Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 3 von 87

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Der 9. November

Kapitel 2

vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er seinen Söhnen

immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in der Kadettenanstalt.

Denn Freunde waren im späteren Leben — alles. Nicht die Begabung — welche

Albernheit — die Beziehungen waren alles.

Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es

gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist gepudert

und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind warm und

leuchten eigentümlich aus der Tiefe.

Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus dem

Ballsaal entführte, wurde seine Frau.

Lange, lange Zeit —

Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft.

 

— — — — — — — —

 

Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu

bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den

Wagenschlag.

„Herr General!“

„Herr General?“

Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt,

steigt er aus dem Wagen.

„Frau v. Dönhoff empfängt?“

„Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.“

„Wird es lange dauern, Petersen?“ fragt der Chauffeur den Zebrakittel. „Was

ist denn los bei euch?“

„Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.“ Und der Zebrakittel eilt, den Korb

mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete Entree, um

Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.

 

2

 

Frau v. Dönhoff — die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen Backsteinvilla

in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine Blondine, nicht mehr in der

ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten die schöne Dora genannt.

Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende Augen von

herrlich leuchtendem, seltenem Blau — der berühmte Schriftsteller, der in ihrem

Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem Blau des Gebirgsenzians verglichen —

ein Paar reizender Grübchen, runde rote Lippen — ah, und Zähne —

schneeweiß! Sie lachte immer und bei jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz

unvermittelt ein, sie lachte in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen.

Es riß mit fort. Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke

Zigarette zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der

Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft brachte.

Das war die schöne Dora.

Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer

Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit verbunden

hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die Königliche Hoheit

wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an die Lippen gedrückt?

Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen erfrischt, diesen weichen,

verschwenderisch reichen blonden Haarschopf liebkost? Ruhten die Augen der

Königlichen Hoheit auf diesen Schultern? Immer, immer war Dora von diesem

Abglanz umschwebt. Die Sonne war untergegangen — aber der Glanz lag noch

in der Luft.

Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder.

Dora aber hatte — danach — einen Freund der Königlichen Hoheit geheiratet,

den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter Deutschlands,

professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in kürzester Zeit zwei Vermögen

durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines Tages stand sie ohne einen Pfennig

da — vis-à-vis de rien!

Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump

ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es klingt,

und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem Kriege trennte sie

sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung — oder war sie schon

geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das Interesse an den armseligen

privaten Schicksalen in den Hintergrund gedrängt.

Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei seiner

Batterie im Westen — irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen, in den

Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der

Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn

vergessen, seine Damen — nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal war

er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen, es gab

sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier — immer die gleiche Geschichte.

Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen kam auch ein Brief aus dem

Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn Frida, der Zofe, und flüsterte: „Von

ihm!“

Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien natürlich

nur, und heute hatte sie die Grippe.

Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit

Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen Treppen

und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand sich zurecht. Dora

hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin verwandelt. Es gab keinen

Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich belegt war. Es gab im Dönhoffschen

Hause sogar etwas, was es nur selten in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein

vollkommenes Zelt war. Eine Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut.

Infolge der vielen Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach

Staub. Dazu hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft,

Möbeln aller Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder

vergoldeten Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit

kleinen Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,

Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein Paar

Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu bringen. Es

war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und Heiligen

abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das arabische Zelt

stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer Empore, zu der eine steile

Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, emporführte. Dieser Raum war zurzeit

schwer heizbar und beständig strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt

hinein. Doras Haus hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die

Lampen. Es gab kein Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper

aufwies. Blaue, grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener

Färbung, Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen

mit halb heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst

wurde durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein

opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. In der

Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige purpurrote Lampe, die

auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner Kirche montiert war. Neben

dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie strahlte dann wie glühender

Alabaster, während die andern wie Leichen aussahen. Sie verstand ihre Sache.

Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und

tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,

ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora jemals

in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich. Jedermann fühlte sich wohl bei ihr.

Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit — ein

richtiges Treibhaus.

 

Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht in

Erschütterung.

Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,

Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne andere

Gäste.

Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich in

Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben ist, und

der — vielleicht, nur eine Vermutung — an beginnender Sklerose der Arterien

leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste sich. Es zeigte sich sogar, seht

an, eine Spur von Farbe auf den breiten Wangen, ein rötliches Violett, von

feinem Geäder herrührend. Die ernsten Gedanken, die den General einhüllten,

zerflatterten, der etwas massige, schwerbewegliche Körper schien elastisch und

verjüngt.

Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als Doras

Lachen in die Garderobe drang.

Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen Augenblick

leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der General pflegte

seine Mitmenschen nie anzusehen. — Dann widmeten sie sich mit rein

menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe, die in der

Garderobe standen.

„Sind auch — Damen hier, Petersen —?“

„Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.“

Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten

sie groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen — es war

ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige Menschen

präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei einem Militärattaché,

wo unerwartet der Redakteur einer sehr linksstehenden liberalen Tageszeitung

auftauchte, ganz zu schweigen von jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer,

wo ein sehr orientalisch aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit,

getauft — aber trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde —

bei Dora allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste — machte er

eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur zuweilen

traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war indessen nicht zu ändern:

Dora selbst war eine Art Künstlernatur.

Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete den

dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .

Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und glänzte

an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die Ordensauszeichnungen, die

langen polierten Fingernägel — nur die Haut des Gesichts war, wie gesagt,

stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, genau so hatte er ausgesehen, als er

sich in Polen mit den Russen schlug — in Frankreich, wo er in einem Chateau

wohnte, war es ja schließlich kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen

lassen, das war das erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt

geholt.

Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche

Erscheinung.

Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die

Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. Offenbar

machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins Feld. Falten

erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden aber sofort wieder.

Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, in Gesellschaft zu treffen. Er

kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort.

„Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.“

„Schön“ — aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in die

Höhe — „eine Bürste, Petersen.“ Der General hatte tatsächlich ein Härchen auf

seinem Ärmel entdeckt.

„Es ist von Butzi, Herr General — das ganze Haus ist voll von seinen Haaren

—“

„Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag — nein, das

ist unmöglich, Petersen.“

„Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare —!“

Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,

hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit

zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug

Petersen den Teppich zurück.

Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der

Unterhaltung mit Petersen — ob das Haar von Butzi stammte oder nicht —

straffte sich.

„— sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen —“

„— es ist ja gar nicht die Grippe.“

„— täglich sterben Hunderte —“

Dora lachte: „Sie wollen mir Mut machen, Otto!“

Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück.

Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war mit

Exzellenz verfeindet!)

Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.

 

Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons, die

von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.

Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein. Selbst

seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem — kalt.

Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände

leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr schimmerten in

der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des Zeltes hoben sich die drei

schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, schmal, steif, todernst. (Major

Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr gefallen.) Aus einem Spiegel

funkelten bleiche Gesichter, fahl im Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter

verwirrten den General, so daß er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher

vorbrachte, als er es wünschte.

Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei anwesenden

Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer stand. Er hielt sich

an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war lahm geschossen und ging an

Krücken.

Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen Gesicht, die

Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie auf dem Diwan —

ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte Überraschung!

„Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe —“

„Ich hörte es von einem Krankenhausarzt — einhundertvierzig Tote gestern

— und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest —“

„Man sagt es ja nur, man schwätzt —“

„Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen

Bläschen bedeckt und vereitert.“

„Es sind einfache Streptokokken.“

„Ja, nun, Sie sagen einfache —“

„Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.“

Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.

Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets etwas

keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, die Augen hell

und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, dicht neben den blonden,

glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß

herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. Damals lag er ein halbes Jahr

im Lazarett — aber so gering war die Eile der internationalen Generalität, daß er

sein Regiment im Herbst noch an genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im

Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem

General mißfiel) im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller

Auszeichnungen — im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz

wie seine Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war

noch ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau

und — seit heute — das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen noch

nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte zu

Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den roten Mund eines

Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. Unausgesetzt waren seine

blauen, strahlenden Knabenaugen voller Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf

seine Ordensschnalle, den gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz,

das er am Kragen trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt

des Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen

Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen,

wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General einen Dienst zu erweisen.

Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann

Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast,

der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er — selten, ganz selten —

einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem Lächeln, das niemand ertrug.

Seine gleichmäßige Miene forderte indessen auf, sich nicht im geringsten durch

ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er

sprach, schien er zu Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den

Anwesenden. An seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten

Hand fehlten einige Finger.

Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem Fuß

den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann Wunderlich

war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen schweren Brustschuß

außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden ihm in Rußland beide

Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer

der bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.

Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich

abhebend — mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen Gesichtern,

steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.