Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 5 von 87

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Der 9. November

Kapitel 4

„Ich werde — Herr General?“

„Ja“, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. „Paris und Calais

werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden ins Meer

geworfen — im Sommer werden wir in Paris den Frieden diktieren. Dies ist

meine heilige Überzeugung!“

„Gott segne Sie, General!“ Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem Muff

und streckte sie lachend dem General entgegen.

Diese kleine Unterbrechung — während sich der graue Scheitel über die

kleine Hand beugte — benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz

schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich.

Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er noch

blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder zusammen.

 

Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine

hellen verwegenen Augen — doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab.

„Leben Sie wohl, Otto — auf gesunde Wiederkehr!“ sagte sie, und ihre

Grübchen schimmerten. —

„Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin — mich nach dem Befinden

Seiner Exzellenz zu erkundigen — ich darf doch hoffen, daß Seine Exzellenz

—“ Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen Raunen herab.

„Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug,

wissen Sie — und ein feindlicher Flieger — eine Bombe — aber Gott sei Dank

passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug — die Armen —.“

Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde erwachte sie, im Traum

erschreckt durch einen Feuerschein. So geheimnisvoll innig war die Verbindung

zwischen ihr und ihrem Bruder.

Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung.

„Ist es möglich — eine Bombe — und man erfährt es jetzt erst —? Wann?“

„Vor etwa zehn Tagen.“

„Vor zehn Tagen! Und man — haben Sie gehört, Dora?“

Der General konnte es gar nicht fassen.

 

4

Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse dunkele

Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara und Hedi

Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner von des andern

Rendezvous. Das ganz nebenbei.

Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte.

„Furchtbar, entsetzlich!“

„Wie beliebt?“

„Einfach entsetzlich!“

„Sie meinen, Otto?“

„Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! — Ich gehe übrigens links, Heinz.

Ich muß zum Kaiserhof.“ Otto machte erneut den Versuch, Heinz abzuschütteln,

weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe —?

Aber Heinz verstand ihn nicht. „Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das heißt

natürlich, wenn ich lästig bin?“

Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß

atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen dieses

Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte englische,

etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch — woher, das war

rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war glücklich, Doras Salon

entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte ihn bedrückt. Er hatte auch nicht

den Mund aufgetan und war sich albern, kindisch und ungeheuer dumm

vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals und besonders der gestickte

Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder was sonst für eine sonderbare

Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. Glücklicherweise, ja, es war in der Tat

ein Glück, hatte ihn der General gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte

er ihm flüchtig die Hand gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit

dem hohe Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich,

verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals, sie war

stählern und — eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck vergessen. Schon

aber kehrte seine alte Sorge zurück.

„Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein werden?“

wandte er sich hastig an Otto.

Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen

Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell

atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand erst

jetzt und lachte plötzlich.

„Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon im

August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!“

„Also, er glaubt es?“ sagte Heinz nachdenklich.

„Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover stünden.

Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.“

„Aber glauben auch Sie es?“

Wieder lachte Otto kurz auf. „Ich?“ sagte er, knurrte er. „Ich bin doch kein

Narr!“ Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen Waffen, wie

viele Frontoffiziere.

Kein Narr?

„Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General —?“

Otto lachte nun laut und belustigt. „Die Generale haben ihre eigene Meinung,

lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist ein Kapitel für sich.

Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent meiner Leute liegenlassen, und

mein General sagte: Na, das ging ja noch gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr,

übrigens — er will das Reich Karls des Großen wieder errichten.“

„Sie glauben also nicht daran?“ Heinz atmete erleichtert auf. „Es wäre ja auch

zu fatal,“ fügte er hinzu, „jetzt, da ich eben Feldpilot geworden bin.“,

Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto. Da er

aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher zu machen.

„Sie können mich nicht begreifen“, rief er aus. „Sie Glücklicher! Sie fahren ja

morgen zurück zur Front!“

Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die Front

benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit der Zone

des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte Dörfer, zersplitterte

Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. Weshalb auch, zum Teufel,

mußte er jede Minute daran erinnert werden, daß er morgen wieder zur Front

zurück sollte? Jeder Mensch, der die Front nicht kannte, tat so, als fahre er zu

einer Hochzeit. Ja, tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings,

die sie kannten — nun, die sagten gar nichts — höchstens ein verstehendes,

etwas schadenfrohes Lächeln.

Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform

hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er, völlig

unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den eisigen Hauch, der

von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz unvermutet, schnürte ihm eine

sonderbare Empfindung die Brust zusammen — Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig

sah er einen Feuerschein vor seinen Augen, der ihn erschreckte: den kurzen

hellen Blitz des explodierenden Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer

um die Ecke fahrenden elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen

einer Granate vorgetäuscht.

Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte — genau wie

draußen, wenn sie heranzischten.

„Hören Sie, Heinz,“ sagte er, „wie diese Elektrische um die Kurve fährt?

Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug

hinauskommen.“

Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. „Ich freue mich unbändig“, rief

er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto hob. „Denken Sie, ich war

fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich konnte ja nicht hoffen, noch

mitkämpfen zu dürfen.“

„Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten

einschlugen“, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und

heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz auch

nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm sagen, daß er

in Angstschweiß gebadet — betete? So unglaublich es klingt. Betete! Er!

Übrigens — das ging ihm durch den Kopf — bei Souchez — die Toten lagen mit

ihren genagelten Stiefeln in Scharen draußen — sie hatten schwere Verluste, ein

abgeschlagener Angriff — da kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den

Graben — im Feuer! — das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die

Franzosen schossen — aber er, er stand — mit dem Kreuz in der Hand. Friede

sei mit Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die

Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete — ohne zu glauben, das ist

etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen — wie Ratten, auf

die geschossen wird — hin und her — wie Ratten — von Unterstand zu

Unterstand — und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde Scheibe geschossen.

„Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich erinnere

mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein Bein auf einem

Obstbaum —“

„Wie? Ein Bein?“

„Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.“

„Brr!“

„Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu

schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. — Übrigens ist

es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze noch nicht kennen — für

Sie als Flieger ganz besonders.“

„Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar vor.

Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß ich

gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist schrecklich.“

„Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen wird.“

Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. „Aber natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,“ rief er aus, „im Feuer

fliegen!“

Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die Hand

hin. „Ich muß jetzt — Sie verzeihen, Heinz — ich muß gehen!“ Immer noch war

er etwas bleich.

„Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!“

„Hoffentlich!“

Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist! Und

doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein!

 

Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm

verwundert nach.

Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde Wiederkehr!

Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein Lächeln, eine

gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, zu allem Unheil

kam noch der Alte dazu —!

Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur eine

dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen fielen, lag

auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit schwitzten. Und schon

war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden.

Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen.

„Das Stück kostet —“

„Ich möchte alle.“

„Alle?“ Sie kosteten ein Vermögen.

„Einen letzten Gruß!“ schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen

rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete, verwirrte

ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar banalen Worte

und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich sein, jeder Mensch,

dieser Petersen und diese Frida, die herumspionierten, mußten die Karte lesen

können. Ohne diese Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben

sollte.

Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen — und wieder

erbleichte er.

Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte spöttisch hinter

dem Offizier her.

Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen früh um

sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm — und die ganze Nacht.

Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen

wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen — keine Eile — mochte

sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an Deutlichkeit fehlen

lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes Mädchen usw. usw. Wie man in

solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, nach diesem Brief gab es ein Zurück

nicht mehr. Und doch hatte sie ihn wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig

einverstanden, zu Ende, natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch

einmal kurz sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von

5 bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute

finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge Dame vier

Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.