Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 53 von 87

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Der 9. November

Kapitel 8

Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles bis

ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich entschlossen, alles

hinzuwerfen — auch das Gehirn unter der Schädeldecke — und die letzte halbe

Million zur Schlachtbank führten.

Vielleicht, vielleicht —

Komme, gebenedeiter Tag!

Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen feilhielten —

sie entflohen — sie jagten die Linden hinunter — verfolgt von der Meute. An

der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine Zeitungsfrau, man hatte sie

gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu denken.

Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang — und

die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden Ausfall.

Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels. Hell

funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.

Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall flatterten die

Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst belebte die Hoffnung.

Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in den Werkstätten wurden

rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, blitzten die Räder.

Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten breitete,

in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden, Sterbenden

ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.

Ja, komme, du gebenedeiter Tag!

Aber horch! Was ist das?

Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von

tausend gemarterten Hunden — nichts, nein, nichts, es ist nur eine

Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht erstklassig,

Bucklige, Lahme, Greise — was willst du? — und eben feuert auch die Batterie

aus dem Siebziger Krieg Viktoria.

Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord.

Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, aber

noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und Webwaren, das

Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger werden nicht zögern.

 

8

 

Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende Rot eines Mantelaufschlages.

Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der Sonne,

wandelt die Linden einher.

Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und Blut

der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen

glänzen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die

Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den

Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob die

Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde und

Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie galt der

unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten und

Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel spielten — da

draußen . . .

Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer.

Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst der

Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch — selten nur, höchst selten bot der

General seine Augen den neugierigen, zudringlichen Blicken der Mitmenschen

dar — standen heute die Augen offen und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie

wenn die Sonne das Eis leckt. Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph,

ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was

nur in äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger

in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten

spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens

eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu

Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen.

Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und

beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen

Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen und den

ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen liebte.

„Diese Menschen!“ sagte der General.

Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden

— an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen,

schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern.

Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik — und der Schritt der

siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom

Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne — jenes Dröhnen, unter dem die Welt

erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .

Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der

Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen den

schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, schweigenden Rohre,

die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge,

Tücherwinken auf den Tribünen — gab es etwas Ergreifendes für ihn, etwas

wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der

glücklichste Tag seines Lebens werden!

Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, beim

Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen

bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. Dieselben Augen, kühn

und nachdenklich beim Alten, verwegen und leichtsinnig beim Jungen.

Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der

Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und die

linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. Beide

groß, massig.

Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so einfach.

Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen schwankte er

auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von Gedanken erfüllt, die

seinen Gang beeinflußten.

Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet — Ottos Blick

dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im Lazarett, vergessen

und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte es ausgerechnet, ein volles

Jahr, zwölf volle Monate lag er während des Krieges im Lazarett. Vier volle

Monate mit diesem verdammten Kopfschuß, einen Monat mit der Ruhr, zwei

Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung und so weiter — und schließlich

diese Kleinigkeit mit der Hand. Die nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt

im Lazarett so angenehm wie möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war

reichlich gedeckt.

Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah nur —

Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! — ein Jahr Lazarett — ja also nichts

anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit anderen beschäftigte er sich

überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine

Hüfte, keine Locke entging ihm. Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene

Kleine aber, unscheinbar, voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort

unter dem Blick erweiterte — lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem

Blick augenblicklich auswich — gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie

verstand augenblicklich.

Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich.

Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte sie

individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem frechen Blick

des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete die Schamröte völlig

falsch.

Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der

Hüfte — drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des Generals

völlig zerstört.

Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu

schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte mit beiden

Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn war angefüllt mit

weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, Frauenlippen,

Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und Nacht wollte er

dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst frei ließ. Er wollte sie

nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. Tag um Tag —

Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins

Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein Ort, wo

scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke — und doch, früher hatte er sich

oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft hatte er sich dem

Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, perverse Laune — und die

Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr vorbei! — unbegreiflich!

Und seine Eitelkeiten — wie lächerlich waren sie doch! Wie unverständlich.

Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu werden! Was galten ihm

jetzt die Ordensauszeichnungen?

Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr! Welch

erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für das Vaterland

zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, die nie den

schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte er, daß es nichts als

verlogene Phrasen waren, mit denen nationalistische Redner und Redakteure, die

sich selbst in Sicherheit befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir

das Heldentum den Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel

einmal zu ihm gesagt — und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff

er ihn.

Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!

Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. War

er es wirklich gewesen?

Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten

französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, und auf

alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in der

Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei Gott niemand mehr hereinholen — nicht einmal seinen Vater — höchstens ein schönes, junges