Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 31 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 3

behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen Krieg nicht

zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.

Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald

wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete zu

Gott! Mein Herz ist gequält.

Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. Er

sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend Küssen

bedeckt, und die soll er Dir überbringen.

Deine kleine Frau Klara.

 

Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich mit

ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der Wind

bewegt — rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.“

 

3

 

Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.

Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.

„Herr Portier! — Herr Portier?“

Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah — natürlich nur eine

flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem

General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen — der Portier schlief.

Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße

Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben — da erwachte der Portier.

Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar

genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort

beschwörend die Hände.

„Um, Gottes willen — Sie — wieder?“

„Ich bitte um Verzeihung.“

„Und heute dazu!“

„Weshalb — heute —?“

„Exzellenz ist heute — horchen Sie nur: das ganze Haus — totenstill!

Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie — ich sagte

Ihnen doch — ach, ach!“

„Gestatten Sie —“

„Ach! Ach!“

Das Aluminiumetui blinkte.

„Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.“

Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es war nur

der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen war, als er sich

bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.

„Ich bitte Sie — ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend auf —!“

Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.

„Sie mißverstehen mich —“ Herr Herbst hatte den Zylinder wieder aufgesetzt.

„Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten —“ Das Fenster klappte zu.

Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.

Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder und

sagte in dienstlichem Tone: „Sie wünschen?“

„Ich wollte nur fragen —“, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene

augenblicklich in Verwirrung brachte, — „nur fragen — es ist wichtig für mich,

weil ich entschlossen bin —“

„Entschlossen?“ Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.

„Ja, entschlossen.“

„Bitte?“

„Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?“

„Nein!“ Das Fenster flog wütend zu.

Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen

Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und legte,

ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen Fensters. —

In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag

heute noch stiller als sonst, totenstill.

Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen waren

Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den Zehenspitzen über

die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf drohend aus der Türe. Die

Offiziere, die zusammengedrängt an ihren Schreibtischen arbeiteten, wagten

nicht aufzublicken. Jeden Augenblick konnte das graue Steingesicht im

Türrahmen erscheinen. Major Wolff paffte eine dicke Zigarre und vergrub den

Kopf in die Akten. Es war Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.

„Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?“

„Meine Herren —!“

„Oder die schöne Dora —?“

„Ich bitte doch dringend!“

Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die

Hand gehoben. „Windstärke 12.“ Damit pflegte er einen bestimmten Zustand zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.

„Aber erklären Sie doch!“

„Pst!“ Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte

Doppeltüre.

Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der

keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt, drang

aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.

Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein schwächeres

Donnerrollen, zweimal — wiederum Stille. Der Adjutant wechselte die Farbe.

War jemand in das Zimmer des Generals gekommen? Unmöglich! An der

gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild „Vortrag“. Und daneben

das Schild: „Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!“ Ganz unmöglich. Aber

trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand —?

 

Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .

An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es plötzlich

höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der Nase des Generals.

Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .

Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren Rang

bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für unmöglich

gehalten.

In der Doppeltüre erschien — unter Umgehung des Schreibzimmers, der

Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften „Vortrag“

und „Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!“ — erschien, ganz als ob es eine

selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein gewöhnlicher Soldat! Wie

von einer höllischen Versenkung emporgehoben, tauchte er plötzlich auf.

Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der Hand.

Dieser Mann — ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, namens

Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im Laufe der

Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte — hatte sich einfach in der Türe

getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er wollte nach Nummer 6.

Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der

Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der berühmten

Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die Rede war. Bei

Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate dicht neben ihm den

Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe genommen, gewiß kein

geringer Schreck — er hatte sich am Roten-Turm-Paß und in Polen geschlagen, also manches erlebt — nun aber stand er wie vom Schrecken gelähmt: Vor

seinen Augen schwebte urplötzlich in einer lichtgesättigten, hellblauen

Rauchwolke ein General. Im ersten Moment glaubte er sich einer überirdischen,

verwirrend funkelnden Erscheinung gegenüber, die zwei weiße Stichflammen

auf ihn richtete.

Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch

gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm

einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und fortgerollt, mit

solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn nicht mehr erreichten.

Nur der Feldstecher seines Kompanieführers klatschte neben ihm in den Boden.

Also handelte er auch hier.

Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur aus,

die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein es zuließ,

schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen Entfernung begann er

sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung aufzubauen. Er schlug die

Absätze seiner schweren Kommißstiefel zusammen, schwang die Ellbogen nach

außen, führte die Hände an die Hosennaht und fing an, so klein und

krummbeinig er auch war, zu wachsen. Seine Gelenke streckten sich, die

krummen Beine bogen sich gerade, der Oberkörper hob sich aus den Hüften, der

Brustkorb wölbte sich, der Kopf stieg zwischen den schmächtigen Schultern

empor, und endlich erstarrte er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.

Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war

er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen — aber er

fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche Gefahr

begeben hatte.

Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.

Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.

Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und

Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. Und

dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines Zuchthäuslers

ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand der kleine Schneider

wie eine Statue.

Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder

zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach

nebenan hörte.)

Zweiundzwanzig Sturmangriffe — lieber die französische Mörsergranate —

meinetwegen . . .

Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen Drillichkittel

hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder und Lazarette von ihm