Der 9. November
Kapitel 4
Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht.
Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer, die Füße
auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen.
Mit einem Blick übersah er alles!
Die Türen standen offen — alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer der
Offiziere — keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und Schreibtischen.
Weißbachs kreidiges Gesicht — und Weißbach trug Zivil . . .
Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn —
„Es ist Zeit, Herr General!“
4
Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an
Kopf. Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor,
schwingt den Hut — Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.
Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen alle
offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, Gewehrpyramiden und
Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die großen Ballen sind
geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes überschwemmten. Die Ballen
mit den Karten ferner Länder, ferner Provinzen — der Peipussee, der Kongo . . .
Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit der
Hand das Steingeländer, zum erstenmal.
Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die Straße.
„Schnell!“ ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung. Die
Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht begriffen.
Da! Da!
Aber was ist das?
Der General taumelt zurück.
Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt — kein Wort — er schnellt in
langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende Flugmaschine hebt er sich in
die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus. Matrosen! Und es flattert, weht —
eine rote Flagge! Verschwunden.
Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.
Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster — die
Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen — das war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen dünne Balken. Und
der tobende Lärm in der Stadt — jetzt begriff er.
Der greise Portier schloß den Wagenschlag.
Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr. Er
hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah er heute
aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, mit seinem
dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem hohlen Blick
erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier, wie man sie in den
zoologischen Gärten sieht.
Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen. Der
Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer weiter.
Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen — unmöglich.
Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.
Schon knattert es in den Straßen!
Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf
seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem
zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen ihn.
Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein Körper
zu Boden.
„Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten haben,
Herr Hauptmann!“
Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer
die Achselstücke ab.
Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.
Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem
Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt — ganz still!
Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf spähte —
und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die Wilhelmstraße
hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den Westentaschen
verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die eigenen Füße
stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den Toren, pomadisierte
Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein hagerer Elegant stelzte eilig über
die Straße, Perücke, mikroskopisches Schnurrbärtchen unter der Hakennase,
ganz kurzes Überzieherchen, er schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten
Knie: vor dem Kriege Botschafter . . .
Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer Türspalte.
Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der Linden zu werfen. Sein
dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die Ecke verschwunden.
Hinter ihm her eilte Professor Salomon — mit dem Kürbiskopf und den
abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen und
den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat unbekümmert. Aber
fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein paar Sprünge . . .
„Kommen Sie, Herr Geheimrat —“
„Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!“
„Ja, keine Kleinigkeit — wie?“
„Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!“
„Und ganz überraschend!“
„Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!“
„Trotz mancher Symptome — — da, da! — haben Sie gehört?“
„Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen
ins Amt — wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage — England
soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns — — da — schon
wieder!“
„Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren — kommen Sie.
Ob wohl noch Züge fahren?“
„Sie reisen?“
„Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .“
„Ah, wie schnell Sie gehen!“
„Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und
Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .“
Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe auf:
„Rasch, rasch!“ Willenlos gehorcht der General — und schon fährt
Schwerdtfeger davon.
Ein Zebrakittel! „Bitte Exzellenz!“
Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der
Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.
Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, die
im Sturmschritt dahineilten.
Er trat ein — beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen mußte an
den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es ist — ich sehe
etwas schlecht . . .
„Ich werde nicht lange stören, Petersen“, stammelte der General. „Nur einen
Augenblick — wir kamen nicht weiter.“
„Gnädige Frau werden sehr bedauern —“
Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der General atmete auf.
„Gnädige Frau reiste gestern ab — nach Pommern, aufs Land, zu einer
Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein Glas
Wasser bringen.“
„Olsen, sagten Sie?“
„Ja, Olsen. Darf ich nun bitten — eine Sekunde — Exzellenz sind ganz blaß
geworden . . .“
„Und Hauptmann v. Dönhoff?“
Petersen tat erstaunt.
„Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns, mitten in der
Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern —“
Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der
Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach jedenfalls
eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der Revolution überrascht
worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach Kampfer riechenden, kurzen,
altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit großen Taschen, schweren
Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas abgeschabten Pelzkragen.
Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer krummen Hahnenfeder hinten,
wie Jäger ihn tragen.
Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen die
Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.
Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der
Himmel selbst strahlte Verheißung.