Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 7 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 6

völlig frei von seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit

Sternen trug.

„Und dein Kommando?“

„Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir

versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich ist.“

Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das

Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz.

„Wohin wollen wir gehen?“

„Es ist ganz gleichgültig.“

Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander hergehen

durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich Süße,

Geheimnisvolle — Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das allerwenigste.

Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten, die

Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten — sie sahen

sie gar nicht.

Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen wie

Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre etwas vollen

Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner Mund aber glänzte

naß und tiefrot.

Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er früher

nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter dem

enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte er auch

ihren Atem, den er nie gehört hatte.

Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen

Augenblick rief sie jauchzend aus: „Es schneit, Heinz! Es schneit!“ Und schon

flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon.

„Komm, komm!“ Sie streckte ihm die Hand hin.

Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein.

Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des „Kaiserhofs“. Und Otto

las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung.

 

6

 

Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite Portion

bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere!

Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in

Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls vorüber,

die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem Bureau mit den

Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und vertiefte sich in die

Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders aufreibend, aber sie war schlecht

bezahlt und die Westphals ohne Vermögen.

Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady — von den

tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem silbergrauen

Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit silbergrauer Stickerei. Sie

war noch blonder als Klara, nahezu weißblond.

Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen

über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren Teetasse.

Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht für sie.

In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da.

Die Musik wehte. Butterfly.

Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie in

auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten Blinzeln

in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in einem Klubsessel

am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten Mantel von auffallend heller

Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu, eine Sehenswürdigkeit in diesen

Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß er da und stieß mit einem dünnen

Stöckchen im Takte der Musik auf den Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick

über Hedi gleiten, aber in gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals

dabei ertappen konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die

Höhe zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie

bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine rote

Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen Pack

Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf wegzublicken.

Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die Armbanduhr, und ihre Miene

sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben Uhr. Die Musik spielte einen Tango.

Der Herr in dem weiten Mantel hatte die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf

und ging. Aber nach wenigen Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen

Strauß weißer Rosen in der Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet,

auch er! Wieder schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.

Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen mit

einem Wort — Hedi sah sie überhaupt nicht.

Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische ab.

Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter den

Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen weiten

Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau ums Kinn, die

gescheitelten Haare pechschwarz, sah er — wie es Hedi schien — wie ein

Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und starrte sinnend zur Decke

empor, während seine Fußspitze im Takte der Musik wippte. Nur zuweilen,

wenn er die Asche von seiner Zigarette streifte, glitt sein Blick über Hedi hin.

Unbeachtet lagen die weißen Rosen vor ihm auf dem Tisch.

Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier — sie wurde

ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen. Er trat

schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, und plötzlich

schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von der frischen Luft,

und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das sie geliebt hatte, sprühten

wild und verwegen die hellgrauen Augen der Hecht-Babenberg.

Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango

kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß.

Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren

Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas — in nichts!

Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg — mit

den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen

Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern —

die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die Bureauluft zur

Mumie ausgetrocknet hatte — dahin! Die Berühmtheiten, Feldherrn und

Minister, die ihren Hausball besuchten — in Staub zerfielen sie. Ihre Audienz

beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner Majestät, wegen irgendeiner Sache — ein

Nebelfetzen! Und all die Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick

bricht in Verzückung — nichts!

Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte.

Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen —

Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa mit

seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte. Wo

man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte —

Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten

Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie eine Lady,

in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto entgegen.

 

Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an.

„Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?“

„Es kann allerdings etwas später werden.“

„Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!“

Otto streifte die Handschuhe ab.

„Es schneit wohl wieder?“

„Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe —“

Hedi lachte. „Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.“

Schon kam der Kellner und brachte Tee.

„Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst“, sagte

Hedi. „Du hast es gewiß sehr eilig.“ Schon errötete Otto und runzelte die Stirn.

Etwas gefiel ihm nicht.

Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu.

„Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,“ fuhr Hedi fort, „wir sehen uns

nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte gerne . . .“ Sie

sprach leichthin — ganz Dame.

Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.

„Ich reise wahrscheinlich.“

„Du reisest?“

„Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa

herangetreten.“ (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr plötzlich

durch den Kopf geschossen!)

„So?“ Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.

„Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland. In

besonderem Auftrag.“

„Ah!“

Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich auch

gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie unmerklich. Aber,

sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr gelächelt, wäre ihr Herz in

diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit gewesen. Der Spanier — er war

übrigens nicht hübsch, eher häßlich — war ein Herr Ströbel oder ein Herr v.

Ströbel, ein während des Krieges reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte

sich seines Namens. In seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene

berüchtigten Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.

Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch.

„Ich freue mich übrigens, Hedi —“ begann Otto.

„Ich meine — du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja —“

„Bitte, Otto!“ unterbrach ihn Hedi. „Ich bin doch keine kleine Verkäuferin“ —

scherzte sie — „wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein Wort weiter. Hast du

Zigaretten?“

Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front reiste, diese furchtbare

Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht darin, auf Ehre, allein der dumme

Kellner war Schuld daran. Schon stieg ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto

errötete plötzlich.

Das letztemal — da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen.

Otto war ihr Gast!

Das Auto fuhr und fuhr — damals war Berlin ja noch nicht tot — es fuhr bis

zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof — und Otto

mußte sich fügen.

Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des Hotels mit

einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub, durchkäme, und

daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er nur diese eine Nacht hier

wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und hierher bringen werde. Mit einem

Schwall von Worten hatte sie, bebend vor Angst und Aufregung, die Zimmer

ausgewählt und das Menü zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der

Kellner bekam zwanzig Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er

es zu tun hatte.

Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab Kerzen

anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer aufzutreiben waren, es

gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette beschlagnahmt war, es gab Sekt,

obwohl er Unsummen kostete. Die kleine Tafel, die sie selbst deckte, war mit

Blumen geschmückt. Er sollte sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in

irgendeinem langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen,

wie man es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas

Unternehmungsgeist haben.

Und Otto — staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung, wie

er es nannte.

Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es war

Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte und die

Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers brauste —

drunten, tief drunten.

Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!

Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie öffnete

ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für diesen Abend

geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, und daß sie nicht ein

albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen himbeerfarbenen Pantöffelchen.

Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief da

unten — irgendwo.

Dann kam die Nacht.