Der 9. November
Kapitel 8
Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das Schmachvolle
dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren.
Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll — er
nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber, Allmächtiger,
packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie durchs ganze
Lokal: „Wie können Sie es wagen —?“
„Ich — ich — ich zittere mit der Hand —“
„Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!“
Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste
sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her.
Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: „Sie sind mir ein netter
Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die Schürze —“
„Meine Hand zittert —“
Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr Taschentuch,
und lachte — lachte ihm freundlich ins Gesicht.
„Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.“
„Ich zittere, meine Hand zittert —“
„Es ist ja kein Unglück geschehen.“
Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch
dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An
diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte und sich
blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.
Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern Augen.
Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.
Er liebte sie, eigentümlich.
Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das
Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in Strudel
von Menschen, die aus der Erde quollen — und plötzlich machte er Miene
umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen. Wie?
Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause, ohne
Widerspruch, verstanden?
8
Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?“
„Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer 233.“
Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin höfliche
Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen umzugehen.
Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur anblickte, kam sie noch
vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser Pförtner wohl auf den ersten
Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie wollte natürlich einen guten Eindruck
machen, wenn sie Otto besuchte, und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes
Hütchen aufgesetzt. Dazu trug sie den Biberkragen von Mama und helle
Seidenstrümpfe.
Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen.
Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank und
eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie liebte es nicht,
derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, Krankenhäuser flößten ihr
Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab besuchte sie zuweilen — aber das
war ja schon lange her.
Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas
zaghafter vorwärts.
Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit bloßem
Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer langen Bank
Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie erwarteten sie mit
neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis unten, und sie fühlte voller
Unbehagen all die Blicke der verwundeten Männer auf ihrer Haut. Plötzlich
wurde die Türe eines Saales geöffnet, und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick
in den Saal zu werfen. In diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein
Soldat verbunden, dem ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte
Schenkel endete nicht — zu Hedis Entsetzen — mit einem Fuße, sondern mit
einer Art Pferdehuf, einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte
den roten Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete
seine Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon
wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln. Hinter der
Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die barsche Stimme
eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von Korridoren stieß sie auf
eine Tragbahre, die von zwei Soldaten vorübergetragen wurde. Mit einem Laken
zugedeckt lag darauf ein Soldat, dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er
hatte die glänzenden Augen zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.
Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem
himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie
umwenden — entfliehen?
Da aber schrak sie zusammen!
Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde.
Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es
denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine Türe, und
das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein schreiender Soldat, der den
verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte über den Korridor, gefolgt von einer
Schar von Ärzten und Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den
langen Korridor hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle
Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte.
Das Geschrei entfernte sich.
Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem Sand.
Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus war ein
endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der Ferne tauchte
die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten humpelten, hinkten
durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden von Kammern voller
Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die Messer in
Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut und Eiter. Die
Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie eine Riesenwunde,
eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte mit ihren Messern
kletterten.
Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten.
Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern — wie eine
Erscheinung aus einer anderen Welt — durch den Korridor. An den Umrissen
schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten sich in Positur,
einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein Bein. Sie standen auf den
Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das Kinn in die Höhe. Auf einem
Stuhl kauerte ein Krüppel mit dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den
Oberkörper steif aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als
präsentiere er wie mit dem Gewehr.
Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens nur
einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt.
Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln den
Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie hatte ihre
Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie es war. Deutlich
hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört. Natürlich war sie nur
gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall zu zeigen — aus keinem
andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben war über gewisse Dinge. Diese
taktlose Person aber musterte Hedis himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete
sich, den Blick an ihr hinab bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen.
Hedi warf einen kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen
rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine tödliche Feindschaft ausgebrochen.
„Das allgemeine Befinden ist gut?“ erkundigte sich Hedi mit liebenswürdigem
Lächeln.
„Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten“,
entgegnete die Schwester ausgesucht höflich.
„Wie wahr!“ Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter
Liebenswürdigkeit.
Die Rosen aber nahm sie wieder mit.
„Hotel Kaiserhof!“ rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die Droschke
stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab gewisse Stadtviertel
Berlins, vor denen sie Furcht hatte.
Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das
Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen,
welcher Wahnsinn!
Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm
unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu
glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser rothaarigen Person
— ja, ihretwegen . . .
Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn, grüßte
noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er den Bogen
in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel fuhr: Carmen.
„Auch Kuchen?“
„Auch etwas Kuchen, bitte.“
Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens und
drittens — man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so geht es nicht
weiter.
Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand. Zweitens
langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte etwas geschehen.
Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern, nur weil dieser Krieg kein
Ende nahm.
Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen Taschengeld, das
ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene einhändigte —
lächerlich. Wie konnte Papa glauben — nun, Papa verstand es eben nicht anders.
Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu schaffen! Es lag ja zurzeit auf der
Straße, die Leute sagten es wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft.
Sollte sie filmen? Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte — wie herrlich war doch diese Musik, voller Mut! — man mußte Verbindungen haben,
und die Gesellschaft —? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie nicht
so — viel!
Immerhin — der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in
Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen
da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen. Und jener
alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls wieder hier seinen
Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das eine Auge und blinzelte
ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der Herr mit der Glatze prallte im
Sessel zurück — aber schon hatte Hedi ihr Batisttüchelchen aus der Tasche
genommen und rieb sich das Auge, als sei etwas hineingeflogen. Nein, wie
komisch diese Männer waren!
Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel, drei Paar
Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die Strümpfe nur bei
besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber wenn diese Strümpfe nun
unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel, wenn es sich darum handelte,
ein neues Kleid zu beschaffen —? Und schon würde sie aus der Klasse der
Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon, es ging rasch, die Gesellschaft
duldete keine abgeschabten Knopflöcher, keine geflickten Stiefelchen. Und sie
würde second class sein — unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft,
ihr ganzes Leben hing an einem Paar Seidenstrümpfen.
Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak,
Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen.
Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder ein
Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen — so ging es jeden Tag!
Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber
immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar nichts,
trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß sie bei Tisch
etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte tadelnd den Kopf. Man sagt
so etwas nicht, mein Kind. — Aber Papa, es stand ja schon vor drei Tagen in der
Zeitung! — Ah, schon vor drei Tagen —? — So war Papa. Klara war ein Kind.
In einer Minute tanzte sie wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte
das Leben noch nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag
ein Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe täglich
vor Sehnsucht verbrannte — wo man wartete, wartete — wo das Warten das
schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!
Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein
Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung im
geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie — trotzdem sie alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten — es war eine Schande und niemand
durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein sollten. Zum Beispiel
Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene Kartoffeln . . .
Grau, kalt, finster gingen die Tage.
Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der jungen
Mädchen in das Leben begleiteten — wo waren sie? Sie hatte vor dem Kriege
nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute.
Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein
zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung — ein Abglanz. Das Lachen der Menschen
von heute, ihre Mienen — Schatten in einer Schattenwelt, nicht mehr, nicht mehr
. . .
Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand er! Der
Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen würde, daß er
also, wenn er sie zu sehen wünsche — sie hatten sich verstanden.
In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas. Er
hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde sie
anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen — ein
Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol — vielleicht ein
Theaterabend, in einer Loge — ein Diner, wo man plauderte . . .
Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte ihm
ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs auf sie zu,
die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je näher er kam,
desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu weit, zu auffallend.
Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene Eleganz. Ah, und nicht die
Spur von einem Spanier, er war eine — Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen
waren etwas faltig, fahl und verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das
glänzende schwarze Haar, das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet
war, das um eine Idee zu stark pomadisiert war — nicht first class mit einem
Wort.
Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt.
Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. „Unser gemeinsamer
Freund hat einen Unfall erlitten —“, begann er, gänzlich unbefangen. Und er
verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn anblickte — gänzlich
verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das Theater besuchen, dinieren,
plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum Beispiel — gänzlich verständnislos.
„Sie täuschen sich, mein Herr“, erwiderte Hedi mit einem liebenswürdigen,
verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie nur eine Dame von
Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.
War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im „Kaiserhof“ einfach zu überfallen?