Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 12 von 87

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Der 9. November

Kapitel 11

 

Einen Augenblick nur!“ Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, die

heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel

besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein unbefugter Blick

konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war alles bis ins Kleinste

wohlorganisiert.

Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn

ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche

durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit einem

Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder glaubte sprechen

zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm beliebte, ja: wie laut, das

war es — Einen Augenblick nur —

Reserven — ungeheure Heere — wie eine Sturmflut werden sie sich

dahinwälzen . . . schon schlief der General.

Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe Röcheln

aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas pickte am

Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: durch die Scheibe

starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. Eine faustgroße Larve von

leuchtendem Blau — in der Tat, ein intensives Blau, wie eine Spiritusflamme in

einem dunkeln Raum — und erloschene Fischaugen mit einem toten Glanz. Von

diesem stahlblauen, aus sich selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn

aus, obschon das Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.

Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so stark, daß

der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort konstatierte, eine volle

Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster — aber es

war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge waren dicht geschlossen. Er

räusperte sich, laut und ungeniert, wie es seine Gewohnheit war, und warf einen

Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen,

Dunkelheit, keine Seele weit und breit.

Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder vor

ihm — und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers — auch die Augen mit

dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener — von heute nachmittag, natürlich,

dachte der General. Er hatte das Gesicht nachmittags kaum beachtet. Es ist jener

kleine Alte, der den Brief überbracht hat.

Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte — wirres und

törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht . . . Ja, wo steckte

der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon dieser Umschlag —

Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die

Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, mehr

als das. Er entfaltete den Brief und las ihn — langsam, immer langsamer, immer

aufmerksamer.

Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, aber

nicht eine leichte Ziegelröte, sondern — Feuer. Die Stirn legte sich in tiefe

Falten —

Wie —? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.

Aber —? Was wollte er — gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf Quatre

vents — nun, und — wie? — sogar von Ruth stand etwas hier, denn Ruth war

wohl gemeint — wie? Nein — er hatte den Brief wirklich nur ganz flüchtig

überflogen — er erinnerte sich nur, daß von der Bitte um eine Audienz die Rede

war.

Wirr — mehr noch, viel mehr als wirr:

— untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, hat

unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August beim Sturm

auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, die einzige

Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir gnädigst mitzuteilen, wo sein

Grab sich befindet, und besonders, ob das Grab nicht den Granaten ausgesetzt

ist! Dies beunruhigt mich sehr, so daß ich gänzlich schlaflos geworden bin —

Wie? Was meint er? Ob das Grab —?

Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.

Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut

geweckt.

Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor

den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August — am Abend

des 6. war sie verloren!

Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte —

behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle Augen

— sie schwangen die Helme: hurra — und der General, auf der Treppe seines

Schlosses — salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte — jetzt hörte er es

wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches Flugzeug in den

Schloßpark, mitten in den Rosengarten.

„Herr General, die Jägerbataillone!“

„Ich komme.“

Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!

Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken.

Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach Nationen

geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel eines Franzosen, daneben traf

er auf einen deutschen Infanteriestiefel. Auch auf Knochen stieß er, nicht auf

frische, sondern auf alte gelbe Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von

Quatre vents hatte sich ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben

— wo war es hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe

abgetragen. Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft — ganze

Kompagnien und Bataillone flogen hoch — hoch Deutschland! — vive la

France! Sie kehrten nicht wieder.

Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer

sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es ganz ruhig

war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen Geruch aus, man

trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot waren — sonst hatte die

Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, nichts Furchtbares, und der General

sagte sich im stillen, daß all die Geschichten von den Schrecken der Höhe von

Quatre vents übertrieben wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas

mehr ihr wahres Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die

Franzosen warfen schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten.

Ganze Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe

herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen Quergang,

wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn er, der General,

hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts seiner Offiziere und Leute, die

aus den Stollen lugten, hätte er sich ohne Wimpernzucken in Stücke reißen

lassen. Damals passierte ihm auch die — offen zugestanden — Albernheit mit

jener ungeschickten Frage. Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der

herabstoßenden Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem

eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine zerfetzte

Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß der General

keineswegs vermuten konnte — kurz und gut, er fragte: „Na, ihr habt wohl

geschlachtet?“ Welche unbegreifliche Albernheit. — Die Grabenoffiziere

antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich sah der General ein

Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, daneben ein Stück des

Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war ihm die Frage! Noch heute

erinnert er sich voller Scham deutlich des verlegenen Lächelns der

übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten Offiziere.

Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.

Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.

Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht die Höhe,

sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne Unterbrechung in der

Nacht aufglühten — Hilfe! — und hoffnungslos sanken.

Das also war Quatre vents.

Schwer atmend ging der General hin und her.

Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone, Herr

General! Also auf einem dieser Autos saß er — unter hundert andern — mit den

roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen — er, jener — wie hieß er

doch — Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch Hoffnung — am Mittag des

6. wurde er schwankend und befahl einen letzten Gegenangriff — am Abend, da

waren nur noch die roten Leuchtkugeln . . .

Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige

Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.

Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm

solch einen Brief zu senden!

Und da — was schrieb er am Schluß:

— sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so könnte

ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz gewiß

interessieren würden. Ein Unglücklicher. —

Ja, sonderbare Menschen . . .

Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. Schon

war er in die Akten vertieft.

Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals die

verlangte Unterstützung geschickt — noch heute wäre Quatre vents in seiner

Hand!