Der 9. November
Kapitel 4
Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen,
Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer, und
Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.
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Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.
Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben, daß
Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er war kein
Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen — wie sollte er
da ein Beobachter sein?
Ja, auffallend geändert!
Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und
kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr Auge
bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich auf Sekunden
ihre Blicke.
Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr
begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen — noch heute zitterte die
Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die Augen
niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: Papa schlägt die Augen nieder!
Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis
war zwischen ihm und ihr.
Weshalb Papa, so sprich doch!
Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht
mehr auf.
Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie sprach
sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie sang nicht mehr,
trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu tun pflegte — um
erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht wußte. Ihre Lippen waren
bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das unsichtbare Lächeln, das
früher über ihnen schwebte — fort war es.
Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange zu
bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen, über dieses
Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht mehr hören. Ach, dieser
Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser Otto, diese Dora, diese ganze
Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte und glaubte, es müsse so sein — nun, bald würde sie sie nicht mehr sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr
in ein Gespräch einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.
Vorläufig, bis dahin, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der Küche. Die
Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen noch bleicher und
elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken erschöpft auf den Stuhl,
stützten den Kopf, während sie aßen. Alle Augenblicke gab es Differenzen, ihre
Nerven flatterten. Die kleinen Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen
kicherten sie leise, um sich rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war
auffallend still geworden.
Ruth war eifrig bei der Arbeit — aber so oft ein neuer Gast eintrat, blickte sie
rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie suchte jemand!
Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im Havelock,
ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht mitgeteilt hatte. Tag für
Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.
Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr.
Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen Tagen. Die
Erde verschluckte sie nur so.
Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das Leihhaus
zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte! Aber sie weinte
nicht.
Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,
verschwunden.
Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge Ausschluß
geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit ihr in Babenberg
war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt — das war alles, was sie
erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer Bruder, wie vom Erdboden
verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht mehr, man hatte offenbar alle
verhaftet — nur sie ließ man in Ruhe.
Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende Stadtviertel
streifte — ja, plötzlich sah sie ihn.
Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.
Ein Rudel lachender und kreischender Kinder — und mitten darin ein
Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin fühlte, er!
Ja, er war es.
Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,
schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.
Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke, die sich
über die staubige Fabriciusstraße spannt.
Er hielt inne — gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern schlagen — und suchte seinen Blick zu sammeln.
„Geht weg!“ rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine
Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der abenteuerlichen
Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten Vorfälle gewöhnt.
„Ich möchte Sie einiges fragen!“ begann Ruth.
„Gerne — stets bereit!“ Herr Herbst schwang den Hut und schwankte
erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er betrunken
war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre Stimme klang nicht
mehr sanft und freundlich wie früher — hart, unbarmherzig. Ja, nun war sie also
gekommen . . .
„Nein, nicht gesehen — nur gehört“, stammelte er erbleichend, während sein
Blick flatterte. „Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es. Weshalb, weiß ich
nicht.“
Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf ihn
schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte hinter
jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.
„Und Sie können mir nicht sagen —?“
Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und
der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige
Backpfeifen erhalten würde — es war ungeheuer interessant.
„Sie meinen?“
Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe,
einer Ohnmacht nahe.
„Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?“
Ruth schrie ganz laut.
Welch eine deutliche, furchtbare Frage!
Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,
bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und machte
eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich — plötzlich fiel
er in die Knie.
„Ich, ich!“ rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. „Ich!“
„Sie —?“
„Ja, ich! Ich!“ Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller
Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.
„Ja, ich, Gott sei mir gnädig!“
„Sie —!? Weshalb nur —?“
„Weshalb? Ja, ja —“
„Was hatte er Ihnen getan? Er?“
„Weshalb? Unerklärlich — wie alles in dieser Welt. Wie alles — völlig unerklärlich — ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter —“