Der 9. November
Kapitel 8
Luft — der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt. Auch er
richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese schneeweißen Augen.
Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen der
Hecht-Babenberg.
Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte
sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus ihrer Tiefe.
Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie
glänzten verächtlich.
Du?
Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!
Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?
Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.
Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!
Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.
Und nun blendeten sie plötzlich.
Du kennst meine Gefühle für dich, oder? — Du weißt es — lange, lange! Ich
ziehe die Konsequenzen, wenn du willst — ich stehe zur Verfügung — jederzeit
. . .
Ja, das sagten also Ottos Augen — oder täuschte er sich?
Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war
verschwunden.
„Niemand ist hier!“ sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang,
und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.
Eine — zwei — drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die
Blicke gekreuzt. Nicht länger.
Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch
den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. Jemand
tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der Nase — richtet
einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn — oder war es ein Gespenst?
8
Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause zu.
Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste Vorgärtchen
eintreten wollte — sie hatte schon die Gittertüre in der Hand — rief eine leise Stimme ihren Namen.
Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein Schatten.
Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den Lichtschein und
winkte.
Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog
dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.
„Sie? Was wünschen Sie von mir?“
„Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich habe
neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten. Ich darf mich
nicht sehen lassen —“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Vieles ist unverständlich — aber man hat mich gewarnt — ein hoher Herr ist
ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein Irrenhaus zu sperren,
wenn ich mich noch einmal sehen lasse.“
„Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!“
„Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir ein
bißchen weiter — so, danke — fürchten Sie nichts. Ich bin ein alter Mann, habe
auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese Tage nicht. Ja, neulich — ich
habe mich geschämt — aber gerade weil ich in diesem Zustand war, habe ich
etwas zu sagen vergessen — etwas sehr Wichtiges.“
„Bitte —!“
„Nicht ich allein also, das wollte ich sagen —“
„Nicht Sie allein —?“
„Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.“
Flüstern im Dunkeln.
„Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig — vielleicht sogar früher, ich weiß
es nicht — aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.“
Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.
„Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!“
„Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein — gehen wir — gerade kommt — so, ein
paar Schritte —“
„Ganz unmöglich!“
„Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.“
Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume
vorwärts.
Plötzlich bleibt Ruth stehen.
„Schwören Sie mir —!“
„Ich schwöre!“
„Schwören Sie mir — bei Ihrem Sohn, der gefallen ist —“
„Ich schwöre!“
„Beim Andenken Ihrer Frau — schwören Sie —“
„Ich schwöre!“
„Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen —“
„Ewig verflucht soll ich sein —“
Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des Parkes
hinein. —
Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.
Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer
pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die
Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel — ein Windstoß pfiff über sie dahin.
In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie der
Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die
Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei, drei,
fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren Staubwolke, die
aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von Blitzen griff nach ihr,
umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der Donner knatterte.
Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! Nein,
nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes —
Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte — in unheimlicher Eile — ein
weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein der Blitze,
pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr Schläfer, die Stunde ist
gekommen! Die glänzenden Hände berührten die Schultern der Dahineilenden,
daß sie erbleichten: Zögert nicht länger! An den schwarzen Scheiben der finstern
Häuser fuhr ein glänzendes Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten
des neuen Reichs. Seid bereit!
Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und die
glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender Schnelligkeit über
die Dächer der Stadt dahin.
Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt —?
Nun rauschte der Regen.
Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in Torbogen —
sonst war niemand mehr auf der Straße.
Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus dem schwarzen Himmel.
Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der Lessingallee.
Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn überrascht.
Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens und
das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!
Da — eine Droschke klapperte dahin.
„He, Kutscher — hundert Mark für die Fahrt!“
„Heda, Droschke! Droschke, halt!“
Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.
„Heda, Droschke! Hundert Mark!“
Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.
Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete sich
durch den Regen. „Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.“
„Hier stehe ich!“
Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die
Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich dieser
Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich etwas
Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das Klatschen von
Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das Dönhoff als ein
Auto feststellte.
Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum
ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine Seele
sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte
sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie eine Reise erschien
ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, regenrauschende Berlin.
Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.
„Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe —
klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa Alexandra.“
Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine
Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen entdeckt,
kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige Adresse aufgesucht.
Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß die
Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.
„Er bekommt ein schweres Trinkgeld — sagen Sie —“
Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.
„Bitte, klingeln Sie — ich sehe schlecht!“
Offenbar hatte Alexa Gesellschaft — Lachen, Händeklatschen, ein sehr lauter
Phonograph, Stampfen — das traf sich ausgezeichnet.
Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß
„Rinaldo“ vor der Tür stände und sie erwarte. „Rinaldo! Sonst nichts! Sie
kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!“
Ah! Dönhoffs Herz pochte — es hatte nicht so laut gepocht, als die Granaten
einschlugen — ein Ausruf, ein Schrei! „Rinaldo! Wirklich?“ Und zwei Arme
umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende Arme.
„Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!“
Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den schlechten
Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!
Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe — und da waren also, wo sonst
die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese frechen Augen —
zwei rote Nähte, keine Augen mehr.
Alexa stieß entsetzte Schreie aus. „Mein Gott, was haben sie mit dir
gemacht?“
Sie weinte und stampfte mit den Füßen.
„Ah, diese Schurken!“ schrie sie — und der laute Phonograph spielte einen
Two-step — „Sie haben ihn blind geschossen!“ Und sie drückte ein paar rasche
Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.
„Meine Herrschaften!“ — der Phonograph schwieg — „Ich stelle Ihnen hier
meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff — ein lieber
Junge! Er ist blind — diese Schurken von Franzosen haben ihn blind
geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern sich, meine
Herren — er gewann so viele Rennen — Kitty, gehe weg — nun ist er also
wieder in Berlin — ja, hier bist du zu Hause, du lieber Junge!“
Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.
Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten.
„Noch etwas — ladies and gentlemen — er wünscht nicht, daß man auf ihn die
geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!“
Der Phonograph ertönte wieder — die Füße, die Schuhe schlürften.
Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei
Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm vorbei
flatterten die Röcke.
„Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause und
kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? Nein! Oh,
diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas Sekt für Baron
Dönhoff — vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie seinerzeit auf ihn
setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten! Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich werde sie dir vorführen.
Lola!“
„Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. Sie ist ganz
schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist eine ganz kühle
Person, ganz und gar nicht sinnlich — oder, Lola? Ja, so komm doch dicht an ihn
heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett
— er ist nett zu mir gewesen, vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und
am Sonnabend in Halensee tanzte — ja, fühle nur, die Brauen wachsen
tatsächlich zusammen — fühle nur — küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm
sein.“
Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.
„Das hier ist Fiffi — wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie ist die
Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die beste
Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind gefärbt — Fiffi — er
sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also alles beschreiben. Sie tanzt
wunderbar und hat zwei erste Preise gewonnen.“
„Und hier, das ist Thea — sie ist etwas üppig — aber Thea, er sieht doch
nicht! — sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich in sie
verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist ein so lieber Junge!“
„Und das hier — Rolli — come along! — Rolli — ein kleiner Teufel! Siehst
du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre alt, aber schon
völlig verdorben. Pfui, Rolli — beherrsche dich doch! Aber sie ist sehr süß. Sie
hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine kleine Schwäche für Frauen und kennt die
Damen der höchsten Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt
an derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, wie
lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo — nun entstellt ihn ja
diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja rasch!“
„Und das hier — Reh — sie heißt Rebekka — Reh, komm hierher. Siehst du,
sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein bißchen
angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse ihn, so, so,
küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.“
„Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt dir
ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet übermorgen,
und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie heiratet einen Sattler, der
im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, reizend wird es bei ihr werden.
Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles echte Steine, aber er ist so verschossen
in sie. Fühle doch ihre Wangen. Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist
herrlich. Fühle ihre Hüften — was sagst du? — Ah, siehst du, Rinaldo —“