Der 9. November
Kapitel 3
„Aber diese vierzehn Punkte —?“ fragte der General mit einem mißtrauischen
Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von einem dicken
Umschlag umwickelt.
Wunderlichs Gesicht zuckte.
„Der Präsident ist ein Mann von Ehre!“
„Hm. — Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen zu
wollen.“,
„Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!“
„Hm. — Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja verboten.“
„Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen
sollen unter allen Umständen angenommen werden — unter allen Umständen?“
„Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses
Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!“
„Also bedingungslose Kapitulation?“
„Bedingungslose!“
„Hm.“ Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. „Hm, aber —.“
Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß sich
erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch —
Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue
weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen sind
eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren geschlagen.
3
Nacht.
Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.
Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind die
Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel aus dem
Osten.
Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer und
Türme.
„Auf, auf, der Tag ist gekommen!“ Die Stimme schallt und die schlafende
Stadt erbebt. „Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich unter den
Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!“
Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.
Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der gleißende
Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, geballt, beginnen
zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich die Fenster. Schritte
schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, beginnen zu wandern. Vom Süden,
vom Norden, von überall her beginnen die Schatten, geballt zu wandern.
Hunderttausende von Schritten sind unterwegs.
Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.
— — — — — — — —
Endlich — ja, Gott sei Dank! — trillerte die Marspfeife wieder und die graue
Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die Fußgänger
entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in Sicherheit. In einer
wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft Schwerdtfeger die Limousine um eine
auf der Straße stehengebliebene Karre voll Straßenschmutz herum.
Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den
gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas
müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas geschwollen,
aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich nehmen. Es bereiten
sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!
Die Marspfeife schrillt — vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in
Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift — halt!
Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden zu
— rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die Haltung
wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht ein Tadel! Er fühlt sich
beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt — aber welche Narren! Ein Blick auf
die Karte Berlins genügt ja: einige Brücken, Kanäle, Straßen besetzt — und mit
zwei Dutzend Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu
halten. Nur Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften — junge Burschen,
kaum den Knabenjahren entwachsen — ja, obschon er die Gerüchte nicht eben
tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses Jägerbataillons
beruhigt.
An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit
Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, als
käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch Befehl
zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den Marken
ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten, auf
Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation strengstens verboten.
Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an den
Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, es war
selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine Vorsichtsmaßregel außer
acht zu lassen.
Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem
Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich tiefer als sonst.
Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine tiefe Verbeugung drückte
— soweit die Stellung des Untergebenen es zuließ — die Genugtuung aus, Seine
Exzellenz wiederhergestellt zu sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.
„Exzellenz!“ schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.
Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt
gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin
auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die Offiziere,
die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr — wie früher, in den
alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas langsamer.
Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden — aber der
General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der gepolsterten
Doppeltüre mit den Aufschriften: „Vortrag. Kein Zutritt. Anmeldung Zimmer 6.“
Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,
stehenzubleiben, seine Knie zitterten — solche Anstrengung hatten ihm die paar
Treppen und Korridore bereitet.
Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine Loge
zurück.
„Ganz wie Anno Siebzig!“ dachte er. „Als wir alle Angst hatten,
gefangengenommen zu werden — und unser General sagte nur: Junge Hunde!
Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in sein Gesicht zu sehen.
Keine Besorgnis, nicht die geringste — ehek, ehek!“
Horch! Schritte.
Horch! Rufe.
Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.
Öffnet Kameraden!
Öffnet — wir sind es . . .
Jubel!
Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern Gebäude
entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem Mantel zugedeckt.
Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des 9. November über Berlin empor.
Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den
tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!
Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß der
General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. Akten,
Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, die blauen
Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, welche Unmenge
von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor seiner Erkrankung, als sei
alles noch wie ehedem, arbeitete der General. Er versuchte es sogar mit einer
Zigarre, ließ sie aber bald wieder ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen
Händen.
Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles ruhig. Nach
ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit einer dicken Mappe:
Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht zu treffen gewagt hatte.
Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor sich in
Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl es sich,
dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung der höchsten Stelle
zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese Angelegenheit aber wollte der General
persönlich erledigen. Das Befinden? Ja, danke — um vieles besser, man kann
wieder anfangen!
Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die Schriftstücke
wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger Laut!
Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den
Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine
Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.
Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben. Laßt
sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!
Das Telephon.
„Ruhe, Kameraden!“
„Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!“
„Hurra!“
Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.
Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den
Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen — kein Laut. Die Feder, das
leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.
Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch flattert in
Weißbachs Hand.
Und der General erhebt sich.
Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das breite
Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.
Er neigt den Kopf. „Danke.“
Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.
Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch seine
Hände sind grau geworden.
„Entflohen —“
Ja, er sieht — plötzlich, merkwürdig genug! — Tribünen, schwarz von
Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, Federbüsche
wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht — und die Truppen ziehen
vorbei — endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, gleichmäßig wie die
Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in tadelloser Haltung vorbei.
Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem Feld, unübersehbar, anzusehen wie
farbige Beete eines unendlichen Blumengartens — und alle Augen sind auf den
Mann zu Pferd gerichtet — alle. Eine Frühjahrsparade.
„Entflohen —“
„Desertiert —!“
Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge
flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel steht
das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern sich an den
Schreibtisch.
Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im Nichts, ein
Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.
Aber da — hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden,
Rufe, Gesang —
Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem
schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein Schritt
mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote Gebäude,
hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es wäre seiner
unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden Augenblick können
die Maschinengewehre hämmern — jede Sekunde — da! Rufe, Tosen, ein
unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter zerbrächen. Was ist das?
Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das rote
Backsteingebäude erzitterte, entfernt sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne
Blutvergießen. Die Masse war vernünftig.
Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen wie Gewichte.