Der 9. November
Kapitel 7
Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns Geist berührt
die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche, Franzosen, Inder,
Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, und spricht: ihr alle werdet
auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr Heiligen und Märtyrer!
Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis zu den
Sternen lodert, und schon — schon dämpft sich der Lärm der Geschütze. Schon
schweigen sie . . .
Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf in ihren
Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.
Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.
Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker zu
verführen — aber wehe denen, die sie verführen!
7
Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der General
den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten. Vor
Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er schlief,
röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein.
Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit. Verstört
fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann über sein
Gesicht.
Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte er
geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben —
etwas Schweres, Bleischweres — was war es doch? Hatte er geträumt? Das
Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch zum
Ausgehen fertig.
Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte zurück,
als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt. Ja, ein häßlicher
Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf dem Brandenburger Tor
— es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem Trümmerhaufen, den
Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos und diese aus den
Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der Trümmerhaufe hatte
sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz bedeckt, ein förmlicher Berg —
Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend — schon etwas herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch feucht.
Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von kleinen Wolken,
wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar Spaziergänger, tiefe
Ruhe.
Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein. Bald
hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen Traume
zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf erfrischt, die
abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken gehorchten.
Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich klar,
erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser Wunderlich kam und
ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. Er blieb stehen.
„Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich“, raunte
er vor sich hin, voller Verachtung.
Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: „Sie lassen sich schlagen —
regelrecht schlagen!“ Ja, das war es.
Hatte er nicht immer gewarnt?
Diese ganze Offensive — glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste,
eine unsinnige Verlängerung der Front — keines der strategischen Ziele erreicht,
der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß zum Meer, die
Abdrosselung der englischen Armee — alles mißglückt. Und was hatten sie, die
Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu suchen gehabt? Eine
Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer einzigen schwachen Bahnlinie.
Wie? Weshalb? Unverständlich!
Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen —
was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand — nichts mehr, um den Erfolg
auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches Reservoir an
lebendem und totem Material, kaum angebrochen —
„Ja, schlagen, diese Gottähnlichen —!“
Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten — danke, danke
ergebenst . . .
War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte
Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind anlaufen
zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang konnte man sich
halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für politisch-militärische
Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.
Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:
Licht? Bei Dora Licht?
In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla gegangen,
ohne jede Absicht.
Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie hatte
ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.
Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die Gedanken, die
ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte in letzter Zeit —
Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.
„Petersen!“
Aber niemand kam. Stille.
Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das
Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei
ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen Klagelaut
hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff, der zurzeit hier
Wohnung genommen hatte — bis er etwas Geeignetes fand. Zweihundert schöne
Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn — und jetzt trug er also eine schwarze
Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er übte von früh bis nachts.
Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.
Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in seinem
zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch — ein blinder
Spiegel — der General schlug den Vorhang zur Seite — auch im Zeltzimmer war
Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu sehen.
Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.
Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser,
wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im Garten? Ja,
wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder Einbrecher konnte
hereinkommen.
Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten
Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.
Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen.
Schließlich — hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er sich all
der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich unbedeutenden
Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit beunruhigt hatten. Sie
war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb sie —
Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?
Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu tändeln
und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.
Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte — der Feuerschein flackerte über
den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.
Der General wandte sich zum Gehen — aber da, gerade in dem Augenblicke,
da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen — gerade in
diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen Kissen, das
auf dem Teppich drinnen lag — erschien ein himbeerfarbener kleiner
Seidenpantoffel.
Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte sich, als
sei er lebendig — ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . . trug sie fleischfarbene
Seidenstrümpfe, oder was war es?
Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und diese
Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in die
Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene
Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde
sichtbar —
„Das ist ganz unmöglich!“ sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich. „Ich
bitte dich, gewisse Rücksichten —“
„Rücksichten?“ lachte eine Männerstimme. „Es ist töricht, ewig Rücksichten
zu nehmen, Dora!“
Diese Stimme! Der General erbleichte.
Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.
„Schweig!“ sagte Dora.
Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller
Stimme wütend zu kläffen.
Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.
„Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.“
„Wer soll da sein?“
Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er zurück.
Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte sich, lautlos —
Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine Hand raffte
den Vorhang auf.
Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine gelähmten
Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine Brust ein —
plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.
Im Vorhang erschien —
Ja, was erschien da?
Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche
Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man will, in
einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote Drachen züngelten.
Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.