sie ihn
geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. Ströbel hatte ihr
eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in Europa, die alles vertragen
könnten — und so tanzte sie Tango mit Weißbach, ganz allein, und Weißbach,
der heute wenig trank, hatte ihr erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle
heiraten würde. Das belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in
ihre Augen einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen
schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, wer
weiß —?
Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige
Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien, eine
Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken der
Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate einschlägt. Ihr
Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte — herrlich diese Naivität. Er
unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte es ihn, daß der Nebel um das Haus
wallte?
4
Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten
Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.
Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht mehr,
er ging langsam — und der General? Es war gar nicht der General, es war sein
Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten Soldatenmantel, seinen
abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz und quer durch die Straßen. Offenbar suchte
er etwas. Endlich aber — ah, nun hatte er es gefunden.
Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer,
funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er las die
Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den Rinnstein, einen Fuß
auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog den Geldbeutel heraus und
blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat er den Laden. Aber bevor er die
Türe schloß, warf er noch einen Blick auf die Straße, einen suchenden, kranken
und traurigen Blick. Wonach sah er sich um? Nach Hilfe?
Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen Elend
dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos war, gerade hier
nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. (Herbst spähte durch die
Scheibe!) Er wählte ein langes solides Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und
verließ den Laden, ein schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte
er nun seinem Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die
Treppe hinauf.
Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es
plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine
weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, lag
nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, trotzdem sah er
durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan tat. Nun beugte sich
Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, lange Zeit, dann über die
schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das lange Messer. Furchtbar blitzte es in der
Dunkelheit. Die Frau regte sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter
seinem Rock. Lange stand er ohne jede Bewegung.
Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das
Messer funkelte — nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand er und
atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte das Messer.
Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.
Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden tückischen
Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und schlief. Sah er ihn?
Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber doch schien er ihn zu
sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand — runzelte enttäuscht und zornig
die Stirn. Da begann Herbst (weshalb eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein
lächelte verächtlich, wollüstig — und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.
Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor Entsetzen.
Wild schrie er auf.
Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.
Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar — wieder schrie Herbst auf — und er trat ein.
Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht Hähnlein,
sondern — Ackermann.
„Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?“ fragte Ackermann und kam näher,
den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.
Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.
Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.
„Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!“
„Ich friere“, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. „Ich fühle mich
eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.“
„Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?“
„Ich habe von Toten geträumt.“
Ackermann lächelte. „Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.“
Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.
„Und die Schritte,“ flüsterte er, „die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben Sie
das grüne Hütchen nicht gesehen?“
„Trinken Sie noch etwas!“
„Fliehen Sie! Sie sind da!“
Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer andern
Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm nichts
anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er schien weder müde
noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er lächelte heiter, als er von den
Schritten vor dem Hause hörte, nein, auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er
schwebte auf Wolken wie ein Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm
gekommen war, um ihm zu trinken zu geben.
Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.
Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und Schrecken.
Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich aus den Lehmbergen
auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das Blut in Strömen floß?
Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.
Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes Haus.
Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die Toten
fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger durch das
Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war gestorben, dieser
alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des glorreichen Siebziger
Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein scharfer, süßlicher Geruch das
Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, ausgestreckt auf dem Boden. Jede
Nacht kroch er nun durch das Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln,
dann schrien die Frauen.