Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 35 von 87

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Der 9. November

Kapitel 7

Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst

zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in

Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus diesen

furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen Erdgang

der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte — es war die

Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend

realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.

„Das also ist Quatre vents!“ sagte er.

Herr Herbst atmete schwer.

 

7

 

Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er die

Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er täuschte

sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas Besseres zu tun. Die

Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. Die Höhe von Quatre vents

war strategisch gänzlich belanglos. Drei Kilometer rückwärts lag eine zweite,

viel stärkere Höhe, durch einen Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die

Lage von Quatre vents war sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt

werden, wie es später auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen

Geschützen, und ihre Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der

General aber hielt Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.

Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein

französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen Angelpunkt der

Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. Tausende und

Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten monatelang die Luft,

bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht zwischen Schwarz und Weiß,

sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer Verluste sappte sich der Franzose

eigensinnig heran, und endlich lag man sich an einzelnen Stellen kaum fünf

Meter entfernt gegenüber. Ein Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der

eigentliche Kampf um die Kuppe.

Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben

einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete man

ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer Morgen!

Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den finsteren Stollen unter der Erde.

Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn bis

zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von Stabsoffizieren,

Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und bombensicheren Unterständen in

ihren Schlössern hausten.

Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!

Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen,

Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in derartigen

Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit feierlichen Ansprachen

Eiserne Kreuze.

Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie um

den Angelpunkt der Westfront rangen.

Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. —

Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen. Zuerst

verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die wilden

erstarrten Schmutzwogen — aber das schreckliche Bild hatte sich für immer in

seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf die kostbare

Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte — er kam bis jetzt nur

noch nicht dazu — eine Träne getropft, aber der General hatte das Bild noch

rechtzeitig fortgenommen.

Hier also — vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten —?

War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um sein Leben

kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen schrecklichen,

sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?

War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?

Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte ihn mit

schrecklichem Grauen.

Er taumelte und rang nach Luft.

„Hier also —?“ stammelte er.

„Es waren sehr schwere Kämpfe!“ sagte der General beruhigend.

„Und — sein Grab, hier —?“ Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und

entgeistert auf den General gerichtet.

„Wie beliebt?“

„Aber — vielleicht — ist er gar nicht begraben worden?“ schrie er mit

schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er alles . . .

Alles!

Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen Wogenbergen?

Wie sollte —!

Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu schaffen, hatte

er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein Sohn gekämpft hatte,

konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es war, daß ein ixbeliebiger

Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände seine Karte bei ihm abgab, zu

ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu skandalösen Anzug, hatte er doch

den Umständen eine Konzession gemacht und Nachsicht geübt. Nun aber sah er

sich veranlaßt, sich wegen seines allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu

machen.

Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja

nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann —

Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das

durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .

„Es waren außerordentlich schwere Kämpfe — es ist natürlich gänzlich

unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die

Verhältnisse an der Front nicht kennen.“ Einen letzten Versuch machte der

General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.

Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.

„Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er — da hinauf —?“

fragte er mit pfeifender Stimme.

Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von diesem

verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.

„Was soll diese Frage?“ rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine

Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!

Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst,

schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.

Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden Bewegung,

und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.

„Mörder!“

Der General wich zurück und erbleichte.

Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie er:

„Mörder! Mörder!“

Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. „Hinaus!“ rief er.

„Hinaus — augenblicklich — oder —!“

Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie gesunken

und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer Sekunde.

„Verzeihung, Exzellenz!“ stammelte er. „Verzeihung — ich — ich bin —“

„Ich bin — betrunken . . .“

Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er nichts

mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen, plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er wollte all das gar nicht

sagen, wollte — ja, was wollte er eigentlich — aber er hatte nie und nimmer

beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie konnte er, er machte Besuch —

Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser

alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz anderes —

er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor sich! Alles erklärte sich

nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein Gebaren. Ein bedauerlicher

Geistesgestörter, das war dieser alte Mann. Es würde sich nunmehr darum

handeln, ihn möglichst rasch und, ohne Aufsehen zu erregen, loszuwerden.

„Sie sind erregt — begreiflicherweise — stehen Sie auf —“ sagte er, um

seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.

„Erst wenn Sie verzeihen“, rief Herr Herbst, während die Tränen aus seinen

Augen sprangen.

„Ich verzeihe Ihnen, natürlich —“

Sofort erhob sich der alte Mann.

„Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind“, fuhr der General fort. „Wir haben

alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß jetzt bitten, ich habe

dringend zu arbeiten . . .“

„Bitte zu entschuldigen . . .“

Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. „Ich

bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz — die Störung.“

Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende Gesicht,

und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen Ausdruck

an. Wieder begannen sie zu glitzern.

Jedenfalls — — er blieb stehen — obschon ihn der General mit einer kleinen

stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen war

unerklärlich. Spott lag darin — oder — war es nicht Spott?

Er wartete auf irgend etwas.

 

Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch

niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas auf

dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last befreit war.

Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in seinem

Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die plötzlich einen

gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar möglich, daß dieser

Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines Geheimnisses war.

„Sie wollten mir —“ begann der General erneut, etwas betreten, indem er sich voll gegen Herrn Herbst wandte — „Sie schrieben seinerzeit etwas von meiner