Der 9. November

Bernhard Kellermann · Kapitel 11 von 87

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Der 9. November

Kapitel 10

die Kreuzzüge zurückging.

Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee.

Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit — und

zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel . . .

Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern schliefen

zusammen in einem kleinen Hofzimmer. „Schläfst du, Hedi?“ flüsterte Klara.

„Guck’ doch mal den Mond an, wie er fliegt.“ Hedi antwortete nicht, und Klara

beugte sich über ihr Bett. „Ah, du schläfst ja doch nicht“, sagte sie lachend.

Ganz unerwartet erhielt sie eine klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht

in Laune, auf Klaras Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie,

Hedi, soeben in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine

Staubbrille vor den Augen, Ströbel steuerte — wenn ein Pneu platzte, konnte es

eine Katastrophe geben.

Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht und

ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein Gespenst. Sie

atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht floß

durch ihre Adern.

Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.

 

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Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.

Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? Sein

Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle

Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen mit erkünstelt ruhigen

Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man plötzlich ein fernes

Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch

Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, Dunkelheit,

Schmutz, Regen, der Geruch einer öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten

winseln, es ist ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen,

Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist

— Lüge.

Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden würde.

Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch war sie

angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig gelähmt, an zwei Stöcken

einherhumpelten.

Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die

Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen über den

Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht vor dem Tode,

wenn man das Leben liebt, nichts sonst.

Das allein ist die Wahrheit! —

Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.

Stand nicht etwas Weißes am Fenster — das weiße Buch? Nein, nichts, der

Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war

verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen Zweige

der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die brodelnde Efeuwand

hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in ihren grotesken

Verrenkungen.

Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen Hause.

Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel

wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde ihren

Höhepunkt erreicht haben — ja, schnell, schnell! Gierig erraffen von der Nacht,

was noch zu erraffen ist. Fort!

Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit

wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein

Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit rasender

Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, rinnender Sand, rasend

rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein Sandmeer rinnt — und schon ist ein

Jahrhundert vergangen — schon ein Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und

Städte, Völker, Kontinente kommen ins Gleiten und rinnen hinunter — ins

Nichts. Zeit, welch entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn

nicht kennen.

In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste

dahin — wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh — raste,

obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. Aber eines Tages

würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen mit dem Staub dieser

Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der zum großen Staunen der

Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope erscheint — irgendwo in

undenkbarer Ferne.

Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des

brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto — wild, wie ein

Tier. Er war jung und er liebte das Leben.