Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 72 von 87

PDF-Seiten

Der 9. November

Kapitel 6

„Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General“, versicherte der Adjutant.

Der General erhob sich — sein Auge wuchs.

„Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.“

Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der General

streifte ihn mit einem Blick. „Nun sind auch Sie beleidigt, Weißbach“, sagte er

einlenkend. „Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt sind.“ Der Blick des

Adjutanten strahlte Vergebung.

Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor

Weißbach stehen und sagte ruhig: „Rufen Sie sofort alle Herren telegraphisch

aus dem Urlaub zurück! — Wir müssen unsere Anstrengungen verdoppeln!“

fügte er schreiend hinzu.

Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie neuerdings

beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen, hatte die Lazarette

ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom Operationstisch hatte man die

Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht.

Und Reserven?

Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!

Das Telephon schrillte . . .

Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein knatternder

Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer von Berlin

dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden.

 

6

 

Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er berührte

nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler Schatten schwang

unter ihm.

Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen ebenso

fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der Himmel war mit

einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne blendete. Welche Hitze?

Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.

Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin

war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von

Hinterbliebenen besucht.

„Ja, ein richtiger Friedhof!“ sagte der Krüppel.

Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin, scheu,

ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den Mittagszeitungen, warfen

einen Blick hinein, falteten sie mutlos zusammen.

Krieg, Hunger, Tod — Tod, Hunger, Krieg . . .

Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die

feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. Ja,

was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, ein Minister

sogar verkündete es — nun schien aber doch nicht alles in Ordnung zu sein.

Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte

von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber war still

geworden.

Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig ein

Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren erschrocken

in die Höhe — horch!

Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf. Hier,

bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur ein Hund

ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.

Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine, die

vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum.

Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie

gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter reichte

es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig Pfennige am

Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.

Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel

war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja, wie ein

Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen und

kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte.

Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele.

Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein

erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte, ohne

etwas zu sehen.

Auch Stifters Diele war fast leer.

„Ist es erlaubt?“ fragte der Krüppel.

Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung,

aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen, glitten prüfend

über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das schneeweiße Haar dieses

Gymnasiastenkopfes.

„Ich hatte die Ehre —“ Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln.

Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war.

„Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen — bitte mir die

Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.“

Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an

den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken

Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu beneiden.

„Also in Berlin?“

„Ja. — Ich bin fertig!“

„Fertig?“

Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen fieberte.

„Die Nerven“, sagte er. „Fertig! Leider, aber nicht zu ändern.

Zusammengebrochen!“ —

Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als ob es

dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte, stotterte, suchte

nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit des Generals

hingekommen?

„Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?“ Der General füllte mit

zitternder Hand Wunderlichs Glas. „Auch hier in Berlin sind wir — überarbeitet,

dazu die Hitze. Und an der Front?“

Flüstern.

„Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen — in zwei-, drei- und

viertausend Meter Höhe — für eine abgeschossene Maschine zehn neue —

Kämpfe auch in der Nacht —“

„Auch in der Nacht?“

„Und Bombengeschwader — in jeder Stunde der Nacht — keine Ruhe mehr

in den Quartieren und Lagern — kein Schlaf . . .“

„Hm.“

Der Kellner servierte.

Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand in

der Diele ihn hören konnte.

„— allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei Tagen,

fünfhundert schwere Geschütze —“

„Ich weiß, weiß.“

Flüstern.

„— die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen

Uniformen — Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch —“

„Pferdefleisch?“

„— erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer — in einer Minute liegt

nur noch das Skelett des Pferdes da —“

„Hm.“

„— und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft —“

„— und Gelbkreuz, Blaukreuz?“

„Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien verlassen.

Aber dahinter stehen neue.“

„Und der — Geist der Truppe?“

„Herrlich — wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne

ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .“

„Einzelne Divisionen nur noch Stäbe — Feldküchen, Kraftfahrer . . .“

Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt argwöhnisch

aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind das erführe —!

„Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen —“

Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände sind

eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.

Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen,

Konferenzen . . .

 

Geschrei . . .

Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde! Verflucht

Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht!

Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!

Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals

Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen, zerfetzt ihre

Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.

Betrogen, betrogen!

Fluch auf euch!

Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der Walstatt.

Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer loht über

das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns Geist über

dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine Stimme.

„Völker der Erde — Söhne von Müttern — Brüder . . .“

Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel steht

er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl, Feuer, Gase?

Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden Granaten tönt sein Ruf.

„Brüder!“

Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern,

Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?

Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen, führt die