Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 66 von 87

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Der 9. November

Kapitel 9

 

Vorgestern nicht, gestern nicht — aber jetzt, jetzt kam sie die Fabriciusstraße

herauf.

Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam doch

immer näher.

Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht mehr

hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte jetzt in

einer kleinen Kammer im „Löwen von Antwerpen“. In einem ganz winzigen

Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.

Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging ganz

anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die Sohlen ihrer

Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich nie am Geländer

fest.

Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, hielt inne,

leise keuchte ihr Atem.

Herr Herbst lüftete den steifen Hut: „Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?“

fragte er.

„Ja“, hauchte sie.

„Er wurde verhaftet —“

„Vorgestern verhaftet —“

Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige

Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. Zuerst

wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die Farbe, auch

sie wurden weiß.

Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!

Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .

Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen.

Immer noch wurde sie weißer — ihre Hand griff zu.

Und bald, bald würde man auch sie — der Magere, Schmächtige hatte es ihm

zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .

Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im

„Löwen von Antwerpen“ etwas zum besten geben. Und auch er würde ein

Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei

Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in der sich

die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. Heute abend sollte

ihm nichts zuviel sein.

Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, die die Farbe verloren, den Blick.

„Hier?“ hauchte eine zitternde Stimme.

„In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.“

„Haben Sie es gesehen?“

„Ein Bekannter hat es mir erzählt.“

„So? — — Danke.“

Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise und

lautlos.

Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut um

die Ecke biegen.

Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.

„Hören Sie, noch etwas.“

Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.

Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das Messer

ins Herz!

„Er ist tot!“ flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.

Das mehlige, weiße Gesicht verschwand — und plötzlich eilte ein lauter,

harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das

Treppengeländer.

Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der Schuhe

vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.

Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht —

Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen — immer war es ihm beim

Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund — folgte er den harten,

raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.

„Halt, halt — hören Sie —“

„Hören Sie — es war ein unglückseliger Zufall —“

„Hören Sie, pst — einen Augenblick — fliehen Sie aus Berlin — auch Sie

will man —“

Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.

Wie ein Hampelmann eilte er.

„Ich warne Sie — wünsche Ihnen nichts Böses —“

Vergebens.

Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da war sie

schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit entfernt.

Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit.