Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 8 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

3. Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist

3.

Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist

Kapellen

Das Schiff umstellen;

In engen

Gängen

Die Lampen hängen,

Und werfen ihre düstren Lichter

Auf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.

* ⁎ *

Nach Waltham-Abtei hierher alsdann

Sollt ihr die Leiche bringen,

Damit wir christlich bestatten den Leib

Und für die Seele singen.

 

H. Heine

 

L ehnin war nicht nur das älteste Kloster in der Mark, es war auch, wie schon hervorgehoben, das reichste, das begütertste, und demgemäß war seine

Erscheinung. Nicht daß es sich durch architektonische Schönheit vor allen

andern ausgezeichnet hätte — nach dieser Seite hin wurde es von Kloster Chorin

übertroffen — aber die Fülle der Baulichkeiten, die sich innerhalb seiner

weitgespannten Klostermauern vorfand, die Gast- und Empfangs- und

Wirtschaftsgebäude, die Schulen, die Handwerks- und Siechenhäuser, die nach

allen Seiten hin das eigentliche Kloster umstanden, alle diese Schöpfungen, eine

gotische Stadt im kleinen, deuteten auf die Ausgedehntheit und Solidität des

Besitzes.

Der stattliche Mittelpunkt des Ganzen, die zahlreichen Giebel überragend,

war und blieb die hohe Klosterkirche, deren mit Kupfer gedeckter Mittelturm

dunkel bronzefarben in der Sonne glänzte. Diese Kirche selbst war ihrer Anlage

nach eher schlicht als schön, mehr geräumig als prächtig, aber das Leben und

Sterben der Geschlechter, Hoffnung und Bangen, Dank und Reue hatten die

weiten Räume im Laufe der Jahrhunderte belebt, und die ursprünglich kahlen

Wände und Pfeiler waren unter der Buntheit der Dekoration, unter dem

wachsenden Einfluß von Licht und Farbe, von Reichtum und Schmuck zu einem

immer schöneren und immer imposanteren Ganzen geworden. Seitenaltäre mit

Bildern und Kruzifixen, Nischen mit Marienbildern und ewigen Lampen (oft

gestiftet, um schwere Untat zu sühnen) zogen sich an Wand und Pfeiler hin, in

den langen Seitenschiffen aber lagen die Leichensteine der Äbte, ihr Bild mit Mütze und Krummstab tief in den Stein geschnitten, während an der gewölbten

Decke hin, schlanken Leibes und lächelnden Gesichts, die reichvergoldeten

Gestalten der Heiligen und Märtyrer schwebten. In einer der Seitenkapellen lag

der Grabstein Abt Sibolds, den die Nahmitzer erschlagen hatten.

Einem reichen Schmuck an Bildwerken, an Erinnerungszeichen aller Art,

begegnete der Besucher, wenn er vom Mittelpunkt der Kirche aus in das

Längsschiff und die Seitengänge desselben niederblickte, aber die eigentliche

Bedeutung von Kloster Lehnin erschloß sich ihm erst, wenn er, den Blick nach

Westen hin aufgebend, sich wandte, um, statt in das Längsschiff hernieder, in

den hohen Chor hinauf zu sehen. Unmittelbar vor ihm, in den Fußboden

eingelassen, sah er dann, schlicht und unscheinbar, den Stumpf der Eiche, unter

der Markgraf Otto, der Gründer des Klosters, seinen Traum gehabt hatte;

zwischen dem Stumpf und dem Altar aber lagen die Grabsteine der Askanier, elf

an der Zahl, die hier innerhalb des Klosters, das ihr Ahnherr ins Leben gerufen,

ihre letzte Ruhe gesucht und gefunden hatten.

Elf Askanier lagen hier, und einträchtig neben ihnen drei aus dem Hause

der Hohenzollern, Friedrich mit dem Eisenzahn, Johann Cicero und Joachim I.

Dieser stand nur ein einzig Jahr in der Gruft (von 1535-1536), dann wurde sein

Sarg, wie der Sarg seines Vaters und Großoheims, nach Berlin hin übergeführt,

wo ihnen im Dom eine Stätte bereitet war. Jener Tag der Überführung der drei

Särge von Lehnin nach dem Dom in Cölln an der Spree war recht eigentlich der

Todestag Lehnins. Die Güter wurden eingezogen und innerhalb zwanzig Jahren

war die Umwandlung vollzogen — der Klosterhof war ein Amtshof geworden.

Der Krieg kam und begann sein Werk der Zerstörung, aber schlimmer als die

Hand der Schweden und Kaiserlichen, die hier abwechselnd ihr Kriegswesen

trieben, griffen in Zeiten tiefsten Friedens die Hände derer ein, die am ehesten

die Pflicht gehabt hätten, diese alte Stätte zu schützen und zu wahren: die Um-

und Anwohner selbst. Freilich waren diese Um- und Anwohner zumeist nur

solche, die weder selbst, noch auch ihre Väter und Vorväter, das alte Lehnin

gekannt hatten. 1791 waren Landleute aus der Schweiz nach Amt Lehnin

berufen worden, um bessere Viehzucht daselbst einzuführen. Kloster Lehnin

wurde nun ein Steinbruch für Büdner und Kossäten und Haue und Pickaxt

schlugen Wände und Pfeiler nieder. Die Regierungen selbst, namentlich unter

Friedrich Wilhelm I., nahmen an diesem Vandalismus teil, und weil die ganze

Zeit eine die Vergangenheit schonende Pietät nicht kannte, so geziemt es sich

auch nicht, dem Einzelnen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die

Anschauungsweise teilte, die damals die gültige war. Kloster Lehnin, wäre es

nach dem guten Willen seiner Schädiger gegangen, würde nur noch eine Trümmerstätte sein, aber das alte Mauerwerk erwies sich als fester und

ausdauernder als alle Zerstörungslust, und so hat sich ein Teil des Baues, durch

seine eigene Macht und Widerstandskraft, bis in unsere Tage hinein gerettet.

Werfen wir einen Blick auf das, was noch vorhanden ist, von der Kirche

sowohl wie von der ganzen Kloster-Anlage überhaupt. Der älteste Teil, der

romanische, steht; der gotische Teil liegt in Trümmern. Da wo diese Trümmer an

den noch intakt erhaltenen Teil der Kirche sich lehnen, hat man jetzt eine

Quermauer gezogen und mit Hülfe dieser das Zerfallene von dem noch

Erhaltenen geschieden. Das lange gotische Schiff hat dadurch freilich aufgehört

ein Längsschiff zu sein und ist ein Kurzschiff geworden; die Seitenschiffe fehlen

ganz, und die Pfeilerarkaden, die früher die Verbindung zwischen dem

Hauptschiff und den zwei Seitenschiffen vermittelten, bilden jetzt, nach

Vermauerung ihrer Rundbogen, die Seitenwände jenes einen kurzen Schiffes, das

überhaupt noch vorhanden ist. An die Stelle frischer Farben ist die leblose weiße

Tünche getreten, und reparaturbedürftige Kirchenstühle, über denen sich, an

einer Seite des Schiffs, eine ebenfalls hinfällige Empore mit vergilbten

Brautkronen und Totenkränzen entlang zieht, steigern eher die Dürftigkeit des

Anblicks, als daß sie sie minderten. Den Fußboden entlang, abgetreten und

ausgehöhlt, liegen rote Fliesen; die Grabsteine sind fort, ebenso die

schwebenden Heiligen mit roten Bändern und Goldschein hoch oben an der

Decke. Alles was einst glänzte und leuchtete, ist hin. Der schon erwähnte

Altarschrein mit Schnitzwerk und Bilderpracht hat seine Stelle gewechselt, und

statt des Purpurs und Brokats ist die übliche schwarz-wollene Decke, die mehr

zu einem Trauer- als zu einem Freudenmahle paßt, über den schlichten Altartisch

gebreitet. Nur der alte, halb zu Stein gewordene Eichenstumpf, einstens die

lebendige Wurzel, aus der dieses Kloster erwuchs, ist ihm geblieben und hat

alles überdauert, seinen Glanz und seinen Verfall. Nichts mehr von Nischen und

Marienbildern, von Kapellen und askanischen Grabsteinen; nur Otto VI., auch

Ottoko genannt, Schwiegersohn Kaiser Rudolphs von Habsburg, der als Akoluth

des Klosters verstarb, behauptet — auch in künstlerischer Beziehung ein

interessantes Überbleibsel aus geschwundener Zeit — seinen Ehrenplatz an alter

Stelle. Sein Grabstein liegt mitten im hohen Chor. Die Erinnerungszeichen an

Abt Sibold sind zerstört; seine Begräbniskammer, die noch im vorigen

Jahrhundert existierte, ist niedergerissen, und statt des Grabsteins des

Ermordeten, der fünf Jahrhunderte lang seinen Namen und die Daten seines

Lebens bewahrt hatte, erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff

die Geschichte seines Todes. Diese Bilder, wichtig wie sie sind, sind alles andere

eher als ein Schmuck. Zu dem Grauen über die Tat gesellt sich ein Unbehagen

über die Häßlichkeit der Darstellung, die diese Tat gefunden. Das ursprünglich bessere Bild ist kaum noch erkennbar.

Es ist ein trister Aufenthalt, diese Klosterkirche von Lehnin, aber ein Bild

anheimelnder Schönheit tut sich vor uns auf, sobald wir aus der öden freudlosen

Kirche mit ihren hohen, weißgetünchten Pfeilern ins Freie treten und nun die

Szenerie der unmittelbaren Umgebung: altes und neues, Kunst und Natur auf uns

wirken lassen. Innen hatten wir die nackte, nur kümmerlich bei Leben erhaltene

Existenz, die trister ist als Tod und Zerstörung, draußen haben wir die ganze

Poesie des Verfalls, den alten Zauber, der überall da waltet, wo die ewig junge

Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt. Hohe

Park- und Gartenbäume, Kastanien, Pappeln, Linden, haben den ganzen Bau wie

in eine grüne Riesenlaube eingesponnen, und was die Bäume am ganzen tun, das

tun hundert Sträucher an hundert einzelnen Teilen. Himbeerbüsche, von

Efeuranken wunderbar durchflochten, sitzen wie ein grotesker Kopfputz auf

Säulen- und Pfeilerresten, Weinspaliere ziehen sich an der Südseite des

Hauptschiffs entlang, und überall in die zerbröckelten Fundamente nestelt sich

jenes bunte, rankenziehende Gestrüpp ein, das die Mitte hält zwischen Unkraut

und Blumen. So ist es hier Sommer lang. Dann kommt der Herbst, der

Spätherbst, und das Bild wird farbenreicher denn zuvor. Auf den hohen

Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig

steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten

Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben

sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der

hört tief unten die Mönche singen. Dabei wird es kalt und kälter; das Abendrot

streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als stünde eine weiße Gestalt

inmitten der roten Scheiben. Das ist das weiße Fräulein, das umgeht, treppauf,

treppab, und den Mönch sucht, den sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der

Mauerwand, rasch, als habe sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus.

Aber umsonst. Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.

Und unter den Altangesessenen, deren Vorfahren noch unter dem Kloster

gelebt, ist keiner, der das weiße Fräulein nicht gesehen hätte. Nur die

reformierten Schweizer und alle die, die nach ihnen kamen, sehen nichts und

starren ins Leere. Die Alt-Lehninschen aber sind stolz auf diese ihre Gabe des

Gesichts, und sie haben ein Sprichwort, das diesem Stolz einen Ausdruck gibt.

Wenn sie einen Fremden bezeichnen wollen, oder einen später Zugezogenen, der

nichts gemein hat mit Alt-Lehnin, so sagen sie nicht: „er ist ein Fremder oder ein

Neuer,“ sie sagen nur: „er kann das weiße Fräulein nicht sehen“.

 

[6] Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in den ersten fünfzig

Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und unterschied sich auch dadurch von den

Benediktinern, die, gestützt auf die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch: „die Regel des heiligen Benedikt scheine für schwächliche Leute geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her finden sich folgende Vorschriften:

1) Die Unterlage des Bettes ist Stroh. Polster sind untersagt.

2) Als Speise dienen gekochte Gemüse, darunter Buchenblätter. Kein Fleisch. 3) In der Kirche soll sich ein offenes Grab befinden, um an die Hinfälligkeit des

Daseins zu mahnen.

[7] Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst entschieden bayrisch

war, ergibt sich unter anderm daraus, daß Papst Clemens in seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung nahm, dem Kloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses vorzuwerfen. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor dem Papst, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche, so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende Abt Hermann, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei) antipäpstlich, d. h. also bayrisch war.

[8] Dieser Altarschrein, der jetzt eine Zierde und Sehenswürdigkeit des schönen

Brandenburger Domes bildet, hat eine Höhe von etwa neun Fuß bei ca. zwölf Fuß Breite. Die Einrichtung ist die herkömmliche: ein Mittelstück mit zwei Flügel- oder Klapptüren, die je nach Gefallen geöffnet oder geschlossen werden können. Das Mittelstück zeigt in seiner schreinartigen Vertiefung die Gestalt der heiligen Jungfrau; rechts neben ihr Paulus mit dem Schwert, zur Linken Petrus mit dem Schlüssel. Diese drei Figuren sind Holzschnitzwerk, buntbemalt, mehr derb charakteristisch als schön. Der hohe Kunstwert des Schreins besteht lediglich in der Schönheit der Malereien, die sich auf beiden Flügeln, und zwar auf der Vorder- wie auf der Rückseite derselben befinden. Sind diese Flügel, wie gewöhnlich, geöffnet, so erblicken wir die beiden besonderen Schutzheiligen der Zisterzienser, den heiligen Benedikt, aus dessen Orden sie hervorgingen, und den heiligen Bernhard, der den Orden zu höchstem Glanz und Ansehen führte. (Die Zisterzienser werden deswegen auch oft Bernhardiner genannt.) Neben den beiden Heiligen stehen die Gestalten der Maria Magdalena und der heiligen Ursula. Auf der Rückseite befinden sich: der heilige Gregorius, St. Ambrosius, St. Augustinus und der heilige Hieronymus, lauter Kirchenväter, die zu dem Klosterleben der katholischen Kirche in besonderer Beziehung stehen. Die Köpfe aller dieser Gestalten, besonders der des St. Benedikt und des heiligen Bernhard (die Frauenköpfe sind weniger vollendet) haben immer für Meisterwerke gegolten und man hat sie ebenso um ihrer Ausführung wie um ihrer Charakteristik willen, abwechselnd dem Albrecht Dürer, dem Lucas Cranach und endlich dem Grünewald, einem der besten Schüler Dürers, zugeschrieben. Der letzteren Ansicht ist Ernst Förster in München. Grünewald war allerdings speziell durch seine Charakterisierung der Köpfe ausgezeichnet.

[9] Eine Urkunde vom 8. Dezember 1542 hat uns die Namen von zehn Klosterbrüdern

aufbewahrt, die, mit Geld und Kleidung („mehr als wir verhofft“) ausgerüstet, Lehnin verließen und in die Welt gingen. Es waren: Kaspar Welle, Christoph Brun, Martin Uchtenhagen, Joachim Kerstinus, Joachim Sandmann, Gregor Kock, Wipert Schulte, Heinrich Jorden, Maternus Meier, Valentin Vissow. Dazu kamen später: Steffen Lindstedt und Johannes Nagel, beide aus Stendal, ferner Mathias Dusedow, Gerhard Berchsow und Hieronymus Teuffel. Einige von diesen Namen: Uchtenhagen, Lindstedt, Teuffel waren Adelsnamen, doch ist nicht zu ersehen, ob die obengenannten Drei von adliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Im allgemeinen traten hierlands fast nur Bürgerliche in den Zisterzienser-Orden ein, während sich in den Nonnenklöstern desselben Ordens fast nur die Töchter adliger Familien befanden.