Der 9. November
Kapitel 6
„Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute
zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und Schlachtschiffe
zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! Ich
glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache sprechen werden, einerlei
welche, denn nicht um die Sprache handelt es sich, allein um die Gedanken, die
sie damit ausdrücken!“
„Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,
an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche
noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei gleichen
Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den Sieg des Rechts
über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche Ideen
die Welt bewegen und nicht die Kanonen.“
„Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das kommende
Menschenreich auf Erden — das Reich der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und
Schönheit!“
„Auch an dich glaube ich, mein Volk!“ rief Ackermann mit rasenden,
glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, dachte
er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen — in dieser
entsetzlichen Verfinsterung — so gut tut es.
In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. Etwas
Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper,
Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, der
Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.
Schon —? Schon —? Verheißung . . .
Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und — so
erregt war er — deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine Lippen
bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.
Dann nahm er die Mütze ab.
„— Licht aus dem Osten, Morgenröte —“
6
Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der kleine
Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er
kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.
„Also nicht?“ flüsterte er aufgeregt vor sich hin. „Und ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte sich gewiß daran
erinnert. Nun, vielleicht — wenn auch dieser Portier glaubt — ein alter Mann,
was weiß er?“
Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut auf
dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem
Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege — wie lange lag sie schon da? Wieder
stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof gehörte zu jenem
bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen.
Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen Ballen der neugedruckten Listen,
täglich, seit dreieinhalb Jahren — sie fielen da draußen wie das Laub der Bäume
im Herbst.
Wie das Laub — nicht anders — so dachte Herr Herbst, voller Gram.
Auch er, sein Sohn — Robert — war gefallen — nun — wie ein Blatt — das
einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .
Er nickte vor sich hin.
„Wie ein Blatt —“
Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.
„Und niemand sah es!“
Ach, ach, ach!
Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, quiekender Schrei.
Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.
Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine Suppe.
Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, urplötzlich.
Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.
Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten sie
sofort schließen müssen.
Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am
Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke, wenn
auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als
Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, nichts als
Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. Hier dagegen
verkehrte nur gutes Publikum.
Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne Stenotypistinnen,
düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte Studenten, Mappen und Bücher
unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie standen um die kahlen Holztische und
warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte
strömten in das düstere Lokal.
Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,
hustend, trüb die Augen, fiebernd — sie alle waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr — spielt keine Rolle, sie
entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für sie auf dem
Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, die kleinen wächsernen
Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für möglich halten — während schon
die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie erregten sich, debattierten, das Blut
stieg in die bleichen Gesichter.
„Haben Sie gelesen — haben Sie gehört — nun behaupten sie, daß wir Fett
aus Leichen herstellen.“
„Fett aus — wie sagen Sie? Wer —? Fett?“
„Die Entente, natürlich!“
„Diese Schurken, diese —!“
„Ah, ah — aber das ist doch —!“
„Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?
Darf man — ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern — die
Grippe. — Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui —!“
„Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, beim
Essen besonders. Und die Regierung —?“
„Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar nicht.
Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig,
über alle Maßen.“
Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte
Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen
Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen wurden ja
gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war es weitaus
besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und unangenehm, zum
Erbrechen.
Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf — und dort, dort stand sie
— der Liebling!
Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut,
manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in diesem Wirbel
von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, seine Tochter — die
Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen
von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte.
Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte.
So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen — sollte man es
für möglich halten — mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm — ein
gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde
gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte,
hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie etwas