Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 21 von 87

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Der 9. November

Kapitel 6

„Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute

zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und Schlachtschiffe

zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen zerreißen wird! Ich

glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache sprechen werden, einerlei

welche, denn nicht um die Sprache handelt es sich, allein um die Gedanken, die

sie damit ausdrücken!“

„Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,

an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche

noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei gleichen

Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den Sieg des Rechts

über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich glaube, daß göttliche Ideen

die Welt bewegen und nicht die Kanonen.“

„Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das kommende

Menschenreich auf Erden — das Reich der Vernunft, Gerechtigkeit, Würde und

Schönheit!“

„Auch an dich glaube ich, mein Volk!“ rief Ackermann mit rasenden,

glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, dachte

er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen — in dieser

entsetzlichen Verfinsterung — so gut tut es.

In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. Etwas

Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen Körper,

Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel blendete, der

Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.

Schon —? Schon —? Verheißung . . .

Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und — so

erregt war er — deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine Lippen

bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.

Dann nahm er die Mütze ab.

„— Licht aus dem Osten, Morgenröte —“

 

6

 

Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der kleine

Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine Kartoffelsuppe. Er

kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.

„Also nicht?“ flüsterte er aufgeregt vor sich hin. „Und ich wartete extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte sich gewiß daran

erinnert. Nun, vielleicht — wenn auch dieser Portier glaubt — ein alter Mann,

was weiß er?“

Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut auf

dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. Auf dem

Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege — wie lange lag sie schon da? Wieder

stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof gehörte zu jenem

bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die Verlustlisten auslagen.

Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen Ballen der neugedruckten Listen,

täglich, seit dreieinhalb Jahren — sie fielen da draußen wie das Laub der Bäume

im Herbst.

Wie das Laub — nicht anders — so dachte Herr Herbst, voller Gram.

Auch er, sein Sohn — Robert — war gefallen — nun — wie ein Blatt — das

einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .

Er nickte vor sich hin.

„Wie ein Blatt —“

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.

„Und niemand sah es!“

Ach, ach, ach!

Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, quiekender Schrei.

Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.

Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine Suppe.

Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, urplötzlich.

Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.

Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten sie

sofort schließen müssen.

Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am

Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke, wenn

auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine Mark als

Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, nichts als

Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. Hier dagegen

verkehrte nur gutes Publikum.

Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne Stenotypistinnen,

düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte Studenten, Mappen und Bücher

unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie standen um die kahlen Holztische und

warteten geduldig auf Platz. Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte

strömten in das düstere Lokal.

Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,

hustend, trüb die Augen, fiebernd — sie alle waren schon gezeichnet. Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr — spielt keine Rolle, sie

entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten für sie auf dem

Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, die kleinen wächsernen

Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für möglich halten — während schon

die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie erregten sich, debattierten, das Blut

stieg in die bleichen Gesichter.

„Haben Sie gelesen — haben Sie gehört — nun behaupten sie, daß wir Fett

aus Leichen herstellen.“

„Fett aus — wie sagen Sie? Wer —? Fett?“

„Die Entente, natürlich!“

„Diese Schurken, diese —!“

„Ah, ah — aber das ist doch —!“

„Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?

Darf man — ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern — die

Grippe. — Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui —!“

„Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, beim

Essen besonders. Und die Regierung —?“

„Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar nicht.

Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat Bedenken, unfähig,

über alle Maßen.“

Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte

Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein Stückchen

Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen wurden ja

gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war es weitaus

besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und unangenehm, zum

Erbrechen.

Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf — und dort, dort stand sie

— der Liebling!

Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut,

manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in diesem Wirbel

von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, seine Tochter — die

Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen

von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte.

Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte.

So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen — sollte man es

für möglich halten — mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm — ein

gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde

gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte,

hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie etwas