Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 71 von 87

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Der 9. November

Kapitel 5

„Hüten Sie sich!“ Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die Kinder

erwartungsvoll.

„Wie meine Tochter — unerklärlich!“ schluchzte Herr Herbst, und der Hut

entfiel ihm. „Ich bin ein Verkommener.“

Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände.

„Stehen Sie doch auf!“ schrie Ruth. „Stehen Sie doch auf!“ Und sie schrie so

laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete. „Was Sie sind, das

sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig verkommen —“

„Ja, ja, ja!“ Herr Herbst hob beschwörend die Hände. „Aber ich war nicht

immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter . . .“

„Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?“ unterbrach ihn Ruth außer sich.

„Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie Judas

Ischarioth?“

Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück.

„Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um

die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!“

„Jesus Christus!“

„Und Sie — ein Säufer —!“

Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden Trinkeraugen.

Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie — und auch Ruth glaubte es im

Paroxysmus des Schmerzes.

Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das Häuflein der

zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie sahen, daß die Dame,

die mit diesem komischen Betrunkenen zankte, plötzlich weinte.

„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein Seher, ein

Heiliger war er!“

„Sie haben ihn getötet — aber er ist unsterblich!“ rief Ruth vor sich hin, und

die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht.

Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und unaufhörlich die

gleichen Worte.

Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt, daß

Menschen vor sich hin sprachen und weinten.

 

5

Horch!

Das Feuer rollte.

Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten

schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause klirrten

die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen spien Feuer über

den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in die Formen:

Geschütze, Granaten.

Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht mehr,

neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher. Hunderte

von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die Völker der Erde

waren Mördervölker geworden.

Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer — vorwärts!

Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert und die

Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die Schätze

der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.

Die Wolke!

Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die

Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden — dort . . .

Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von

Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen

Friedhof, die Welt in ein Lazarett.

Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden — die Kanonen sollen die

Probleme lösen.

Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins. Konferenzen,

Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom schmutzigen

Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber schließlich war er

nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den Knien danken, daß er nicht da

draußen fahren mußte, wo die Landstraßen sich öffnen und Feuer speien.

Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte der

General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte.

Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger blieben

wie auf Kommando stehen und gafften.

Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.

Unerhört!

Am hellichten Tage! Unter den Linden!

Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten.

Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht

mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht unerhört, daß jemand Unter den

Linden schrie und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkte?

Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum

Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der jungen

Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos zog er den

Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien ein Wort, immer

das gleiche Wort — er verstand es nicht. Er wagte nicht zu glauben, daß sie jenes

Wort riefen — es ist unmöglich!

Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette von

Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch — schon

blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er.

„Schlagt sie nieder!“ schrie der General, purpurrot das Gesicht.

Und die Regierung?

Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten

Rücken.

Die Regierung?

Sie schläft.

Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle hat

sich verlaufen. Nichts ist geschehen.

Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven!

Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung — —

Vorwärts, Soldaten!

Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt!

Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur

erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt! Vorwärts,

Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch vorwärts treiben,

wartet!

Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.

Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr geliebten

Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge und drei Dollar am

Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche Gliedmaßen — ihr kennt

doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht —? Kali, Kohlen, Kolonien . . .

Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es

bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich erregte Ticken,

ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die Börsen von Berlin,

London, Paris, Rom, Neuyork — schon hat sich ein Bankrotteur eine Kugel in

den Kopf geschossen — und ihr zögert?

Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die

Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.

Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn Präsidenten,

höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die zerschossene Brust

heften —

Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!

Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den

gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen

polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den

Fingernägeln, ungeduldig — die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf den

Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der Feder,

werfen gebieterische Blicke.

Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes Lächeln

— Tod, Tod — sie aber leben.

Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der

Walstatt, es regnet schwarzes Blut — die apokalyptischen Reiter ziehen über den

Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, gewogen und

zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am verfinsterten

Firmament.

Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz

zusammengetreten.

 

Reserven!

Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den

Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht.

Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst kürzlich

war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag einer Patriotin

aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee einzustellen, für Wachtdienst,

Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn Millionen, wenn man wollte! Aus den

kräftigsten Frauen hätten sich auch Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne

Frage. Die Frauen hätten vorzügliches Material abgegeben. (Der General war

gewohnt „Material“ zu sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden

Zweifel, hätten ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!

Seine Denkschrift — sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen

Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet — wie man

Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, wußte

alles besser.

„Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!“ sagte der General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach.