Der 9. November
Kapitel 5
Zahlen, Lawinen von Zahlen.
Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen Glut.
„Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?“ raunte der
Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.
„Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.“
„Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .“
Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die
Annäherung begünstigt, offen zugestanden — schließlich war er ja der Vater —
und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß, und seine
Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut erfüllte den
General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal würde ja der
Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen Herrgott treten
mußte.
Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen
verlassen zu müssen — ins Ungewisse hinein . . .
Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die Liköre.
Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine
Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und Gut
opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese zweifelhaften
Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien war schon
gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber würde aus
dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle sog, wenn er erst
einmal entwurzelt war?
Trotz alledem — es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so weit
kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.
Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein
prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener
Noblesse und Großzügigkeit — unverständlich . . .
Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.
5
Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem
Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die Uhr, immer
wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von den Stiefeln.
Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen hauchte es
feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den rostfarbenen Havelock.
Er fror.
In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken, in
einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die Einbrecherwerkzeuge bei
sich hatten — richtigen Spitzbuben, seht an. Deshalb also fror er. Auch war
dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich nicht wie sein anderer Hut dicht an den
Schädel, es gab Spalten, durch die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem
geschorenen Schädel in die Höhe stieg.
„Ja, so ist es, so ist es!“ flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich hin. „Er
würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so ähnlich! Er würde
sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen Worten fällt es mit ja
etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, zum Beispiel: Sell —
nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen Sprachfehler, schon in der
Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich sein. Wenn ich nun einmal unter
der Erde liege, so würde er leben und gehen und sprechen — und eigentlich
wäre ich es! Eigentlich, bei rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben,
obschon ich tot bin. Auch er würde Kinder gehabt haben — und so würde ich
immer weiter leben.“
„Aber so?“
„Wie ist es so?“
„Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist zu
Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.“
Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die
Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich! Es
gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich fortwährend
verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.
Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch
den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also noch
nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten — und zehn weitere
Zigarren sollte er bekommen — danach!
Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!
Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst
wieder in seine alten Gedanken versunken.
„Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege unter
der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich — oder ich
eigentlich er — —! So aber — bin ich wie eine Pflanze, die man ausgerissen hat
und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende — zu Ende für immer . . .“
Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.