Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 86 von 87

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Der 9. November

Kapitel 9

 

Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine Miene.

Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die Autos und

Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. Der Boden zittert

vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als würden Türen aus Erz ins

Schloß geschleudert.

Alles ging gut!

Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem

weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten in

der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die Soldaten von

ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse, die Hölle wollte er ihm

bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe wieder in seiner Hand.

Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth — das Hauptfort der

Höhe — wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas war doch auffallend

— plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein. Im Vorzimmer war überhaupt

niemand. In der Schreibstube arbeiteten im ganzen zwei Leute.

Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte. Niemand

kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in das

Schreibzimmer, der Telegraph tickte — aber niemand! Die Kanonen schlugen

weniger laut.

Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern,

Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und finster.

Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, Möbel, Spiegel, die

rot aufglühten.

Kein Mensch!

Er war allein.

Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein eisiger

Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein Feuermeer.

Aber kein Lärm!

Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen

standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der Dunkelheit

ein Rohr, Glut blies in die Nacht — aber kein Mensch und kein Laut! Der

General strich entsetzt um das Geschütz — keine Seele — was war das —?

Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General das

große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen, das Portal

— aber kein Laut.

Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf.

Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände.

Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem Arbeitszimmer,

in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten. Sonderbar, die Uhren gingen,

die Pendel schwangen, aber er hörte sie nicht mehr ticken.

Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah mit

ihm? Müde, müde.

„Ich bin müde“, sagte er mit schwerer Zunge.

„Ich bin sehr, sehr müde!“

Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag ein

Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren die letzten

Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes — gefallen bei Comble in der

Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung. Nun erinnert er sich:

er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder gelesen — wie in vielen,

vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, Schrecken, Tod . . .

„Und alles umsonst?“ flüsterte der General und schüttelte fassungslos den

Kopf.

„Alles umsonst!“

„Wie, wie, wie?“

„Ein Volk von Bettlern!?“

„Ein Volk von Sklaven!?“

„Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!“

„Alles, alles umsonst!“

„Ach!“

Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht.

Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er

sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab — Bilder

zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. Deutlich

erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts gelesen hatte. Das

Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.

Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der sich

nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen, und sie

gingen beide bergan — und doch wußte er, daß er in seinem Arbeitszimmer saß!

„Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?“

„Nein, keine Furcht.“

Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie war

matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie — sie wimmelte von Menschen.

Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, die ganze Kuppe

war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links und rechts. Tausende

und aber Tausende, alle bleich, fahl, leichenfarben.

„Herbst, nicht wahr?“

„Ja, Herbst.“

„Und wie war doch der Vorname?“

Und laut schrie er: „Der Jäger Robert Herbst vortreten!“

„Hier!“

„Hier! — Hier! — Hier —!“

Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle —!

Ja, sonderbar — so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch wußte er

genau, daß er in seinem Sessel saß.

Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken. Seine

Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen blicklosen

Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende — eigentümliche Bilder . . .

Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und schon

steht er aufrecht mitten im Zimmer.

Ein Gesicht ist erschienen: das Gesicht einer weinenden Frau . . .

Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die

Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an der

Wand — jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit

Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen breiten

Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener Einarmige,

über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst Hecht-Babenberg, der

nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb und den Wahlspruch des

Geschlechts prägte: Lorbeer und Land!

Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit!

Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt,

schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er sich mit

den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn gibt es keine

Wände mehr.

Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit!

Er sieht — oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen!

Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika, die

Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch Rauch

und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie Wirklichkeit

geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer kriechen durch den

Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor Geschützen, sie werfen Flammen,

bis hinter den Horizont schleudern die Pumpen das brennende Öl. Ihre

Schuppenräder zermalmen Städte und zertreten Ströme. Ringsum funkelt der

Horizont wie schwarze Kohle. Ein brennender Kontinent schmilzt ins Meer.

So! So! So! Ja, das waren sie!

Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres.

Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber.

Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist gefroren,

Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern, aber die Armee

marschiert. Ihr Schritt donnert.

Da, da — dort!

Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten Flaggen zu

sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz deutlich! Frech

flattern die Fahnen der Rebellen.

Der General hebt die Hand — Angriff! — und die Armee, unendlich,

unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen.

Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und dichter,

immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon zerfrißt die Kälte den

Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die Kälte die Haut, die sich aufrollt,

schon zerfrißt die Kälte die Lungen . . .