Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 59 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

sie? Und da — seine eisige Hand griff durch die Mauern und berührte ihr Herz.

Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her.

Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen

Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: „Zwanzigtausend

Gefangene — die Schlacht geht weiter —“

 

2

 

Nebel.

Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein

feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.

Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser Straße

stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm

entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe Pelzmütze

auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr zusammen, und

schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm vorüber. Ein qualmendes

Feuer mitten in der Straße und tanzende Kannibalen um das Feuer: keine Angst,

es sind Straßenbahnarbeiter, die das Geleise ausbessern.

Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor sich

her — Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, immer weiter, bis

hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als Kartoffeläcker und

Telegraphenstangen.

Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die Häuser

und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er ging rasch, die

Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war er, todmüde. Den

ganzen Tag war er unterwegs.

Er hatte einen neuen Plan ausgedacht — teuflisch!

Ja, teuflisch!

Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen — immer, zu jeder Stunde des Tages

sollte er erinnert werden — daran!

Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige

Nebelwolke, und — wer hätte das gedacht? — er erblickte einen kleinen

üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten spazieren, in

einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, einen breiten

sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des Stärkhemdes, das er trug. Bald würde

Muttchen — dasselbe Muttchen, das später, viel später, wer hätte es ahnen

können —? — bald würde Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die

Fingerspitzen etwas fett, die Lippen etwas glänzend von Fett . . .

In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig

„Achtung!“ rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder. Der

Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren getrieben

wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche schroffe „Achtung!“ —

diese trockene Stimme, wie?

Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und der

enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand der

schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit Knotenstöcken.

Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme gestikulierten

aufgeregt — aber da verschwanden sie schon aus dem Lichtschein der Laterne,

der Nebel verschlang sie.

Herbsts Herz pochte.

Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?

Er zitterte und duckte sich zusammen.

Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht war

nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.

Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.

Gottlob, daß er hier war! So müde —!

Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter

Stimme — aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um Gottes

Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe —

Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen Straßen, allen

Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende, Schlaflose. Aus allen

Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den Nebel.

Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über die

Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie das

tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft in seinem

Leben! Er büßte — schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad der Sühne

betreten.

Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in sein Bett

kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend kreiste die

Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er steckte den Kopf unter

die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er wieder Atem schöpfte, hörte er

Stimmen in Ackermanns Zimmer.

Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und ab,

eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen suchte.

Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.

Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere,

keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein! Ja,

niemand sonst — lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe anflehte, um

Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.

„Morgen schon?“ fragte Ackermann.

„Ja, morgen um zehn Uhr!“ Und wieder das angeheiterte Lachen.

Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.

Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine Hände, ja,

wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im Bett, wie betäubt,

ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen lauschen, das ihn wie

ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten interessierte, was die beiden

zu besprechen hatten.

„Wie ist es nur denkbar?“ rief Ackermann aus.

Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: „Ja, wie ist es nur

denkbar, hahaha!“

Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald, was

Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen ging der

Transport zur Front. Die „Mordkommission“ war in der Kaserne gewesen.

Zurück, zur Front, abermals — ja, der Granatsplitter, der ihm die Schädeldecke

zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen konnte, ohne sich am Geländer

festzuhalten — er zählte gar nicht. Und der Brustschuß, den er in Serbien erhielt

— auch er zählte nicht. Und dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in

Serbien — all das zählte überhaupt nicht. Seine Frau — seine Kinder —?!

Nichts zählte!

Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.

Ackermann versuchte zu beruhigen.

„Hahaha!“ lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf

ihn.

„Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!“ schrie

Ackermann laut und wütend.

„Aber, was dann, Ackermann, hörst du?“ fragt Hähnlein. „Gefängnis — frage

Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den Heldentod

als das Gefängnis! Hunger und Prügel.“

„Die Verruchten!“ schrie Ackermann.

Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber glühte,

erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.

Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von

Vorgesetzten — Verbrecher — Zuchthäuslerkleidung — die ehrlichen

Kameraden spucken dich an — Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, Läuse,

Krankheiten —

Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!

Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn auf der

Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen Fuß in der Luft,

die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden gerichtet. Er hatte es nicht

gewagt, an ihm vorbeizugehen und war umgekehrt.

So, ja, genau so hatte auch sie gestanden — seinerzeit — immer in den Ecken,

zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und unter den

Türrahmen — bevor sie, hm, bevor sie . . .

Gut, daß du aus dem Hause kommst —

Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der

Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in seinem

Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie humpelten, wie sie

krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut stachen! Nur einer aber war frei

gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde hinausgetragen.

Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand

spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um eine

Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser als in Berlin,

solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er hinaus. Fertig! Und

da kam dieser andere, der eine offene Wunde am Rücken hatte, man konnte den

ganzen Finger hineinstecken — aber auch das half nichts. Immer vorwärts, sagt

der Arzt, bei so jungen Leuten heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort

verlegen, man muß es ihm lassen. — Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser

Hähnlein an die Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein

Lungenschuß, seine Atemnot — prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft

ist nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem Granatsplitter

im Kopf herrührten, das Zittern — auch das half Hähnlein nichts. Sollen denn

nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der Arzt. Hahaha! Richtig,

weshalb nur gesunde?

Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht

begreifen.

Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen.

Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren sich

auf dem Korridor.

„Mut, Kamerad!“ rief Ackermanns Stimme.

Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe

vorüber und pfiff leise vor sich hin.

Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich schlafend,

schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: „Was tust du?“

„Ich rauche eine Zigarre“, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.

Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn, Herrn

Herbst, seinen Triumph auszukosten!

Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem Körper,

heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, rot funkelte die

Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab, drückte sich gegen die

Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte er ihren Schritt, dumpf wie der

Schlag seines Herzens in der Brust. Da gingen sie auf und ab, die Männer mit

den Knotenstöcken, das grüne Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf,

nachzusehen, zu kontrollieren.

Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie, klapperte

auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne Hütchen eilen?

Nein, nein, blind war er, taub war er.

Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon

gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .

Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das

Fenster und sieh es eilen —!

Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph

auszukosten!

Heute — hoho — heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht vor

ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er gewartet, bis die

graue Limousine kam. Und dann — den Hut gezogen, wie gesagt. Mitten in den

Lichtschein der Automobillampen war er getreten, in den blendenden Lichtkegel

der Lampen!

Und der General? Er war erschrocken — erschrocken, sollte man es glauben,

vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde, einem

Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, erschrak er —

der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller Schrecken . . .

Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er vor

ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun — er war da!

Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das

breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte sich in

den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück — zwei — er lief! Und er,

den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen Hosen mit den roten Streifen! Wie