Der 9. November
Kapitel 5
Polizisten jeden automatisch zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes
Taschentuch zu schwingen, um sich damit die Nase zu putzen. Und hier — ohne
weiteres — wie die natürlichste Sache der Welt — eine rote Flagge, eine
rotleuchtende Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem
Dache! Die Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen
nicht, zwinkerten —
Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen
Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und
Bleibergwerke — über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, funkelte
sie.
„Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?“ Er meinte die
Wilhelmstraße.
Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die
Linden hinabschoß.
Diese Flagge — getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher
Würdenträger . . .
Schamlos.
Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern —
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Ich glaube!“
„Ich glaube an den Menschen!“
„Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an seine
heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die Brüderlichkeit,
die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! Dies ist mein
Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!“
Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, der
Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue Limousine
an ihm vorüber.
„Ich glaube —!“ Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er sprang
mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden. Sein weiter,
grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit großen, raschen
Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er gestikulierte heftig, und seine
rasenden, dunkeln Augen glühten in dem fahlen, mageren Gesicht.