Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 32 von 87

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Der 9. November

Kapitel 4

übriggelassen hatten, stellte er möglichst vorteilhaft zur Schau. Sein winzig

kleines und unendliches Ich war konzentriert im Blick der ängstlichen

Mausaugen, deren Pupillen der Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht,

und zwischen den Augen glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem

Querschläger herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.

Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein

geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang wischte

er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der plötzlich aus

allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der Feldstecher des

Kompanieführers neben ihm herunterkam.

 

4

 

Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in den

Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.

Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine und

Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und erfüllte

zuletzt das ganze Gebäude.

Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um

sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der Schriftstücke

zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er in die Höhe.

Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem rügenden Blick und warf

sie — je nach ihrem Umfang mit größerem oder kleinerem Schwung — in einen

besonderen Korb, der die Aufschrift trug: Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der

Hüne, hatte Zeit für alles. Er war eines jener beklagenswerten bürgerlichen

Arbeitstiere, wie sie in allen Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres

Angesichts, ohne jede andere Empfehlung als die Qualifikation ihrer

Vorgesetzten, in der Karriere vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze

Nacht hindurch.

Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn seit

geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar, die Erregung

vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem Kopfe gestaut hatte —

wie immer nach großen seelischen Erregungen — war durch die Adern gepreßt

worden und hatte die Gefäße wohltuend erweitert. Eine gleichmäßige Hitze

überzog seinen Körper, und die Hände schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.

Bewegung fehlte ihm!

Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!

Aber der Dienst — und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch

gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer Schindmähre

sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front gewesen! Wenn er

in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren ritt, begleitet von seinem

Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah und fern. Herrliche Morgen,

unvergeßlich!

Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.

Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die

Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die Kolonnen, die

über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und den Frühstückstisch

von heute morgen.

„— also gelöst?“

„Ja, Papa“

„Und er, Dietz — also mit seinem Einverständnis? Hm — so, so . . .“ Er

schlürfte den heißen Kaffee.

„Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.“

„Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und

lassen, was du willst. Na — schön!“

Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?

Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer — wie peinlich! Er brachte

geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu genießen.

„Soso, hm.“ Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig.

Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.

So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner

kalten Hand gefühlt — er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick. Ruth

hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft hätte ihr

niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für ihn, keine

angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.

Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine Stunde

verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur ein einziges

Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz war mit

Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen — frisch, lapidar, ganz im

Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck der Ehrerbietung

legte er den Schriftsatz zur Seite.

Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises Singen

der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.

Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte —

Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im

Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des hohen

Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift des Generals,

während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.

Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.

Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am

Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.

Der Adjutant näherte sich dem General.

„Herr General gestatten?“

„Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.“

Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.

Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den linken

Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.

„Herr General gestatten doch?“

Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. Und

der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe Stellung es

zuläßt.

Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich noch

kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.

„Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer

Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.“ Schon schwoll die

Stimme des Generals wieder drohend an.

Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an!

Augenblicklich wollte er nachforschen —

Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem hohen

Chef — bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine Weile, leicht

gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war möglich, daß dem

General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein Auftrag in den Sinn kam.

Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang, ferner und ferner. Nun erst schloß

der Hauptmann mit einer leichten Verbeugung die Türe vollständig.

„Donnerwetter!“ flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der

Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit in

Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!

Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder

beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der Fahrt

zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von einem

Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden — etwas Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.

 

Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der General

sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.

Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern

und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien ihm

heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, sonderbar. Eine

rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.

Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .

Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in

Anspruch nahm — diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum Beispiel, zu

Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, hundertprozentiges Gift

für den Organismus, für Sie besonders — und trinken sich unter die Erde, ohne

zu erröten.

Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie konnten

ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke, vollends den Appetit

verderben.

Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen

Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur

selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit Zahlen.

Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und

Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit gewiß

anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder genügen.

Alles kostete heutzutage Unsummen!

Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe.

Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend,

unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab —

Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst abgegangen war,

auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze von einigen Millionen

und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige Millionen, was war das,

wenn das Kapital sich nicht automatisch vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens

verschlang Summen, Unsummen! Seine verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht

übel, im Gegenteil, diesen Zug liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man

doch, wirtschaftliches Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.

Bergab — nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß,

unantastbar — Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich stark

belastet.

Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war

letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt hier —

Unsummen, Diners, Gesellschaften — Unsummen, seine Privatangelegenheiten,

die niemand etwas angingen — Unsummen. Ein Paar bescheidene Ohrringe,

zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung, die früher keine dreitausend

Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage und schreibe, fünfundzwanzigtausend

Mark. Seine Bezüge während des Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was

waren sie schließlich? Ein Tropfen auf einem heißen Stein.

Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte

man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, daß

diese Verlobung zurückgegangen war.