Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 4 von 87

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Der 9. November

Kapitel 3

Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff

drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie

hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und

überrascht war?

Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin

Heller war Spiritistin, Theosophin — alles Dinge, die den General nicht im

geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes — eben

jenes „Schurken“, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener einflußreichen

Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur flüsternd ausgesprochen

wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig — wissen Sie . . . Der

General hatte nicht ahnen können, sie hier zu treffen. Solche Zufälle gibt es!

Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem

künstlerischen Naturell auf rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen

erriet und alles so wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?

„Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!“ wandte sich

der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung, die bei jeder Anrede

neu auflebte, an sie. „Sie waren lange weg. Wie gefällt es Ihnen wieder in

Deutschland?“

Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die

scharfen, schneeweißen Zähnchen. „Ich finde es ent—setz—lich!“

„Ah, ah!“

„Ein Friedhof!“

Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des

höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit, mußte

man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen — noch dazu bei einer

Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter Verbindung stand.

In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete, als

sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.

Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!

Die Unterhaltung geriet ins Stocken.

 

3

 

In der Tat, das Telegramm — das Dora lässig zusammenfaltete und in eine

kleine japanische Lackschale legte — kam aus dem Felde. Hauptmann Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob das Telegramm

wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras Geburtstag

vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen dumpfkrachenden Einschlag

geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er hatte sich sofort eine Notiz

gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der Kriegsjahre völlig geschwunden.

Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter

unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine kleine

Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein Telephon, zwei

Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung. Die Wände schwitzten

von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt, seine kurze Stummelpfeife

zu reinigen. Er bediente sich einer Krähenfeder, die er — da draußen —

gefunden hatte. Dönhoff, der Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen,

gähnte. Er war nicht schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde.

In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein tiefes

mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern der

fernen und nahen Geschütze herauszuhören.

Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht.

„Hören Sie? Da ist er wieder!“

Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der Arbeit.

„Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz“, erwiderte er

leichthin. „Sie haben mehr Munition.“

Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff lachte

belustigt. „Da, da,“ sagte er, „er streut jetzt unsere Kuppe ab.“

Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in das

verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der Teufel,

immer noch mußte etwas im Rohr stecken.

„Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.“

„Es muß auch so gehen —“

Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht

gepflegt.

Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam

zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der gleichen Stelle.

Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne kommen sollten — aber es

war wieder nichts daraus geworden. Auch die Champagne war kein Paradies,

aber es gab wenigstens Licht dort — hier war es immer düster.

Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen

Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen

winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der

Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten — bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang übertönt

wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, heute stürzte eine

hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der Finsternis. Der Regen rauscht,

Ströme von Lehm fließen die schmalen Knüppelwege hinab, die die Soldaten

durch das Dickicht geschlagen haben. Zuweilen trifft man auch ein

menschenähnliches Wesen, bis an die Augen mit Lehm beschmiert. Zuweilen

schleppen sich auch Trüppchen von Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen

und Armen, die Knüppelwege hinunter — nein, pfui, der Wald ist kein Platz für

einen Gentleman!

Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne — an eine Wüste, in der Sonne,

flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt

Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und plötzlich

kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da sein. Langsam

kriechen die Gedanken.

„Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?“

„Welchen Babenberg?“

„Nun, den, wissen Sie — man hat ihn nach Hause geschickt —“

„Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?“

„Ich dachte gerade an ihn — nur so —“

Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm berichtet

hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder — man kann nie wissen.

Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme — es fehlte noch eine

Unterschrift in der Urkunde — gut, an ihm sollte es nicht liegen.

Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. „So, das

Kind hat Luft —“

Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen

Sappe unverschämt arbeite.

Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der Batterie

Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu erkennen, als die

dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist es schon ganz düster,

aber draußen bei der Beobachtung sind im Scherenfernrohr noch deutlich die

Nebelgestalten zu unterscheiden, die dicht am Waldrande bei Boureuille Erde

aufwerfen.

Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen,

und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt,

während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt.

Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch an

den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.

Und Ruth? Wo ist Ruth?“ fragte Gräfin Heller. „Weshalb ist sie nicht

 

gekommen?“

„Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.“ Ruth, die Tochter des Generals,

arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht gegen

Bezahlung.

„Ruth war heute vormittag bei mir“, warf Dora ein.

Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren.

„Wann wird die Hochzeit sein?“ Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der

reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest bei

der Verwaltung.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. „Im

Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir

scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten meiner

Kinder —“

Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich, saß

auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit nachdenklich

gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen blanken Stiefeln

nahezukommen gefährlich war.

Krieg, Nahrung, Politik — in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei Menschen

zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das gleiche Thema.

Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die Ferne, ein Lächeln

versuchte die Mienen zu verklären — gewiß, es gab Himmel und Hölle im

menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf der Erde, bestechend

durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig unergründliche Probleme bewegten

unsichtbar die Jahrhunderte — immer noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter

Gase, samt ihren winzigen Planeten mit der Geschwindigkeit von

zwanzigtausend Sekundenmetern, unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu —

immer noch war das Einfachste nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die

Zukunft undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte

der Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der

Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen — immer noch war alles

geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in einen

erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die Liebe, die

mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in Doras Lachen und

selbst in den ernsten Gesichtern der Damen Sterne-Dönhoff — noch immer war

sie allgegenwärtig — gewiß! Aber doch — gänzlich hoffnungslos. Es war wie

die Verdammnis selbst! Das verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück — nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.

Das politische Schicksal — die Summe der menschlichen Schwächen und

Irrtümer — hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der Schlachtfelder,

die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete wie ein Gebirge auf den

Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik — die Gehirne bewegten sich nicht

mehr. Butzi allein führte sein eigenes geistiges Leben weiter. Weshalb, zum

Beispiel, durfte man den Hosen mit den roten Streifen nicht zu nahe kommen?

Weshalb zuckte die Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel

berühren wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es

kurz zu sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und

plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was er tat und

weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen klopfte.

Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es war

ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte — sie, die

Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und Heilige —

obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für verworfen hielten — für

schamlos — für . . .

Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden Ungeheuer

nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive, die bevorstehende

große Offensive — der Entscheidungsschlag. Unbegreiflich! Der Herr mit den

roten Streifen glaubte nicht an die Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie

beliebt? Bluff, mit einem Wort. Er gestand, daß er besorgt war — besorgt, nicht

mehr! Hätten sie sich auf Spezialwaffen beschränkt — Fliegertruppen,

Automobilkorps, Artillerie — er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee?

Unmöglich! Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar

nicht uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte.

Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick zu,

und er schwieg.

Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote, so

sagte der Minister.

Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich

leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk — so ganz im

allgemeinen —?

Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann lösten

sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.

„Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen — wie herrlich

dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich durch den ganzen

Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. Ich frage ihn, ob er

nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze Gesicht! Sie sollten dieses

Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage ich, höre, wenn ich dich nun hier

brauche? — Langes, tiefes Sinnen. Das echt deutsche tiefe Sinnen! — Dann

bleibe ich bei Herrn General! — Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen

Charakterzüge mögen Sie in dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen

angeborene Kampfesfreude und seine Mannestreue —“

Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch

spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend wird

Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen Persönlichkeit

berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist vorzüglich informiert

über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die eine Rolle im öffentlichen Leben

spielen. Sein Lächeln ist — tödlich. Ein anerkennendes Wort seiner schmalen

Lippen mehr wert als eine gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General,

daß man dort nur einen gesunden Optimismus liebt.

Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.

Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst

Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war — die neuen Mannschaften —

eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. Wie eine

unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles niederwerfend —

Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. Es

war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff

leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.

Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche

Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede

Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.

Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern Sterne-

Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte mißtrauisch

zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe sei, ein

Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade unvorsichtig von

Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so unumwunden zu

sprechen — obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.

Butzi war endlich eingeschlafen.

„Gebe Gott, daß es zu Ende geht“, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen

Seufzer. „Ich möchte reisen!“

„Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!“

„Ich möchte nach Paris reisen!“

„Nach Paris!“

Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er

beugte sich vor. „Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!“ versichert er mit Feierlichkeit in der Stimme. „Ich gebe Ihnen mein Wort!“