Der 9. November
Kapitel 3
Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff
drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie
hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und
überrascht war?
Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin
Heller war Spiritistin, Theosophin — alles Dinge, die den General nicht im
geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes — eben
jenes „Schurken“, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener einflußreichen
Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen
wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig — wissen Sie . . . Der
General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. Solche Zufälle gibt es!
Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem
künstlerischen Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen
erriet und alles so wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?
„Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!“ wandte sich
der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung, die bei jeder Anrede
neu auflebte, an sie. „Sie waren lange weg. Wie gefällt es Ihnen wieder in
Deutschland?“
Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die
scharfen, schneeweißen Zähnchen. „Ich finde es ent—setz—lich!“
„Ah, ah!“
„Ein Friedhof!“
Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des
höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit, mußte
man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen — noch dazu bei einer
Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter Verbindung stand.
In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete, als
sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.
Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!
Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
3
In der Tat, das Telegramm — das Dora lässig zusammenfaltete und in eine
kleine japanische Lackschale legte — kam aus dem Felde. Hauptmann Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob das Telegramm
wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras Geburtstag
vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen dumpfkrachenden Einschlag
geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er hatte sich sofort eine Notiz
gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der Kriegsjahre völlig geschwunden.
Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter
unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine kleine
Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein Telephon, zwei
Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung. Die Wände schwitzten
von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt, seine kurze Stummelpfeife
zu reinigen. Er bediente sich einer Krähenfeder, die er — da draußen —
gefunden hatte. Dönhoff, der Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen,
gähnte. Er war nicht schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde.
In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein tiefes
mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern der
fernen und nahen Geschütze herauszuhören.
Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht.
„Hören Sie? Da ist er wieder!“
Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der Arbeit.
„Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz“, erwiderte er
leichthin. „Sie haben mehr Munition.“
Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff lachte
belustigt. „Da, da,“ sagte er, „er streut jetzt unsere Kuppe ab.“
Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in das
verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der Teufel,
immer noch mußte etwas im Rohr stecken.
„Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.“
„Es muß auch so gehen —“
Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht
gepflegt.
Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam
zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der gleichen Stelle.
Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne kommen sollten — aber es
war wieder nichts daraus geworden. Auch die Champagne war kein Paradies,
aber es gab wenigstens Licht dort — hier war es immer düster.
Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen
Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen
winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der
Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten — bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang übertönt
wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, heute stürzte eine
hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der Finsternis. Der Regen rauscht,
Ströme von Lehm fließen die schmalen Knüppelwege hinab, die die Soldaten
durch das Dickicht geschlagen haben. Zuweilen trifft man auch ein
menschenähnliches Wesen, bis an die Augen mit Lehm beschmiert. Zuweilen
schleppen sich auch Trüppchen von Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen
und Armen, die Knüppelwege hinunter — nein, pfui, der Wald ist kein Platz für
einen Gentleman!
Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne — an eine Wüste, in der Sonne,
flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt
Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und plötzlich
kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da sein. Langsam
kriechen die Gedanken.
„Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?“
„Welchen Babenberg?“
„Nun, den, wissen Sie — man hat ihn nach Hause geschickt —“
„Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?“
„Ich dachte gerade an ihn — nur so —“
Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm berichtet
hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder — man kann nie wissen.
Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme — es fehlte noch eine
Unterschrift in der Urkunde — gut, an ihm sollte es nicht liegen.
Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. „So, das
Kind hat Luft —“
Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen
Sappe unverschämt arbeite.
Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der Batterie
Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu erkennen, als die
dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist es schon ganz düster,
aber draußen bei der Beobachtung sind im Scherenfernrohr noch deutlich die
Nebelgestalten zu unterscheiden, die dicht am Waldrande bei Boureuille Erde
aufwerfen.
Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen,
und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt,
während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt.
Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch an
den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.
Und Ruth? Wo ist Ruth?“ fragte Gräfin Heller. „Weshalb ist sie nicht
gekommen?“
„Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.“ Ruth, die Tochter des Generals,
arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht gegen
Bezahlung.
„Ruth war heute vormittag bei mir“, warf Dora ein.
Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren.
„Wann wird die Hochzeit sein?“ Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der
reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest bei
der Verwaltung.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. „Im
Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir
scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten meiner
Kinder —“
Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich, saß
auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit nachdenklich
gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen blanken Stiefeln
nahezukommen gefährlich war.
Krieg, Nahrung, Politik — in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei Menschen
zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das gleiche Thema.
Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die Ferne, ein Lächeln
versuchte die Mienen zu verklären — gewiß, es gab Himmel und Hölle im
menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf der Erde, bestechend
durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig unergründliche Probleme bewegten
unsichtbar die Jahrhunderte — immer noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter
Gase, samt ihren winzigen Planeten mit der Geschwindigkeit von
zwanzigtausend Sekundenmetern, unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu —
immer noch war das Einfachste nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die
Zukunft undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte
der Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der
Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen — immer noch war alles
geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in einen
erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die Liebe, die
mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in Doras Lachen und
selbst in den ernsten Gesichtern der Damen Sterne-Dönhoff — noch immer war
sie allgegenwärtig — gewiß! Aber doch — gänzlich hoffnungslos. Es war wie
die Verdammnis selbst! Das verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück — nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.
Das politische Schicksal — die Summe der menschlichen Schwächen und
Irrtümer — hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der Schlachtfelder,
die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete wie ein Gebirge auf den
Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik — die Gehirne bewegten sich nicht
mehr. Butzi allein führte sein eigenes geistiges Leben weiter. Weshalb, zum
Beispiel, durfte man den Hosen mit den roten Streifen nicht zu nahe kommen?
Weshalb zuckte die Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel
berühren wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es
kurz zu sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und
plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was er tat und
weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen klopfte.
Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es war
ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte — sie, die
Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und Heilige —
obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für verworfen hielten — für
schamlos — für . . .
Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden Ungeheuer
nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive, die bevorstehende
große Offensive — der Entscheidungsschlag. Unbegreiflich! Der Herr mit den
roten Streifen glaubte nicht an die Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie
beliebt? Bluff, mit einem Wort. Er gestand, daß er besorgt war — besorgt, nicht
mehr! Hätten sie sich auf Spezialwaffen beschränkt — Fliegertruppen,
Automobilkorps, Artillerie — er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee?
Unmöglich! Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar
nicht uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte.
Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick zu,
und er schwieg.
Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote, so
sagte der Minister.
Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich
leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk — so ganz im
allgemeinen —?
Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann lösten
sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.
„Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen — wie herrlich
dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich durch den ganzen
Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. Ich frage ihn, ob er
nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze Gesicht! Sie sollten dieses
Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier
brauche? — Langes, tiefes Sinnen. Das echt deutsche tiefe Sinnen! — Dann
bleibe ich bei Herrn General! — Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen
Charakterzüge mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen
angeborene Kampfesfreude und seine Mannestreue —“
Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch
spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend wird
Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit
berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist vorzüglich informiert
über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben
spielen. Sein Lächeln ist — tödlich. Ein anerkennendes Wort seiner schmalen
Lippen mehr wert als eine gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General,
daß man dort nur einen gesunden Optimismus liebt.
Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.
Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst
Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war — die neuen Mannschaften —
eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. Wie eine
unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles niederwerfend —
Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. Es
war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff
leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.
Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche
Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede
Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.
Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern Sterne-
Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch
zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe sei, ein
Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade unvorsichtig von
Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so unumwunden zu
sprechen — obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.
Butzi war endlich eingeschlafen.
„Gebe Gott, daß es zu Ende geht“, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen
Seufzer. „Ich möchte reisen!“
„Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!“
„Ich möchte nach Paris reisen!“
„Nach Paris!“
Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er
beugte sich vor. „Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!“ versichert er mit Feierlichkeit in der Stimme. „Ich gebe Ihnen mein Wort!“