Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 67 von 87

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Der 9. November

Drittes Buch

 

1

 

Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.

Staub und Qualm — brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein

Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.

Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze

taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten Kaliber.

Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. Lawinen,

Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.

Horch! Horch — horch! Schreie, damit ich dich verstehe —! Was sagst du? Es

ist die Stimme Europas — sehr wohl! Es ist die Stimme der Habgier, des Geldes

— noch besser . . .

Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt

von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der Walstatt.

Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, zerknittert und

vergrämt.

„Ungemütlich, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk, genannt die

Feuerwalze — „es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen

einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten Eltern

waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, vierzig Stufen

unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur noch, schwere

Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu behalten. Was ist los? Wir

liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben mehr und Drahtverhaue, die

gemütlichen Zeiten sind vorüber — alle fünfzig Schritt ein Mann, schwere

Maschinengewehre, leichte Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit

keine Menschenseele — nur Feldküchen und Verbandplätze — kein Mensch,

was soll das bedeuten? . . .“

Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den

schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen

blitzen darin — das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der

flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur Erde: ein

Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, brennt, qualmt, kohlt

—.

Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, sehr

wohl — die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen — es sind auch

die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen, vergiß es nicht — und

das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht aus den Feldgeschützen.

„Die gute alte Zeit, lieber Otto“ — schrieb Hauptmann Falk in seinem

Erdloch — „sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, aber

ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten im Rauch.

Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe ihm, ich kann gar

nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner Gasmaske. Gestern sollten

wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, aber ein Volltreffer hat sie auf

der Chaussee vernichtet. Die Zungen hängen uns heraus. Was für ein Staub!

Dank, alter Junge, für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei

gefangene Engländer in unserem Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck

aus der Flasche, mußte schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen.

Hoffe in einigen Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst

werden, aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde.

Die Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du erhältst

Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man braucht hier

zwei Stunden für einen Kilometer.“

Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber es

tut schließlich nichts zur Sache.

Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen

flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten

weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus Eisen

und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.

Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen Farben. Ein

Netz von Blitzen geisterte. — —

 

Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten Knall am

Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und bengalisch roten

Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der Nacht.

„Ein Feuerwerk!“

Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und

grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier außen

am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das glitzernde

Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne Pause glitten

lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und breiteten ihr gleißendes

Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, und schaukelnde Scherben von

Silber sein Spiegelbild.

Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe von

sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als die

Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.

Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von

Steinen, erschien. „Brillant!“

Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad,

der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den blonden

Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien persönlich im

Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein Schatten ging vollkommen

über die Sandburg „Lüttich“ hinweg. Er war ein hübscher, junger Mann, frisch,

kindlich und gutmütig. Mit strahlender Miene und blinkenden Zähnen verfolgte

er die bunten Kugeln am Himmel.

Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg,

erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich nicht mit

Kombinationen — er studierte höchstens die Börsenberichte und kaufte

deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann, das war ihm

höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde, berührte seine Seele nicht

im mindesten. Herr Olsen war — nun, dies ist der etwas triviale Ausdruck seiner

Begleiterin — durch und durch Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs

verschiedenen Mäntel, der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln,

Gedanken — alles Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner

Haare, unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem

Wort eine Sehenswürdigkeit.

Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre

Augen sprühten im Mondlicht.

Dieses Lachen?

Dieses Lachen! Dora —?

Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und ihre

etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller Haarschopf

flimmerte.

Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere Atmosphäre

um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige Tage hier gewesen

war.

Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte

sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen zielten,

vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.

Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und begann

sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung fortzusetzen. Es handelte

sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, sich ein Gut in Deutschland zu

kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur

von seinen eigenen Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des

deutschen Volkes, das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war

ihm alles höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.

„Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja

so schrecklich langweilig sein.“

„Wenn Sie artig sind?“

„Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!“ beteuerte Herr

Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.

Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels, seine

Friedensseele bewahrt hatte.

 

— — — — — — — —

 

Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche Wetterleuchten

setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz gut dabei schreiben.

Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die plötzlich über dem Meer

erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment fuhren Bündel von roten

Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein Feuerloch glühte auf, das waren die

Einschläge.

Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war

Hauptmann Falk. Obschon gefeit — er glaubte es — nahm er sich doch in acht,

denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er glitt die

Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende — aber sie erwachten nicht

mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell wie Sterne im Schein des

Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare Menschen! Ohne einen Tropfen

Wasser seit drei Tagen!

Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht, stieg

der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.

Die Blitze geisterten.

Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm. Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. Hunderttausende