Der 9. November
Kapitel 2
flammte.
„Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!“ sagte der junge Mann
kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch es,
schwieg es, wurde es stumm.
„Diese apokalyptischen Reiter — sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an die
Zäume der Pferde — er sollte es mit eigenen Augen sehen — die Pferde
versinken im Blut!“
Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, seine
rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in seinem
bleichen Gesicht.
Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, nicht
die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das Licht, das
sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die Herrschaft über die
Dunkelheit an sich riß.
Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.
„Ich glaube! Ich glaube!“ schrie er dem Licht entgegen.
2
Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem Posten.
Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da — ist es zu glauben? —
da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener kleine, ältere Herr. Er zog
den steifen Hut.
„Seht an — Sie? Schon wieder?“ begrüßte ihn der Portier unfreundlich. Und
vorwurfsvoll fuhr er fort: „Sie haben mich in eine hübsche Lage gebracht, das
muß ich sagen!“
„Hübsche Lage —? Um Gottes willen —?“
„Ja, eine hübsche Lage, Herr — Herbst, nicht wahr?“
„Jawohl, Herbst.“
„Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!“
„Nicht in Ordnung —?“
„Nein. Seine Exzellenz — Sie haben doch gutes Papier genommen? Jedenfalls
haben Seine Exzellenz —“ Der Portier in seinem im Laufe der Kriegsjahre etwas
schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die Glastüre der Loge und
verbeugte sich. „Guten Morgen, Herr Oberst!“ Säbel rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen.
Die Soldaten und Schreiber huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst
begann wieder, dieselbe Sache, wie seit Jahren.
„Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz
waren — hm — ungehalten.“
„Sie selbst haben mich doch ermutigt.“
„Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. Reichen Sie
ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst geschrieben?“
„Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.“
„Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser gewesen.
Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf Kleinigkeiten, wenn
zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck da ist — Guten Morgen,
Herr Major, Herr Rittmeister! — Es ging ja noch gut ab, aber es hätte leicht ein
Donnerwetter setzen können, schon fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja,
wissen Sie, einen Blick —! Und nun ist heute nacht diese Sache passiert —
wissen Sie — diese Sache —“
„Welche Sache?“
„Nun, der Sohn Seiner Exzellenz — der Herr Oberleutnant,“ die Stimme des
Portiers sank zu einem Flüstern herab, „er hat Malheur gehabt mit dem Revolver,
beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon ging also der Schuß
los — in die Hand.“
„Ist es möglich?“
„Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im Hause
ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn sehen Sie, wenn
Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu spaßen mit Exzellenz. Für
gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich — freundlich sogar . . . Aber“ —
plötzlich musterte der Portier seinen Besuch — „hören Sie — Sie sind ja ganz
naß, völlig durchnäßt?“
„Ich bin in den Regen gekommen.“
„In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein Auge
zugetan hätten?“
„Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos —“
Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus
Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den Kopf —
kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge —
Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte
allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der viel zu
lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war zerknittert und dunkel
vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, das die Krempe säumte, einfach
vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war keineswegs stahlblau, sondern
gelblich bleich, von ungesunder Färbung, mit merkwürdigen gelben Flecken,
klein, hohlwangig und von tiefen Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen,
faltigen Mund mit dem weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe
Zahnstumpen sichtbar — und seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige
Härchen, grauweiß gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an — und diese
großen, abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und
tränten, sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts
auf sein Äußeres gab — sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar — sein
Sohn — der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm peinlich war,
daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. Wenn jemand
hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine Angst, aber, nehmen
wir an, ein Offizier?
„Und, sagen Sie — lieber Herr — was wollen Sie nur wieder, schon so früh
—?“ fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.
„Ich wollte —“ hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig — „nun, ich
wollte doch nachsehen, ob keine Antwort —?“
„Antwort —?“
„Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz —?“
Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. „Also
auch mich ziehen Sie mit hinein — mich?“
„Es schien mir das Einfachste —“
„Das Einfachste — und Exzellenz werden nun denken —!“ Und wieder
schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.
Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos verloren
war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den zerknitterten
Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein großes Etui aus
Aluminium.
„Ich bitte“, stotterte er.
„Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.“
„Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!“
„Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine Kostbarkeit.
Danke. Also — keine Adresse, Sie Unglückseliger —?“
„Nein. Ich wußte auch nicht recht welche — ja, wie sollte ich es machen —
ich habe — zwei Wohnungen.“
„Zwei Wohnungen haben Sie?“
„Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.“
„Zwei Wohnungen, und er weiß nicht — ja, eigentümlich — ein eigentümlicher Herr sind Sie —“
„Es kommt alles daher — alles daher —“ stotterte Herr Herbst zu seiner
Entschuldigung.
In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf Minuten
nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen raschen Blick
durch das Guckfenster.
„Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!“ rief er in höchster Aufregung aus.
„Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen — daß Sie mir nicht
durch die Türe blicken!“
Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen
Bückling zu machen.
Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz
schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus Aluminium
vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand — dann aber
zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, langsam, ganz
langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu lugen.
Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie
gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.
Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!“
Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. „Und gar nicht schlecht
gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? Er
sagte, sogar: ‚Guten Morgen, Heinecke‘.“
Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden
Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. „Und —?“
„Was meinen Sie — und?“
„Kein Bescheid?“
Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.
„Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu denken
als an Ihr Gesuch“, rief er ärgerlich. „Um fünf Uhr haben Sie das Gesuch
abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt der Tag, so
kommen Sie — ich bitte Sie, mein verehrter Herr —!“
„Verzeihen Sie —“
„Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen Dingen.
Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was das heißt?
Offiziere und Beamte und Mannschaften — dreihundert. Da gibt es Befehle und
Schreibereien — täglich kommen über hundert Telegramme — jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an — na und so zu — und da glauben