Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 62 von 87

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Der 9. November

Kapitel 5

Ja, ein verfluchtes Haus.

Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er sich zu

erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete das Haus,

deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im Schlafe atmen. Feuer

stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, und mit feurigen Augen, so

groß wie Wagenräder, saß er in der rauschenden Finsternis.

Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und durch

das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:

„Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!“

„Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!“

Und wieder brauste die Orgel.

Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:

„Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!“

„Unantastbar ist die Würde des Menschen!“

„Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!“

„Liebet einander!“

Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.

 

5

 

Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.

Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber

Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote Flecken

fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. Zuweilen

liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem Augenblick.

Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz vergessen.

Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter ihren

langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte voller

Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von früh bis

abends im Bureau arbeitete.

Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie

schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu Bett zu

gehen.

Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen

unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile die

Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .

Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel,

undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah sie

nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz Deutschland liefen

die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch Wälder, Felder, über

Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.

Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die

ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer, Europas

Ströme wälzten Blut.

Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren

Betten.

Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. —

Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und

verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte das

kleine Zimmer.

Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah man ihn

um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen sich

aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt war völlig tot.

Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.

Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, so

wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen weiten

Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf dem Kopf,

arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden Ackers.

Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu erkennen

waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen Stoppelbart

eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit einem Spaten

die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein kam zum Vorschein, und

allmählich bekam man eine Vorstellung von der Größe des Steins. Er war etwa

so groß wie die Drehscheiben, auf denen man Lokomotiven bewegt. Manchmal

schien er auch etwas kleiner, manchmal größer zu sein. Jedenfalls war er

ungeheuer groß, und man wußte ja auch nicht, wie tief er in der Erde stak.

Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere

Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich mit

aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm der

Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um den

Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es war

wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er arbeitete.

Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du, nun bewegte sich

der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein hatte sich bewegt! Abermals warf

sich der Feldgraue mit voller Wucht gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male

wandte er Ackermann voll das Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in

Schweiß gebadet war, in den Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß

sie schneeweiß erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der

Feldgraue das Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an —

ah, schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen

Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.

Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und

mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.

Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. Eine

blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem dünnen Faden

herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue den Kopf. Es ist

ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück von dem grauen

Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im Feuer, dachte Ackermann,

er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie einen Augenblick später auf seiner

Stirn eine klaffende Wunde entsteht. Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die

eine Hälfte des ganzen Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber

arbeitet ruhig weiter. Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und

nur zuweilen fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.

Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein in eine

schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit dem Rücken

dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu heben. Es geht —

ein wenig — aber da fällt der Stein wieder in die frühere Lage zurück.

Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und sein

Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich nicht

darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält einen Augenblick

inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon stürzt ihm das Blut aus dem

Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die Arbeit auf. Wiederum stemmt er

sich mit dem Rücken gegen den Stein, und siehe da, er hebt ihn hoch, so

unmöglich es auch erschien. Nun steht er schräg wie ein Dach, aber alle weiteren

Anstrengungen sind umsonst. Der Feldgraue streicht um den Stein herum,

schüttelt den Kopf, wischt sich das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen

Mantel, schaufelt und macht von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein

bewegt sich nicht mehr.

Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist ein

kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen Bewegungen.

Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt den Feldgrauen zur Arbeit

an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im Nebel sichtbar geworden war.

Nur für einen Augenblick.

Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen

Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es ist

von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind blutunterlaufen,

und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut zwischen seinen Lippen

hervor. Plötzlich — plötzlich springt der kleine Mann mit den herrischen

Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze Riemenpeitsche und — ah —

schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. Er schlägt wieder und wieder und

gerät in förmliche Raserei. Der Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine

Anstrengungen. Er schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne

Bewegung, ohne Zeichen von Leben liegt er da.

Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?

Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den

Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des Regungslosen.

Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der Feldgraue um vieles

größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der kleine Herrische sich zu dem

Feldgrauen. Er klettert auf den Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken

zu können. Er steht auf seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .

Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne blinken

im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der halb

aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er antwortet auch

nicht.

Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen

Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust des

Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, um damit

nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den blinkenden Zähnen zu

stoßen . . .

Da erwachte Ackermann.

 

Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das

Morgenlicht am Fenster.

Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.

Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht zwischen

Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch geschlafen, er wußte es

nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber das Fieber schien gebrochen

zu sein.

Still lag das Haus.

Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser Stille in

seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das befreiende Weinen

geweint, das ihn beruhigte.

Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her wälzte,

aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still, ganz still.

Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich

zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen. Lieblich

war der sanfte Morgen.

Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die

Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen graugelben

Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte eilten die Treppe

hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.

Bei Hähnlein — Stille!

Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war es

ganz still geworden.

Kein Laut!

Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht lange bei

ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob die kleine Nase in

die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.

Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.

Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich zur

Türe.

In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf

heraus. Auch er zog die Luft ein.

„Es riecht so stark nach Gas hier?“ sagte er.

„Ja, stark nach Gas!“

Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.

„Haben Sie den Gashahn offen gelassen?“

„Ich? Nein, nein“, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.

„Vielleicht Hähnlein —?“ fragte Ackermann leise, stockend, und sein

erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.

„Ja, vielleicht —?“

„Wir wollen nachsehen —“

Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste —

diese Stille — er rannte die Treppe hinab. Schon polterten Ackermanns Fäuste

gegen Hähnleins Türe.

Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann er

sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe hinabgestürzt, ja deutlich

erinnerte er sich jetzt daran — er hatte sich gegen die Wand geworfen, um ihm

aus dem Wege zu gehen.

Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.