Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 74 von 87

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Der 9. November

Kapitel 8

Luft — der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt. Auch er

richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese schneeweißen Augen.

Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen der

Hecht-Babenberg.

Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte

sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus ihrer Tiefe.

Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie

glänzten verächtlich.

Du?

Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!

Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?

Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.

Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!

Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.

Und nun blendeten sie plötzlich.

Du kennst meine Gefühle für dich, oder? — Du weißt es — lange, lange! Ich

ziehe die Konsequenzen, wenn du willst — ich stehe zur Verfügung — jederzeit

. . .

Ja, das sagten also Ottos Augen — oder täuschte er sich?

Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war

verschwunden.

„Niemand ist hier!“ sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang,

und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.

Eine — zwei — drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die

Blicke gekreuzt. Nicht länger.

Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch

den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. Jemand

tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der Nase — richtet

einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn — oder war es ein Gespenst?

 

8

 

Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause zu.

Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste Vorgärtchen

eintreten wollte — sie hatte schon die Gittertüre in der Hand — rief eine leise Stimme ihren Namen.

Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein Schatten.

Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den Lichtschein und

winkte.

Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog

dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.

„Sie? Was wünschen Sie von mir?“

„Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich habe

neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten. Ich darf mich

nicht sehen lassen —“

„Ich verstehe Sie nicht!“

„Vieles ist unverständlich — aber man hat mich gewarnt — ein hoher Herr ist

ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein Irrenhaus zu sperren,

wenn ich mich noch einmal sehen lasse.“

„Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!“

„Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir ein

bißchen weiter — so, danke — fürchten Sie nichts. Ich bin ein alter Mann, habe

auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese Tage nicht. Ja, neulich — ich

habe mich geschämt — aber gerade weil ich in diesem Zustand war, habe ich

etwas zu sagen vergessen — etwas sehr Wichtiges.“

„Bitte —!“

„Nicht ich allein also, das wollte ich sagen —“

„Nicht Sie allein —?“

„Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.“

Flüstern im Dunkeln.

„Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig — vielleicht sogar früher, ich weiß

es nicht — aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.“

Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.

„Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!“

„Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein — gehen wir — gerade kommt — so, ein

paar Schritte —“

„Ganz unmöglich!“

„Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.“

Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume

vorwärts.

Plötzlich bleibt Ruth stehen.

„Schwören Sie mir —!“

„Ich schwöre!“

„Schwören Sie mir — bei Ihrem Sohn, der gefallen ist —“

„Ich schwöre!“

„Beim Andenken Ihrer Frau — schwören Sie —“

„Ich schwöre!“

„Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen —“

„Ewig verflucht soll ich sein —“

Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des Parkes

hinein. —

 

Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.

Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer

pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die

Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel — ein Windstoß pfiff über sie dahin.

In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie der

Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die

Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei, drei,

fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren Staubwolke, die

aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von Blitzen griff nach ihr,

umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der Donner knatterte.

Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! Nein,

nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes —

Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte — in unheimlicher Eile — ein

weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein der Blitze,

pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, die Stunde ist

gekommen! Die glänzenden Hände berührten die Schultern der Dahineilenden,

daß sie erbleichten: Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der finstern

Häuser fuhr ein glänzendes Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten

des neuen Reichs. Seid bereit!

Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und die

glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender Schnelligkeit über

die Dächer der Stadt dahin.

Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt —?

Nun rauschte der Regen.

Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in Torbogen —

sonst war niemand mehr auf der Straße.

Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus dem schwarzen Himmel.

 

Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der Lessingallee.

Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn überrascht.

Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens und

das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!

Da — eine Droschke klapperte dahin.

„He, Kutscher — hundert Mark für die Fahrt!“

„Heda, Droschke! Droschke, halt!“

Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.

„Heda, Droschke! Hundert Mark!“

Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.

Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete sich

durch den Regen. „Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.“

„Hier stehe ich!“

Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die

Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich dieser

Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich etwas

Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das Klatschen von

Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das Dönhoff als ein

Auto feststellte.

Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum

ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine Seele

sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte

sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie eine Reise erschien

ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, regenrauschende Berlin.

Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.

„Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe —

klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa Alexandra.“

Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine

Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen entdeckt,

kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige Adresse aufgesucht.

Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß die

Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.

„Er bekommt ein schweres Trinkgeld — sagen Sie —“

Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.

„Bitte, klingeln Sie — ich sehe schlecht!“

Offenbar hatte Alexa Gesellschaft — Lachen, Händeklatschen, ein sehr lauter

Phonograph, Stampfen — das traf sich ausgezeichnet.

Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß

„Rinaldo“ vor der Tür stände und sie erwarte. „Rinaldo! Sonst nichts! Sie

kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!“

Ah! Dönhoffs Herz pochte — es hatte nicht so laut gepocht, als die Granaten

einschlugen — ein Ausruf, ein Schrei! „Rinaldo! Wirklich?“ Und zwei Arme

umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende Arme.

„Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!“

Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den schlechten

Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!

Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe — und da waren also, wo sonst

die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese frechen Augen —

zwei rote Nähte, keine Augen mehr.

Alexa stieß entsetzte Schreie aus. „Mein Gott, was haben sie mit dir

gemacht?“

Sie weinte und stampfte mit den Füßen.

„Ah, diese Schurken!“ schrie sie — und der laute Phonograph spielte einen

Two-step — „Sie haben ihn blind geschossen!“ Und sie drückte ein paar rasche

Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.

„Meine Herrschaften!“ — der Phonograph schwieg — „Ich stelle Ihnen hier

meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff — ein lieber

Junge! Er ist blind — diese Schurken von Franzosen haben ihn blind

geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern sich, meine

Herren — er gewann so viele Rennen — Kitty, gehe weg — nun ist er also

wieder in Berlin — ja, hier bist du zu Hause, du lieber Junge!“

Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.

Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten.

„Noch etwas — ladies and gentlemen — er wünscht nicht, daß man auf ihn die

geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!“

Der Phonograph ertönte wieder — die Füße, die Schuhe schlürften.

Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei

Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm vorbei

flatterten die Röcke.

„Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause und

kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? Nein! Oh,

diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas Sekt für Baron

Dönhoff — vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie seinerzeit auf ihn

setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten! Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich werde sie dir vorführen.

Lola!“

„Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. Sie ist ganz

schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist eine ganz kühle

Person, ganz und gar nicht sinnlich — oder, Lola? Ja, so komm doch dicht an ihn

heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett

— er ist nett zu mir gewesen, vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und

am Sonnabend in Halensee tanzte — ja, fühle nur, die Brauen wachsen

tatsächlich zusammen — fühle nur — küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm

sein.“

Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.

„Das hier ist Fiffi — wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie ist die

Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die beste

Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind gefärbt — Fiffi — er

sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also alles beschreiben. Sie tanzt

wunderbar und hat zwei erste Preise gewonnen.“

„Und hier, das ist Thea — sie ist etwas üppig — aber Thea, er sieht doch

nicht! — sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich in sie

verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!“

„Und das hier — Rolli — come along! — Rolli — ein kleiner Teufel! Siehst

du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon

völlig verdorben. Pfui, Rolli — beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. Sie

hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche für Frauen und kennt die

Damen der höchsten Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt

an derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, wie

lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo — nun entstellt ihn ja

diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja rasch!“

„Und das hier — Reh — sie heißt Rebekka — Reh, komm hierher. Siehst du,

sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein bißchen

angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so,

küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.“

„Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt dir

ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet übermorgen,

und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie heiratet einen Sattler, der

im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, reizend wird es bei ihr werden.

Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen

in sie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist

herrlich. Fühle ihre Hüften — was sagst du? — Ah, siehst du, Rinaldo —“