Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 54 von 87

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Der 9. November

Kapitel 9

Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.

Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser,

offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General einher,

jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine

glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch spiegelt sich im

Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die deutsche auf den armseligsten

Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto hatte absichtlich den Mantel zu Hause

gelassen, obschon es noch keineswegs warm war.

„Ha!“ lachte der General vor sich hin.

„Wie, bitte, Papa?“

„Diese Menschen, sie sind närrisch!“

Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner

Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und flüchtig

tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß —

Hedi!

Hedi — in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute — einen

wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.

Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie eine

Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten und

nichts mehr dabei findet.

Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in einer

Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine Saharet, und

sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels „Privatsekretärin“ geworden war. Ströbel

hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen —

und dann war die andere, wie die Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal

die Nachfolgerin der Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin,

Hedi erhob sich weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse —

aber sie war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war

Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi

schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!

Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde leider

gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels „Hotel“ einzustellen — schade, sehr

schade.

 

9

Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. Man

vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst ganz

unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte es, ganz wie

an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische tranken Sekt.

Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf das Wohl

der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden Rittmeister, die den

General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen Kreis von Freunden geladen,

und der raunende Oberkellner schleppte Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast

— und dreimal, gedämpft, aber begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.

Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er

bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein

ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen — nun Gott sei Dank war

es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen können.

Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von elf Uhr an wurde

er erwartet.

Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren

geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und 6. August

— damals, Quatre vents!

Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um ihn

tobte — so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie die Brandung

eines höllischen Meeres — von Horizont zu Horizont. Krachen, Stampfen, der

Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur

schmecken, das Gelbkreuz und Blaukreuz — diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln

ohne Erbarmen, voll grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des

Generals.

Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was er

nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke — der

seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer rannte, und den

Unwillen Seiner Exzellenz erregte — dieser Schneider Hanuschke, mit dem

Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser Minute, da der General

einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben lief. Nein, ihn sah er nicht.

Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen

zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, da

der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.

Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten die

zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.

Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf

ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht — ganz wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit der gleichen

Bewegung — und schon flitzte er wieder wie das Wetter selbst über den Acker,

und schon stürzte er sich wieder in ein Loch hinein, diesmal in einen

Granattrichter. Dieser Teufel, dieser verfluchte Teufel, keuchte er und horchte —

(der General goß eben Fachinger in sein Glas) — niemals in seinem Leben hatte

der Schneider etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem

englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott weiß was

hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte ihn immer wieder

und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein Gesicht, die kleine Bombe

in der Hand, selbst den gestutzten kleinen Schnurrbart über den Zähnen —

dieses Granatloch bot keine genügende Deckung, und wieder schoß der kleine

Schneider dahin — jenem Wäldchen zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der

Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter!

—

Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.

„Und du?“ fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.

„Wie beliebt, Papa?“

„Und du?“

„Was soll ich?“

Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder: „Ich

meine — für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front zu sein —

gerade jetzt?“

Otto errötete.

„Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte bestimmt

wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?“

„Vier Wochen ist der früheste Termin.“

„Der früheste —?“ der General wiegte bedauernd den Kopf. „Weiß Gott, wie

die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.“

Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war es

höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam ihm

abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte dem

Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe seines neuen Amtes, ein

Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon morgens um sieben Uhr begann.

Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle entziehen wollte.

„Der Dienst in erster Linie“, erwiderte der General. Er hielt inne.

Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, schon

etwas lauter: der Kaiser!

Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. —

Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?

Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem

rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden

konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen

Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? Über

diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, aber das

war schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. Seine

zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte über einen gefallenen

deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem Hals dalag, hinweg — schon

brauste das Brummen wieder hinter ihm her. Da aber schrie Hanuschke vor

Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem gestutzten, kleinen Schnurrbart schien

jetzt aufs Ganze zu gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf

anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher

Beobachter mit dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein

feindlicher Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der

feindliche Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm

abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah

komisch aus, wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte

laut aufgelacht — aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem

Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht passiert war.

Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über

ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder auf den Boden, daß der

Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein Ball geworfen wurde. Sollte er

verrecken, der Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte wieder

um. In seiner Verzweiflung lief der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach,

aber durch, Glück mußte man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen

und Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der

Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde

zugedeckt. Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig

kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas,

womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte eingeschlagen.

Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.

Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte — da war er.

Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer

Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit — bei Souchez —

wie der Feldstecher neben ihm herunterkam — und er dachte, daß er einmal

anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und plötzlich einem

General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, wer

weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin säße?

Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im

geringsten. —

Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war

Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.

Der General handhabte einen Zahnstocher.

Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden

Rittmeister hinweg.

„Ruth macht mir Sorge!“ sagte er.

„Ruth?“

„Ja. Sie macht mir Sorge!“

„Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher

Mensch.“

„Oberflächlicher Mensch?“ Voller Erstaunen blickte der General Otto an.

„Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.“

Der General schüttelte den Kopf.

„Das ist es nicht . . .“ Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte sich

wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug gewesen,

es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. Otto hatte sich nie

viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von jeher üblich war, jeder

lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er häufig mit ihr. Er trank sogar einmal

Tee in ihrem kleinen Salon, immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er

aber mit Ruth über Tod und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er

Ruth für einen der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises,

von der Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die

verschiedensten Dinge gebildet — er wollte nur so viel sagen — noch vor einem

halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In mancher Beziehung

allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten — besonders für eine Dame,

eine Dame — kein Wunder — der arme Papa!

Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.

Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch der

Gesellschaft nebenan. Es war eine „Feuerzange“, eine hochprozentige Bowle. Ja,

wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.

Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung

zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen? Und der

Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu Sieg führten,

waren imstande, den Frieden zu machen.

Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in diesem

Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden. Erst als alle

Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die Teppiche des