Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 82 von 87

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Der 9. November

Kapitel 5

 

Platz gemacht!“

„Platz!“

Die Autos rasen.

Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. Hier,

dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller Staub, der Kalk

der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut befleckt, versengt von den

Granaten, von den Gasen gebleicht, durchlöchert — die weiten flatternden

Mäntel haben die Stadt überflutet.

Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen

behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den

Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern —

so rasen sie dahin.

„Platz gemacht!“

Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen und

Wollenden.

„Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!“

„Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen

Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt . . .“

Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die

Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.

Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt — —

Verloren — alles, in einer einzigen Stunde . . .

Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps —

Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende — Millionen!

Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen — die

Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, krachend,

Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt — Tag und Nacht, Nacht und

Tag — jetzt in dieser Minute —

Der General findet keinen Schlaf mehr.

Er sieht die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in der

Geschichte, er hört sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den Landstraßen

kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.

Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!

Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des nachdrängenden

Feindes — seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!

Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee

zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich durch

die deutschen Lande!

Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein — Europas

Schicksal hing an einem Faden!

Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!

Er sieht die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung — beispiellos und

unerhört — aber er sieht auch, daß sie rückwärts wandert.

Rückwärts!

In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!

Niemals, niemals — unfaßbar!

Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue

Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.

Unfaßbar, ganz unfaßbar!

Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr — seine fahlen Lippen

bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .

Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden,

horch! Ja, wieder!

Da ist er wieder! Er mahlt.

Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das

aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert — ohne sonderliche Eile, denn es

weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt ihn. Tag und Nacht

wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem Fenster vorbei. Eine Armee

ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die irgendwo verborgen lebte. Wo

waren sie bis heute? Er hatte sie nie gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in

der gleichen Stadt? Ja, weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten —

mit diesen Augen, die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen,

Adlern und Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo

hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?

Horch! Woher? Wohin?

Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im

kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.

Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht — grau wie

der Staub der Landstraße — erscheint in dem kleinen, kahlen Vorgärtchen.

Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten

prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die Dunkelheit der

schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen — noch ist es nicht so weit!

Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie

gesehenes, war aus der Erde gestiegen.

Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen

dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften,

unverständlich. Lieder, Gesang — unverständlich.

Still steht er — ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein kahler Baum,

und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge blicken kann. Und der

Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.

Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt —

langsam und ohne jedes Ende.

Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den

Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen Jagdrocks,

den weichen Hut in die Stirn gezogen — und den Schnurrbart hat er etwas

gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.

Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in

Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten. Nicht

einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne die Gesichter

zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter, hinab die Straße, hinauf —

er sucht.

Ja, er sucht!

Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen,

die Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in den

Nächten — in wie vielen endlosen Nächten! — gleißten, waren sie gekommen,

die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, die Augen

entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die Bleichen und

Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren gekommen. Auch sie waren

gekommen, die sich von Rüben und faulen Kartoffeln nährten, während der

Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in das Ohr der Gäste raunte. Auch sie

waren gekommen, die noch die Lügen glaubten, während die Eingeweihten

schon lange die Wahrheit kannten. Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen,

abgescheuerten Ehering opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus

schwerem Gold und Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen,

die Elenden, die nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.

Von da draußen — da draußen — —!

Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig

Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten — ja, von ihren

Kreuzen waren sie gekommen.

Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu feilschen dem General hingegeben hatten.

Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den

Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre Säuglinge

an der versiegten Brust sterben sahen.

Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den

Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von Gram

und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch die

Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie waren

gekommen.

Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den

furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren hatten.

Gepriesen sei ihr Name!

Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.

Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in Betten und

überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen Gärten — was für eine

Frage, als ob es darauf ankäme?

Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen, Ungeformten,

selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht gekommen, die Explosion

hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser waren geborsten. Auch die

Schutzhäftlinge — Tausende und aber Tausende, die im Wege waren — sie

waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer Rat drei Jahre in Schutzhaft

hielt, er war frei, und sein Peiniger bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst

rasch ins Ausland zu entfliehen.

Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die

gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes

Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden Schritt

von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!

Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos,

Wagen, Karren, Bänken. Der Stumme, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm gehalten,

nun spricht er!

Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen,

geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem Blutmeer

sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des Menschenbluts, schon

aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.

Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: die

deutsche Armee —

Er fröstelt.

Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch das

Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren Uniformen. Sie

rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, schnattern. Einer

humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. Ja, weshalb nicht? Der

Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf die Wange küssen und ihm eine

Blechmünze auf die Brust heften. Sein Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen,

zwanzig, dreißig, vielleicht hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er

gratis erhalten, er hat keine Sorge mehr.

Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen, die

Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen und Tressen

glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer bleibt hinter ihnen

zurück.

Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich auf

die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. Sie also! Die Würfel

fielen.

Auch in seinen düstersten Träumen — Ja, oft hatten ihn düstere Träume

gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, trotz der

wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel — aber selbst in

seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich gehalten, daß einst die

Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den Linden zu sehen sein würden.

 

Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die rote

Fahne über dem Schloß.

Versprechungen — Lügen, freie Meinung — Gefängnis, Freiheit —

Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.

Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im

Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um

Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der Lärm, wo

Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten bei ihren

Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die Flüsterer, die

wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen Rücken!

Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie stieg

empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat die

Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird den Kanal

überschreiten — benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des Atlantiks wird sie aus

dem Meer steigen, und die Stahlkammern der Wolkenkratzer werden in der

Stichflamme dahinschmelzen — auch die Pyramiden der ägyptischen Könige

sind heute nicht mehr als Steinhaufen ohne jeden Sinn.