Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 17 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

flammte.

„Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!“ sagte der junge Mann

kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch es,

schwieg es, wurde es stumm.

„Diese apokalyptischen Reiter — sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an die

Zäume der Pferde — er sollte es mit eigenen Augen sehen — die Pferde

versinken im Blut!“

Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, seine

rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in seinem

bleichen Gesicht.

Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, nicht

die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das

sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft über die

Dunkelheit an sich riß.

Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.

„Ich glaube! Ich glaube!“ schrie er dem Licht entgegen.

 

2

 

Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem Posten.

Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da — ist es zu glauben? —

da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener kleine, ältere Herr. Er zog

den steifen Hut.

„Seht an — Sie? Schon wieder?“ begrüßte ihn der Portier unfreundlich. Und

vorwurfsvoll fuhr er fort: „Sie haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das

muß ich sagen!“

„Hübsche Lage —? Um Gottes willen —?“

„Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?“

„Jawohl, Herbst.“

„Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!“

„Nicht in Ordnung —?“

„Nein. Seine Exzellenz — Sie haben doch gutes Papier genommen? Jedenfalls

haben Seine Exzellenz —“ Der Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas

schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der Loge und

verbeugte sich. „Guten Morgen, Herr Oberst!“ Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen.

Die Soldaten und Schreiber huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst

begann wieder, dieselbe Sache, wie seit Jahren.

„Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz

waren — hm — ungehalten.“

„Sie selbst haben mich doch ermutigt.“

„Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. Reichen Sie

ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?“

„Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.“

„Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser gewesen.

Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf Kleinigkeiten, wenn

zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck da ist — Guten Morgen,

Herr Major, Herr Rittmeister! — Es ging ja noch gut ab, aber es hätte leicht ein

Donnerwetter setzen können, schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja,

wissen Sie, einen Blick —! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert —

wissen Sie — diese Sache —“

„Welche Sache?“

„Nun, der Sohn Seiner Exzellenz — der Herr Oberleutnant,“ die Stimme des

Portiers sank zu einem Flüstern herab, „er hat Malheur gehabt mit dem Revolver,

beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon ging also der Schuß

los — in die Hand.“

„Ist es möglich?“

„Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im Hause

ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn sehen Sie, wenn

Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen mit Exzellenz. Für

gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich — freundlich sogar . . . Aber“ —

plötzlich musterte der Portier seinen Besuch — „hören Sie — Sie sind ja ganz

naß, völlig durchnäßt?“

„Ich bin in den Regen gekommen.“

„In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein Auge

zugetan hätten?“

„Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos —“

Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus

Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf —

kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge —

Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte

allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der viel zu

lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war zerknittert und dunkel

vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, das die Krempe säumte, einfach

vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war keineswegs stahlblau, sondern

gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen gelben Flecken,

klein, hohlwangig und von tiefen Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen,

faltigen Mund mit dem weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe

Zahnstumpen sichtbar — und seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige

Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an — und diese

großen, abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und

tränten, sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts

auf sein Äußeres gab — sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar — sein

Sohn — der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war,

daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. Wenn jemand

hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine Angst, aber, nehmen

wir an, ein Offizier?

„Und, sagen Sie — lieber Herr — was wollen Sie nur wieder, schon so früh

—?“ fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.

„Ich wollte —“ hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig — „nun, ich

wollte doch nachsehen, ob keine Antwort —?“

„Antwort —?“

„Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz —?“

Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. „Also

auch mich ziehen Sie mit hinein — mich?“

„Es schien mir das Einfachste —“

„Das Einfachste — und Exzellenz werden nun denken —!“ Und wieder

schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.

Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos verloren

war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den zerknitterten

Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui aus

Aluminium.

„Ich bitte“, stotterte er.

„Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.“

„Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!“

„Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine Kostbarkeit.

Danke. Also — keine Adresse, Sie Unglückseliger —?“

„Nein. Ich wußte auch nicht recht welche — ja, wie sollte ich es machen —

ich habe — zwei Wohnungen.“

„Zwei Wohnungen haben Sie?“

„Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.“

„Zwei Wohnungen, und er weiß nicht — ja, eigentümlich — ein eigentümlicher Herr sind Sie —“

„Es kommt alles daher — alles daher —“ stotterte Herr Herbst zu seiner

Entschuldigung.

In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf Minuten

nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen raschen Blick

durch das Guckfenster.

„Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!“ rief er in höchster Aufregung aus.

„Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen — daß Sie mir nicht

durch die Türe blicken!“

Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen

Bückling zu machen.

Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz

schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus Aluminium

vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand — dann aber

zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, langsam, ganz

langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu lugen.

Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie

gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.

 

Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!“

Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. „Und gar nicht schlecht

gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er

sagte, sogar: ‚Guten Morgen, Heinecke‘.“

Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden

Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. „Und —?“

„Was meinen Sie — und?“

„Kein Bescheid?“

Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.

„Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu denken

als an Ihr Gesuch“, rief er ärgerlich. „Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch

abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt der Tag, so

kommen Sie — ich bitte Sie, mein verehrter Herr —!“

„Verzeihen Sie —“

„Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen Dingen.

Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was das heißt?

Offiziere und Beamte und Mannschaften — dreihundert. Da gibt es Befehle und

Schreibereien — täglich kommen über hundert Telegramme — jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an — na und so zu — und da glauben