Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 50 von 87

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Der 9. November

Kapitel 5

gewesen, zu würdigen wußte.

„Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren —?“

„Jawohl, Herr General!“

Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen, leichengrün

— die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er trank wenig, aber er

konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland seinen Nervenchok erlitt.

Damals waren sie alle verbrannt, durch einen Volltreffer, der den Unterstand in

Flammen setzte — nur durch einen Zufall war er gerettet worden. Er wußte

selbst nicht wie, er hatte es auch nie begriffen.

Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon

und verlangte eine bestimmte Verbindung.

Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.

„Ich hatte doch gebeten“ — begann der General ungnädig — „mich

umgehend informieren zu wollen — bereits acht Tage — wie, bitte —?“

 

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Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden

Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.

„Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die

Schmachbedeckten treffen — einst, einst —!“

Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten

Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand

beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und

Qualen erschöpft — ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die niemand

sieht.

Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener,

regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel, quittengelb,

mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten Augenhöhlen. Eine

berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude Wache, im Sattel verhungert,

aber sie tat ihre Pflicht.

Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen, die

Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote Schnurrbart zuckte.

Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte spaltete

die armselige Stirn.

Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der

geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene

Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie

vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.

Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und

unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann dressiert.

In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten

durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm —

ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.

„Es ist Zeit!“ flüsterte er. „Es ist Zeit!“

„Es ist höchste Zeit!“ Er eilte.

Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr Sehnsüchtigen,

Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden, Gesegneten, Boten und

Verkünder des Menschenreiches — auf, auf, die Stunde ist da! Zögert nicht

länger, ihr Gesandten mit den menschlichen Antlitzen!

Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der rasch

zwischen den Bäumen verschwand.

 

— — — — — — — —

 

Und schon — ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die ihrer Zeit

vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer neuen Sonne, die

heraufsteigt.

Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse — sie

werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine Angst.

Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen Europas — und

sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die Kugeln werden von

ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr Morgengebet bei den Kanonen,

in den Erdlöchern der europäischen Schlachtfelder — sie werden die Kanonen

zerbrechen, als ob sie Schilf wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den

Massengräbern Europas unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden

auferstehen, stärker als der Tod, keine Angst.

Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die Brüder

sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre Stimmen, da

und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!

Sie kommen!

Kommen sie? Kommen sie wirklich?

Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.

Und die Finsternis wird ein Ende haben?

Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.