Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 80 von 87

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Der 9. November

Kapitel 3

„Aber diese vierzehn Punkte —?“ fragte der General mit einem mißtrauischen

Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von einem dicken

Umschlag umwickelt.

Wunderlichs Gesicht zuckte.

„Der Präsident ist ein Mann von Ehre!“

„Hm. — Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen zu

wollen.“,

„Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!“

„Hm. — Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja verboten.“

„Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen

sollen unter allen Umständen angenommen werden — unter allen Umständen?“

„Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses

Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!“

„Also bedingungslose Kapitulation?“

„Bedingungslose!“

„Hm.“ Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. „Hm, aber —.“

Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß sich

erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch —

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue

weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen sind

eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren geschlagen.

 

3

 

Nacht.

Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.

Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind die

Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel aus dem

Osten.

Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer und

Türme.

„Auf, auf, der Tag ist gekommen!“ Die Stimme schallt und die schlafende

Stadt erbebt. „Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich unter den

Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!“

Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.

Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der gleißende

Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, geballt, beginnen

zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte

schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu wandern. Vom Süden,

vom Norden, von überall her beginnen die Schatten, geballt zu wandern.

Hunderttausende von Schritten sind unterwegs.

Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.

 

— — — — — — — —

 

Endlich — ja, Gott sei Dank! — trillerte die Marspfeife wieder und die graue

Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger

entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In einer

wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger die Limousine um eine

auf der Straße stehengebliebene Karre voll Straßenschmutz herum.

Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den

gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas

müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen,

aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten

sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!

Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in

Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift — halt!

Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu

— rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die Haltung

wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht ein Tadel! Er fühlt sich

beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — aber welche Narren! Ein Blick auf

die Karte Berlins genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — und mit

zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu

halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften — junge Burschen,

kaum den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte nicht eben

tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses Jägerbataillons

beruhigt.

An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit

Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, als

käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl

zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den Marken

ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf

Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten.

Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den

Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, es war

selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine Vorsichtsmaßregel außer

acht zu lassen.

Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem

Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst.

Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung drückte

— soweit die Stellung des Untergebenen es zuließ — die Genugtuung aus, Seine

Exzellenz wiederhergestellt zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.

„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.

Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt

gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin

auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere,

die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr — wie früher, in den

alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer.

Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden — aber der

General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der gepolsterten

Doppeltüre mit den Aufschriften: „Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.“

Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,

stehenzubleiben, seine Knie zitterten — solche Anstrengung hatten ihm die paar

Treppen und Korridore bereitet.

Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine Loge

zurück.

„Ganz wie Anno Siebzig!“ dachte er. „Als wir alle Angst hatten,

gefangengenommen zu werden — und unser General sagte nur: Junge Hunde!

Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in sein Gesicht zu sehen.

Keine Besorgnis, nicht die geringste — ehek, ehek!“

 

Horch! Schritte.

Horch! Rufe.

Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.

Öffnet Kameraden!

Öffnet — wir sind es . . .

Jubel!

Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern Gebäude

entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt.

Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor.

Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den

tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!

 

Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß der

General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten,

Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, die blauen

Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, welche Unmenge

von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei

alles noch wie ehedem, arbeitete der General. Er versuchte es sogar mit einer

Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen

Händen.

Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles ruhig. Nach

ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe:

Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht zu treffen gewagt hatte.

Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor sich in

Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl es sich,

dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle

zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese Angelegenheit aber wollte der General

persönlich erledigen. Das Befinden? Ja, danke — um vieles besser, man kann

wieder anfangen!

Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die Schriftstücke

wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger Laut!

Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den

Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine

Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.

Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben. Laßt

sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!

Das Telephon.

„Ruhe, Kameraden!“

„Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!“

„Hurra!“

Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.

Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den

Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen — kein Laut. Die Feder, das

leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.

Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in

Weißbachs Hand.

Und der General erhebt sich.

Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das breite

Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.

Er neigt den Kopf. „Danke.“

Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.

Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch seine

Hände sind grau geworden.

„Entflohen —“

Ja, er sieht — plötzlich, merkwürdig genug! — Tribünen, schwarz von

Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, Federbüsche

wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht — und die Truppen ziehen

vorbei — endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, gleichmäßig wie die

Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in tadelloser Haltung vorbei.

Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen wie

farbige Beete eines unendlichen Blumengartens — und alle Augen sind auf den

Mann zu Pferd gerichtet — alle. Eine Frühjahrsparade.

„Entflohen —“

„Desertiert —!“

Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge

flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel steht

das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern sich an den

Schreibtisch.

Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im Nichts, ein

Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.

Aber da — hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden,

Rufe, Gesang —

Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem

schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt

mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude,

hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es wäre seiner

unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden Augenblick können

die Maschinengewehre hämmern — jede Sekunde — da! Rufe, Tosen, ein

unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter zerbrächen. Was ist das?

Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das rote

Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne

Blutvergießen. Die Masse war vernünftig.

Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen wie Gewichte.