Der 9. November
Kapitel 9
Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa zwanzig Jahren dar,
zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges Mädchen, die schmalen Schultern in
ein weißes Spitzentuch eingehüllt, einen Fächer in der Hand und eine
brennendrote Rose im Haar. Das Haar hatte in den Reflexen den gleichen
Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal braun und manchmal blond erschien,
je nachdem das Licht darauf fiel. Das Bild hatte eine besondere
Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen Augen, die der Künstler besonders
hervorgehoben hatte, verfolgten den Beschauer überallhin, wo immer im
Zimmer er stehen mochte. Sie ließen ihn nicht aus den Augen und lächelten.
Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas Scheues,
unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, unendlich zart
und unendlich warm — die sie geküßt hatten, als sie ein kleines Mädchen war,
und Therese hatte gerufen: „Grüße die Dame, es ist Mama.“ Ruth erinnerte sich
genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem Schmerz erinnerte sie sich nicht
mehr an das, was diese blasse, scheue, unbekannte Dame sprach.
Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert
worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie steckte sich
eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar: dann lächelten diese
beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander zu.
Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während sie
die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:
Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
Ich lieb’ sie nicht mehr, ich liebe alleine
die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. —
Ruth vergötterte Schumann.
Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine
leere Blumenvase geraten.
9
He, Kutscher, sind Sie frei?“
Otto sprang in den Wagen. „Paradies-Bar!“ Es war eine alte, in allen Fugen
klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht, dachte Otto,
mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war zuletzt im vorigen
Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer Gasvergiftung zu
erholen — damals erschien ihm der Verfall noch nicht so furchtbar.
Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht. Es
hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne Aufhören
ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte Stadt.
Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten,
blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten Himmel,
geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die Scheinwerfer der
brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der Schaufenster — und
fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die Augen leuchten, und die
Zähne blitzen. Lachen . . .
Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem
abgeschabten Fell und zitterte.
Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, die
sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den Theatern und
Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der Dunkelheit zu fliehen.
Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt dahinjagen . . .
Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe diente,
fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm entgegen —
Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das allerfeinste Parfüm, es war
dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber darauf kam es schließlich nicht an.
Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon
überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der Balustrade zu
erobern — dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten Jüngling, der die
Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen eines Springbrunnens
umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben der Paradies-Bar. Bunte
Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab und strahlten Begierde und
Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die Instrumente, hämmerten mit
Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen den Tischen hindurch und spielte
den Gästen ins Ohr.
Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er
Offizier war — und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, die sich von
den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen schwirrten ringsum.
„Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir — seine Stiefel —
überhaupt — Kellner!“
„Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.“
„Kaufen Sie Ware, Ware — einerlei — eine Pleite, nicht auszudenken. —“
„Rudi ist immer gleich bekneipt.“
Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes
schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, das
seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem Springbrunnen, saßen
zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen gekleideten Damen in kostbaren
Roben, mit Brillanten und Blumen geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren
entblößten Büsten aufstieg und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren.
Wie rosig, dieses kleine Ohr — Kokotten natürlich — aber immerhin Fleisch,
Atem, Leben.
Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre
dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen
Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters Diele Unter
den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag speiste. Sie hatten
sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, allerdings nicht erster Klasse,
vielleicht Verkäuferinnen, die schon jetzt zu kreischen begannen.
Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.
Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren Straße
nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder mit
Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen — und der Portier der Bar
steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin war im Aschenregen
begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch ein Wunder, ein letzter
Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen Sinnen sog Otto Gerüche,
Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf Vorrat, für die langen Monate, wo er
nichts sehen würde als verrosteten Stacheldraht und Schrapnellwolken.
„Reformen — Sie glauben also nicht daran?“
„Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen —“
„Aber das wäre ja Betrug!“
„Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns
regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, dann
schläft er wieder ein.“
„Gott sei uns gnädig und barmherzig!“
Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu drollig,
ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an.
Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr.
Was sah er? Was hörte er?
Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit
Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.
Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes.
Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim Schein des
Geschützfeuers erkennt er plötzlich — ja, er, er, er selbst ist es, den die
keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt von Blut, und
deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn tragen . . .
Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten sich,
seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen — das also war es,
was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins Ohr spielte. Die
grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er wieder in die Paradies-
Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in ihm weiter.
Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken
Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame
lächelte huldvoll — und augenblicklich drehte sich die Glatze um.
Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und
während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er Hedi, mit
der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie ohne Haß, aber mit
leiser Verachtung. Eine Dame — tut eine Dame so etwas — damals im Sommer,
das Abschiedssouper —? Und doch war er gerade in diesem Augenblick, wo
sich eine rote Papierschlange, von der schwarzen Schlanken geworfen, um
seinen Kopf ringelte, geneigt, großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte
schwache Stunden.
„Nun also — diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?“
„Vielleicht weint sie auch?“
„So ein bißchen? — He, Kellner, Herr Ober —!“
Wie eitel diese Männer, wie töricht!
Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.
Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung
darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen kosten,
und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein Gentleman!
Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild der
Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber baute Hedi
neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf Ottos Brief
gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld geschrieben. Und dieser Krieg
endete ja nie, sie hätte alt werden können dabei. Wie töricht! Und diese Familie
der Hecht-Babenberg, dieser hochmütige General, in dessen Augen ein
Geheimer Rat ein Kanzlist war, nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf