Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 70 von 87

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Der 9. November

Kapitel 4

Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen,

Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer, und

Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.

 

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Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.

Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben, daß

Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er war kein

Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen — wie sollte er

da ein Beobachter sein?

Ja, auffallend geändert!

Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und

kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr Auge

bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich auf Sekunden

ihre Blicke.

Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr

begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen — noch heute zitterte die

Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die Augen

niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: Papa schlägt die Augen nieder!

Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis

war zwischen ihm und ihr.

Weshalb Papa, so sprich doch!

Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht

mehr auf.

Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie sprach

sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie sang nicht mehr,

trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu tun pflegte — um

erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht wußte. Ihre Lippen waren

bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das unsichtbare Lächeln, das

früher über ihnen schwebte — fort war es.

Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange zu

bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen, über dieses

Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht mehr hören. Ach, dieser

Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser Otto, diese Dora, diese ganze

Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte und glaubte, es müsse so sein — nun, bald würde sie sie nicht mehr sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr

in ein Gespräch einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.

Vorläufig, bis dahin, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der Küche. Die

Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen noch bleicher und

elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken erschöpft auf den Stuhl,

stützten den Kopf, während sie aßen. Alle Augenblicke gab es Differenzen, ihre

Nerven flatterten. Die kleinen Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen

kicherten sie leise, um sich rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war

auffallend still geworden.

Ruth war eifrig bei der Arbeit — aber so oft ein neuer Gast eintrat, blickte sie

rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie suchte jemand!

Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im Havelock,

ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht mitgeteilt hatte. Tag für

Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.

Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr.

Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen Tagen. Die

Erde verschluckte sie nur so.

Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das Leihhaus

zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte! Aber sie weinte

nicht.

Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,

verschwunden.

Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge Ausschluß

geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit ihr in Babenberg

war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt — das war alles, was sie

erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer Bruder, wie vom Erdboden

verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht mehr, man hatte offenbar alle

verhaftet — nur sie ließ man in Ruhe.

Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende Stadtviertel

streifte — ja, plötzlich sah sie ihn.

Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.

Ein Rudel lachender und kreischender Kinder — und mitten darin ein

Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin fühlte, er!

Ja, er war es.

Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,

schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.

Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke, die sich

über die staubige Fabriciusstraße spannt.

Er hielt inne — gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern schlagen — und suchte seinen Blick zu sammeln.

„Geht weg!“ rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine

Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der abenteuerlichen

Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten Vorfälle gewöhnt.

„Ich möchte Sie einiges fragen!“ begann Ruth.

„Gerne — stets bereit!“ Herr Herbst schwang den Hut und schwankte

erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er betrunken

war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre Stimme klang nicht

mehr sanft und freundlich wie früher — hart, unbarmherzig. Ja, nun war sie also

gekommen . . .

„Nein, nicht gesehen — nur gehört“, stammelte er erbleichend, während sein

Blick flatterte. „Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es. Weshalb, weiß ich

nicht.“

Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf ihn

schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte hinter

jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.

„Und Sie können mir nicht sagen —?“

Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und

der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige

Backpfeifen erhalten würde — es war ungeheuer interessant.

„Sie meinen?“

Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe,

einer Ohnmacht nahe.

„Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?“

Ruth schrie ganz laut.

Welch eine deutliche, furchtbare Frage!

Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,

bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und machte

eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich — plötzlich fiel

er in die Knie.

„Ich, ich!“ rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. „Ich!“

„Sie —?“

„Ja, ich! Ich!“ Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller

Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.

„Ja, ich, Gott sei mir gnädig!“

„Sie —!? Weshalb nur —?“

„Weshalb? Ja, ja —“

„Was hatte er Ihnen getan? Er?“

„Weshalb? Unerklärlich — wie alles in dieser Welt. Wie alles — völlig unerklärlich — ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter —“