Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 25 von 87

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Der 9. November

Kapitel 10

 

Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er plauderte

wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich aber brach er die

Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches Interesse für den

Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb hinein, dann wühlte er darin mit

der Hand, endlich stülpte er den Korb über den Arbeitstisch. Nichts. Es war

sonderbar, jeder unbedeutende Zettel fand sich wieder — zum Beispiel, sollte

man es glauben, Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den

Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung in

einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur — — auch

dieser Prospekt — alles, jede Kleinigkeit.

„Sonderbar, höchst sonderbar!“

Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages, er

würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier — nein, ein Notizzettel zu

seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen — worin er empfahl, diese

brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes systematisch zu

mobilisieren — lächerlich, alles, jede Kleinigkeit, aber von diesem Briefe:

nichts.

Schon schlugen die Uhren.

Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff

abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.

Der Lüster im Speisezimmer brannte.

Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine Grotte

aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.

Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.

Daß er auch gerade diesen Brief — da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und gut

gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie „Guten Abend“.

„Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa“, sagte sie, indem sie Platz nahm.

„Hast du Besuch gemacht?“

„Nein, ich traf sie auf der Straße.“

Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben, die

dem General entglitten war.

„Otto geht es gut?“

„Ja, nur zwei, drei Wochen“, erwiderte der General.

Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang kommen.

So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der General die Stirn,

irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.

Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte

deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.

Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf Ruth.

Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute auffiel? Sie trug auch

eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der ziemlich tief im Nacken lag. Es

sah aus, als habe sie soeben die Haare gewaschen und die Frisur rasch

aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie

gewöhnlich war ein Lächeln über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die

langen Brauen, die über den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau

kannte der General dieses Gesicht und dieses Lächeln!

Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war einer

der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner Tochter zu

blicken.

Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn gerichtet.

Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft, schimmernd, schwärmerisch

— aber, ein Nichts, und die Schwärmerei wandelte sich in Hysterie.

„Jakob!“ Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger

Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des

Generals.

Wo war sie?

Nun wäre der geeignetste Augenblick —

Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo

sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei Freunden und

hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben ließ? Möglich.

Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste aufklären. Aber diese

Frage ließ die Tradition der Familie Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine

kleine abgeschlossene Welt für sich bildete, die es vermied, die andere zu

berühren. Eine Art luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte

verschlang und ihren Klang und Sinn entstellte.

Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten, als ob

er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. Etwas, das

der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der Sommerstorf nie

begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und die Brauen in die

Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen liebte der General nicht und die

leise Überheblichkeit, die im Lächeln der Sommerstorf lag.

Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde

düster.

Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen

steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.