Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 30 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des

Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und

Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und mutig

geht ihm der Schritt entgegen.

Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die Joachimsthaler

Straße hinabwanderte.

 

2

 

Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war der

Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. Nun kam

der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber er kam nicht. Nun

kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber er kam nicht. Die

Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz schlug im Halse, und in der

Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.

Endlich, am sechsten Tage, kam er.

„Hier ist ein Brief, kleine Braut“, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi hatte

ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. Dieselbe

Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang auf den Briefträger

warten . . . Es ist immer das gleiche.

„Gib, bitte!“ sagte Klara, und ihr Atem stockte.

„Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?“ (Allein

würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)

„Ich verspreche! Feierlich!“ —

Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief . . .

„— wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben liegt

unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. Wir haben

eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen sogar ein kleines

Wildschwein.“ Ja, was ging sie das an?

Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!

Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die

Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern

kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes

Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker

Feuerschein fährt dann aus dem Walde.

Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem kleinen

frechen Meerheim — Du kennst ihn ja — etwas in der Nachbarschaft

herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen trotzdem ganz gut

miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt und Asche! Furchtbar

anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen und englischen Geschützen

in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in Brand. Ein Symbol des Schreckens

und des Krieges. Am Abend speisten wir in der Etappe, wo mich der kleine

Meerheim bei Bekannten einführte. Sie führen ein herrliches Leben, essen und

trinken und feiern ein Fest nach dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein

Rittmeister sein Eisernes Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es

böse her. Wie ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte

das Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo

die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege

begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie

wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die

Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle wunderbaren

Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, Kameradschaft!

Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef,

Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und

Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle

behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja hineingehoben. Aber

alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen behilflich wären und er aus

eigener Kraft hineinklettere.

Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. Nur

einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für mich,

das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der Luft.

Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er

schreibt ja kein Wort — keine Silbe . . .

Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm,

überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen

„Kücken“ bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: „Wo ist das Kücken?

Kücken, kommen Sie mal her!“

Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?

„Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte uns.

Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr elegant

gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus wunderbarem

weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren sie tipptopp. P. P.

hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit vollen Händen an die Mannschaften

verteilte. Ich mußte vorfliegen, und ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe —“

Das alles interessierte Klara nicht.

Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen

Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen kleinen

Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von Ordensauszeichnungen die

Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub fahren, bevor er nicht die beiden

Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le mérite an die Reihe! Ach, du lieber

Himmel, gewiß würde sie stolz auf ihn sein, aber . . .

„Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das große

und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe, und dem ich

meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines Lebens wird es

sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da oben messe! Ich werde

nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über alles werde ich Dir dann

schreiben, liebe Klara!“

Dann, kamen noch ein paar Redensarten. „Wie geht es Dir? Hoffentlich gut.

Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht Berlin?

Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er spielt sehr schön,

aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach seiner Decke werfen.

Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie ist

ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe. Hauptmann

Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für meine Fliegerei

sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!“

Klara weinte.

Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte genau,

was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher Feldbriefe hatte sie

bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit einem Offizier einzulassen.

Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und oberflächlich, nichts als Prahlereien

über Kämpfe und Geschwätz über Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front

kamen, waren sie gänzlich wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.

 

Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. Sollte

man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen Strang Wolle? Und

früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle Welt strickte Tag und Nacht,

Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie sollte man auf den Gedanken

kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen könne?

Früher — Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe — als der

Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein ausgeplündert schien

diese Stadt!

Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte — und

billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. Sie hatte

allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das Medaillon hatte eine

große Summe verschlungen.

„Es ist für meinen Mann, er ist im Felde“, sagte sie, wenn sie einkaufte und

errötete bei der süßen Lüge.

„So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?“

„Ja, wir sind kriegsgetraut.“

Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.

Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte. Nur

um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur hatte sie

Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! Die Damen

Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht anliegende

Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die Mutter ging immer in

der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.

 

— — — — — — — —

 

„Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. Dir

gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei überhaupt

vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen erhältst, aber ich

liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich war in der Kirche und habe

gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß ich mich schämte. Ich bin ein

dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine neue Locke. Bitte, tue sie in das

Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser getaucht, bei der ersten hatte ich das

vergessen. Verbrenne die erste, versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird

der Talisman wirken! Ich habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich

überhaupt nicht mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie

ich.

Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe in

diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. Ich lege sie

bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß ich immer an Dich

gedacht habe.

Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. Er

nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!

Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen.

Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es ja

besser als je, wenn man die Zeitungen liest.

Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen

zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich mußte so

schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so rasend

glücklich.

Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, als ob es

zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig von ihm, und das

finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn nicht mehr. Aber das ist ja

kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und zu sagen, er sei eitel und

eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi glaubt nicht, daß die Liebe zwischen

zwei Menschen ewig dauert. Aber ich glaube es. Und so geht der Streit hin und

her. Was glaubst Du, mein Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu

antworten. Ich weiß selbst, was Du glaubst.

Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine

originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, und sie

kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! Sonst lebe ich

ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. Denn es scheint mir

Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während andere draußen leiden. Wenn

ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle Theater schließen. Übrigens hat sich

eine schreckliche Unsitte bei uns eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen,

ihr Abendessen, mit ins Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit

dem Papier zu rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß

wir davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon

träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, die

Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk solle gar

nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. Überhaupt — sie hat

Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei die Tochter eines Generals!

Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, so wird man sie einsperren und das

mit Recht. Und doch ist sie anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir

gingen ein weites Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte,

wenn sie nur nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.

Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß er

schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück kann.

Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat mich gebeten,

sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi lernt nun Schreibmaschine

schreiben. Sie sagt, sie will sich nun unabhängig machen, und sobald sie Geld

verdient, wird sie ihre Koffer packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr

schon die Meinung sagen.

Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in seinen

Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott glaubt und