Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 73 von 87

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Der 9. November

Kapitel 7

Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns Geist berührt

die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche, Franzosen, Inder,

Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, und spricht: ihr alle werdet

auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr Heiligen und Märtyrer!

Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis zu den

Sternen lodert, und schon — schon dämpft sich der Lärm der Geschütze. Schon

schweigen sie . . .

Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf in ihren

Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.

Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.

Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker zu

verführen — aber wehe denen, die sie verführen!

 

7

 

Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der General

den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten. Vor

Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er schlief,

röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein.

Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit. Verstört

fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann über sein

Gesicht.

Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte er

geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben —

etwas Schweres, Bleischweres — was war es doch? Hatte er geträumt? Das

Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch zum

Ausgehen fertig.

Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte zurück,

als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt. Ja, ein häßlicher

Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf dem Brandenburger Tor

— es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem Trümmerhaufen, den

Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos und diese aus den

Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der Trümmerhaufe hatte

sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz bedeckt, ein förmlicher Berg —

Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend — schon etwas herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch feucht.

Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von kleinen Wolken,

wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar Spaziergänger, tiefe

Ruhe.

Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein. Bald

hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen Traume

zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf erfrischt, die

abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken gehorchten.

Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich klar,

erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser Wunderlich kam und

ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. Er blieb stehen.

„Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich“, raunte

er vor sich hin, voller Verachtung.

Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: „Sie lassen sich schlagen —

regelrecht schlagen!“ Ja, das war es.

Hatte er nicht immer gewarnt?

Diese ganze Offensive — glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste,

eine unsinnige Verlängerung der Front — keines der strategischen Ziele erreicht,

der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß zum Meer, die

Abdrosselung der englischen Armee — alles mißglückt. Und was hatten sie, die

Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu suchen gehabt? Eine

Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer einzigen schwachen Bahnlinie.

Wie? Weshalb? Unverständlich!

Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen —

was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand — nichts mehr, um den Erfolg

auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches Reservoir an

lebendem und totem Material, kaum angebrochen —

„Ja, schlagen, diese Gottähnlichen —!“

Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten — danke, danke

ergebenst . . .

War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte

Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind anlaufen

zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang konnte man sich

halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für politisch-militärische

Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.

Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:

Licht? Bei Dora Licht?

In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla gegangen,

ohne jede Absicht.

Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie hatte

ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.

Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die Gedanken, die

ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte in letzter Zeit —

Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.

„Petersen!“

Aber niemand kam. Stille.

Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das

Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei

ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen Klagelaut

hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff, der zurzeit hier

Wohnung genommen hatte — bis er etwas Geeignetes fand. Zweihundert schöne

Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn — und jetzt trug er also eine schwarze

Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er übte von früh bis nachts.

Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.

Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in seinem

zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch — ein blinder

Spiegel — der General schlug den Vorhang zur Seite — auch im Zeltzimmer war

Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu sehen.

Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.

Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser,

wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im Garten? Ja,

wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder Einbrecher konnte

hereinkommen.

Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten

Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.

Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen.

Schließlich — hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er sich all

der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich unbedeutenden

Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit beunruhigt hatten. Sie

war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb sie —

Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?

Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu tändeln

und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.

Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte — der Feuerschein flackerte über

den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.

Der General wandte sich zum Gehen — aber da, gerade in dem Augenblicke,

da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen — gerade in

diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen Kissen, das

auf dem Teppich drinnen lag — erschien ein himbeerfarbener kleiner

Seidenpantoffel.

Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte sich, als

sei er lebendig — ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . . trug sie fleischfarbene

Seidenstrümpfe, oder was war es?

Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und diese

Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in die

Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene

Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde

sichtbar —

„Das ist ganz unmöglich!“ sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich. „Ich

bitte dich, gewisse Rücksichten —“

„Rücksichten?“ lachte eine Männerstimme. „Es ist töricht, ewig Rücksichten

zu nehmen, Dora!“

Diese Stimme! Der General erbleichte.

Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.

„Schweig!“ sagte Dora.

Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller

Stimme wütend zu kläffen.

Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.

„Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.“

„Wer soll da sein?“

Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er zurück.

Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte sich, lautlos —

 

Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine Hand raffte

den Vorhang auf.

Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine gelähmten

Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine Brust ein —

plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.

Im Vorhang erschien —

Ja, was erschien da?

Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche

Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man will, in

einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote Drachen züngelten.

Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.