Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 83 von 87

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Der 9. November

Kapitel 6

Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen, wo

die gelben Völker wohnen.

Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker

lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden — ehe sie

lallen können, werden sie nicht mehr sein.

Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros

verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen wird

Neros Name verblassen.

 

6

 

Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein keckes

Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen einzudringen. Ein paar

Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm her und musterten ihn von

oben bis unten. Das Düster unter den grauen Brauen erhellte sich, und die

Unverschämten entfernten sich schwatzend und lachend.

Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch —

sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.

Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem dahinfegenden

Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, ein neugierig

forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er ihn.

Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen mit

einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit

Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande

gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.

Es war Hanuschke, in der Tat — man erinnert sich, der um sein Leben lief,

während der General in Stifters Diele Spargel aß — auch er jagte, der

krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den Augen, auf

diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er lebte und konnte

es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er. Niemand wünschte er etwas

Böses — und dieses graue Gesicht, es war ihm nur so aufgefallen.

Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es irgendwo

gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen mit der Narbe

zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.

Doch, was ist das?

Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.

Seht!

Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das

rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine Anzahl

wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. Scharen werden

von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine Hände, keine Arme, leere

Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen Uniformen verbergen

gräßliche Verstümmelungen.

Seht, seht, ihr Menschen!

Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie

humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein Kinn,

ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und blaugebrannt, sie

haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe stehen zur Seite.

Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!

Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im

roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht ihr

Menschen, es sind nur Tiere.

Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles

versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?

Hier also sind sie!

Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die

Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.

Der General steht mit dem Hute in der Hand.

Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder

gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von

debattierenden Menschen.

Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich

durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen

und Rednern, die zur Menge sprachen.

Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, blinde

Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen liefen, wie

Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen — und Scharen von Verkäufern in

grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.

Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme ruderten

durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer knatterte. Ein

Maschinengewehr feuerte — und schon waren die Straßen reingefegt. Nur ein

paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den Häusern entlang, von Torweg

zu Torweg.

Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.

Es huschte die Straßen entlang und verschwand.

Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln

leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und Schachteln zur

Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den Stühlen zu arbeiten.

Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf,

brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.

 

Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener Havelock,

ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.

„Herr Herbst!“

„Ah, Sie sind es?“

„Ja, ich! Um Gottes willen —!“

„Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen — als ob wir alte

Freunde wären —? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!“

„Ja, wie ich aussehe!“

Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor

Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote Schleife

leuchtete an seinem Havelock.

Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde junge

Mann eifrig abseits.

„Helfen Sie mir, um Christi willen!“

„Ihnen?“ Herr Herbst trat zurück.

Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam um.

Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und verknittert, der

grüne Plüschhut voller Schmutz.

„Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld, kein

Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage geplatzt.“

„Geplatzt?“

„Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke zerschlagen,

alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin sollen wir uns

wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen Sie, hier!“

„Eine Schramme!“

„Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind ja

geöffnet worden — und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich mißhandelt

und in den Kanal geworfen.“

„In den Kanal, hahaha!“

„Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn festhalten — so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da haben sie

mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und verfolgt —

durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein Leben bin ich

gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie mir.“

„Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist wieder

in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.“

„Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als ich Sie

sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie ahnen es ja nicht!

Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen habe?“

Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.

„Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte Frau.

Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich zwischen

Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde —

entsetzlich!“ Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden Soldaten, die

hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm überallhin folgten.

„Schlimm, sehr schlimm!“ sagte Herr Herbst mit einem spöttischen Zwinkern

der kleinen entzündeten Augen. „Und ihn? Haben Sie ihn schon gesehen?“

„Ihn? Wen?“

„Nun ihn, den ihr vom Dache — da, am Anhalter Bahnhof —?“

„Wie? Wie? Was —?“

„Ja, ich habe ihn gesehen!“

„Wie? — Sie machen mich irrsinnig!“

„Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet. Aber sein

Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er — ich dachte es im ersten

Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame — Sie erinnern sich — jene

Dame?“

„Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.“

„Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.“ Kunzes

Spitzelaugen funkelten. „Sie fuhren zusammen auf einem Auto — auf einem

Auto mit roten Flaggen — und warfen diese Zettel auf die Straße.“

„Gott stehe mir bei —“

„ Ihm dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch ihr nicht!“

„Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!“

„Hahaha!“

„Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.“

„Und einmal wollten Sie mich verhaften!“

„Ich weiß es!“

„Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine Irrenanstalt

wollten Sie mich bringen lassen — drohten mir, verfolgten mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.“

Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Alles Befehl“, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. „Es

wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein

Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden — ich aber

bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .“

„Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird

gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder in

diesem Lande. Ich darf wohl bitten!“

„Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester —!“ Kunze klammerte sich an den

Havelock.

Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von seiner

Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!

Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.

„Was will er denn?“ fragte eine tiefe, rauhe Stimme.

Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und

schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.

Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und schrie,

rot vor Erregung: „Hoch! Hoch! — Nieder! Nieder!“

Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge

verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.

„Hoch! Hoch! — Nieder! Nieder!“ schrien seine Trabanten. Tag für Tag

trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug, einerlei

welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.

Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas ausgewachsener

Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel, Transportarbeiter von Beruf, der

einen Konzertflügel auf den breiten Schultern trug, und ein hagerer Artillerist

mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und

schwarzen Augen, einer kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten

Wollkittel mit Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße

gefunden und sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im „Löwen

von Antwerpen“, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.

Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten Briefe,

die er in seiner Tasche trug — lasen — verstanden — sofort! Sie kannten ja das

alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es zuging. Aufmerksam

hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte — von dem Sturmangriff am 5.

August, und schon am 4. war kein einziger zurückgekommen. Stundenlang

hörten sie zu und immer wieder. Die Augen quollen aus ihren Schädeln.

Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug damit auf den Tisch.