Der 9. November
Kapitel 2
vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er seinen Söhnen
immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in der Kadettenanstalt.
Denn Freunde waren im späteren Leben — alles. Nicht die Begabung — welche
Albernheit — die Beziehungen waren alles.
Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es
gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist gepudert
und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind warm und
leuchten eigentümlich aus der Tiefe.
Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus dem
Ballsaal entführte, wurde seine Frau.
Lange, lange Zeit —
Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft.
— — — — — — — —
Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu
bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den
Wagenschlag.
„Herr General!“
„Herr General?“
Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt,
steigt er aus dem Wagen.
„Frau v. Dönhoff empfängt?“
„Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.“
„Wird es lange dauern, Petersen?“ fragt der Chauffeur den Zebrakittel. „Was
ist denn los bei euch?“
„Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.“ Und der Zebrakittel eilt, den Korb
mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete Entree, um
Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.
2
Frau v. Dönhoff — die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen Backsteinvilla
in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine Blondine, nicht mehr in der
ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten die schöne Dora genannt.
Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende Augen von
herrlich leuchtendem, seltenem Blau — der berühmte Schriftsteller, der in ihrem
Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem Blau des Gebirgsenzians verglichen —
ein Paar reizender Grübchen, runde rote Lippen — ah, und Zähne —
schneeweiß! Sie lachte immer und bei jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz
unvermittelt ein, sie lachte in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen.
Es riß mit fort. Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke
Zigarette zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der
Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft brachte.
Das war die schöne Dora.
Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer
Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit verbunden
hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die Königliche Hoheit
wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an die Lippen gedrückt?
Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen erfrischt, diesen weichen,
verschwenderisch reichen blonden Haarschopf liebkost? Ruhten die Augen der
Königlichen Hoheit auf diesen Schultern? Immer, immer war Dora von diesem
Abglanz umschwebt. Die Sonne war untergegangen — aber der Glanz lag noch
in der Luft.
Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder.
Dora aber hatte — danach — einen Freund der Königlichen Hoheit geheiratet,
den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter Deutschlands,
professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in kürzester Zeit zwei Vermögen
durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines Tages stand sie ohne einen Pfennig
da — vis-à-vis de rien!
Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump
ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es klingt,
und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem Kriege trennte sie
sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung — oder war sie schon
geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das Interesse an den armseligen
privaten Schicksalen in den Hintergrund gedrängt.
Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei seiner
Batterie im Westen — irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen, in den
Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der
Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn
vergessen, seine Damen — nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal war
er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen, es gab
sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier — immer die gleiche Geschichte.
Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen kam auch ein Brief aus dem
Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn Frida, der Zofe, und flüsterte: „Von
ihm!“
Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien natürlich
nur, und heute hatte sie die Grippe.
Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit
Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen Treppen
und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand sich zurecht. Dora
hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin verwandelt. Es gab keinen
Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich belegt war. Es gab im Dönhoffschen
Hause sogar etwas, was es nur selten in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein
vollkommenes Zelt war. Eine Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut.
Infolge der vielen Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach
Staub. Dazu hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft,
Möbeln aller Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder
vergoldeten Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit
kleinen Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,
Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein Paar
Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu bringen. Es
war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und Heiligen
abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das arabische Zelt
stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer Empore, zu der eine steile
Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, emporführte. Dieser Raum war zurzeit
schwer heizbar und beständig strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt
hinein. Doras Haus hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die
Lampen. Es gab kein Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper
aufwies. Blaue, grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener
Färbung, Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen
mit halb heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst
wurde durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein
opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. In der
Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige purpurrote Lampe, die
auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner Kirche montiert war. Neben
dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie strahlte dann wie glühender
Alabaster, während die andern wie Leichen aussahen. Sie verstand ihre Sache.
Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und
tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,
ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora jemals
in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich. Jedermann fühlte sich wohl bei ihr.
Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit — ein
richtiges Treibhaus.
Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht in
Erschütterung.
Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,
Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne andere
Gäste.
Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich in
Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben ist, und
der — vielleicht, nur eine Vermutung — an beginnender Sklerose der Arterien
leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste sich. Es zeigte sich sogar, seht
an, eine Spur von Farbe auf den breiten Wangen, ein rötliches Violett, von
feinem Geäder herrührend. Die ernsten Gedanken, die den General einhüllten,
zerflatterten, der etwas massige, schwerbewegliche Körper schien elastisch und
verjüngt.
Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als Doras
Lachen in die Garderobe drang.
Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen Augenblick
leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der General pflegte
seine Mitmenschen nie anzusehen. — Dann widmeten sie sich mit rein
menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe, die in der
Garderobe standen.
„Sind auch — Damen hier, Petersen —?“
„Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.“
Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten
sie groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen — es war
ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige Menschen
präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei einem Militärattaché,
wo unerwartet der Redakteur einer sehr linksstehenden liberalen Tageszeitung
auftauchte, ganz zu schweigen von jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer,
wo ein sehr orientalisch aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit,
getauft — aber trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde —
bei Dora allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste — machte er
eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur zuweilen
traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war indessen nicht zu ändern:
Dora selbst war eine Art Künstlernatur.
Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete den
dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .
Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und glänzte
an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die Ordensauszeichnungen, die
langen polierten Fingernägel — nur die Haut des Gesichts war, wie gesagt,
stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, genau so hatte er ausgesehen, als er
sich in Polen mit den Russen schlug — in Frankreich, wo er in einem Chateau
wohnte, war es ja schließlich kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen
lassen, das war das erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt
geholt.
Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche
Erscheinung.
Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die
Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. Offenbar
machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins Feld. Falten
erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden aber sofort wieder.
Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, in Gesellschaft zu treffen. Er
kam sich beobachtet vor, sie störten, mit einem Wort.
„Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.“
„Schön“ — aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in die
Höhe — „eine Bürste, Petersen.“ Der General hatte tatsächlich ein Härchen auf
seinem Ärmel entdeckt.
„Es ist von Butzi, Herr General — das ganze Haus ist voll von seinen Haaren
—“
„Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag — nein, das
ist unmöglich, Petersen.“
„Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare —!“
Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,
hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit
zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug
Petersen den Teppich zurück.
Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der
Unterhaltung mit Petersen — ob das Haar von Butzi stammte oder nicht —
straffte sich.
„— sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen —“
„— es ist ja gar nicht die Grippe.“
„— täglich sterben Hunderte —“
Dora lachte: „Sie wollen mir Mut machen, Otto!“
Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück.
Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war mit
Exzellenz verfeindet!)
Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.
Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons, die
von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.
Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein. Selbst
seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem — kalt.
Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände
leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr schimmerten in
der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des Zeltes hoben sich die drei
schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, schmal, steif, todernst. (Major
Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr gefallen.) Aus einem Spiegel
funkelten bleiche Gesichter, fahl im Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter
verwirrten den General, so daß er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher
vorbrachte, als er es wünschte.
Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei anwesenden
Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer stand. Er hielt sich
an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war lahm geschossen und ging an
Krücken.
Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen Gesicht, die
Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie auf dem Diwan —
ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte Überraschung!
„Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe —“
„Ich hörte es von einem Krankenhausarzt — einhundertvierzig Tote gestern
— und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest —“
„Man sagt es ja nur, man schwätzt —“
„Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen
Bläschen bedeckt und vereitert.“
„Es sind einfache Streptokokken.“
„Ja, nun, Sie sagen einfache —“
„Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.“
Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.
Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets etwas
keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und brutal, die Augen hell
und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, dicht neben den blonden,
glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, die von einem Kopfschuß
herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. Damals lag er ein halbes Jahr
im Lazarett — aber so gering war die Eile der internationalen Generalität, daß er
sein Regiment im Herbst noch an genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im
Frühjahr weggetragen hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem
General mißfiel) im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller
Auszeichnungen — im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz
wie seine Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war
noch ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau
und — seit heute — das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen noch
nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der Krieg könnte zu
Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den roten Mund eines
Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. Unausgesetzt waren seine
blauen, strahlenden Knabenaugen voller Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf
seine Ordensschnalle, den gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz,
das er am Kragen trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt
des Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen
Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen,
wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General einen Dienst zu erweisen.
Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann
Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger Gymnasiast,
der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er — selten, ganz selten —
einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem Lächeln, das niemand ertrug.
Seine gleichmäßige Miene forderte indessen auf, sich nicht im geringsten durch
ihn stören zu lassen. Der Blick seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er
sprach, schien er zu Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den
Anwesenden. An seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten
Hand fehlten einige Finger.
Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem Fuß
den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann Wunderlich
war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen schweren Brustschuß
außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden ihm in Rußland beide
Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur Fliegerwaffe über. Er war heute einer
der bekanntesten Menschenjäger in der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.
Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich
abhebend — mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen Gesichtern,
steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.