Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
3. Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist
3.
Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist
Kapellen
Das Schiff umstellen;
In engen
Gängen
Die Lampen hängen,
Und werfen ihre düstren Lichter
Auf grabstein-geschnittene Mönchsgesichter.
* ⁎ *
Nach Waltham-Abtei hierher alsdann
Sollt ihr die Leiche bringen,
Damit wir christlich bestatten den Leib
Und für die Seele singen.
H. Heine
L ehnin war nicht nur das älteste Kloster in der Mark, es war auch, wie schon hervorgehoben, das reichste, das begütertste, und demgemäß war seine
Erscheinung. Nicht daß es sich durch architektonische Schönheit vor allen
andern ausgezeichnet hätte — nach dieser Seite hin wurde es von Kloster Chorin
übertroffen — aber die Fülle der Baulichkeiten, die sich innerhalb seiner
weitgespannten Klostermauern vorfand, die Gast- und Empfangs- und
Wirtschaftsgebäude, die Schulen, die Handwerks- und Siechenhäuser, die nach
allen Seiten hin das eigentliche Kloster umstanden, alle diese Schöpfungen, eine
gotische Stadt im kleinen, deuteten auf die Ausgedehntheit und Solidität des
Besitzes.
Der stattliche Mittelpunkt des Ganzen, die zahlreichen Giebel überragend,
war und blieb die hohe Klosterkirche, deren mit Kupfer gedeckter Mittelturm
dunkel bronzefarben in der Sonne glänzte. Diese Kirche selbst war ihrer Anlage
nach eher schlicht als schön, mehr geräumig als prächtig, aber das Leben und
Sterben der Geschlechter, Hoffnung und Bangen, Dank und Reue hatten die
weiten Räume im Laufe der Jahrhunderte belebt, und die ursprünglich kahlen
Wände und Pfeiler waren unter der Buntheit der Dekoration, unter dem
wachsenden Einfluß von Licht und Farbe, von Reichtum und Schmuck zu einem
immer schöneren und immer imposanteren Ganzen geworden. Seitenaltäre mit
Bildern und Kruzifixen, Nischen mit Marienbildern und ewigen Lampen (oft
gestiftet, um schwere Untat zu sühnen) zogen sich an Wand und Pfeiler hin, in
den langen Seitenschiffen aber lagen die Leichensteine der Äbte, ihr Bild mit Mütze und Krummstab tief in den Stein geschnitten, während an der gewölbten
Decke hin, schlanken Leibes und lächelnden Gesichts, die reichvergoldeten
Gestalten der Heiligen und Märtyrer schwebten. In einer der Seitenkapellen lag
der Grabstein Abt Sibolds, den die Nahmitzer erschlagen hatten.
Einem reichen Schmuck an Bildwerken, an Erinnerungszeichen aller Art,
begegnete der Besucher, wenn er vom Mittelpunkt der Kirche aus in das
Längsschiff und die Seitengänge desselben niederblickte, aber die eigentliche
Bedeutung von Kloster Lehnin erschloß sich ihm erst, wenn er, den Blick nach
Westen hin aufgebend, sich wandte, um, statt in das Längsschiff hernieder, in
den hohen Chor hinauf zu sehen. Unmittelbar vor ihm, in den Fußboden
eingelassen, sah er dann, schlicht und unscheinbar, den Stumpf der Eiche, unter
der Markgraf Otto, der Gründer des Klosters, seinen Traum gehabt hatte;
zwischen dem Stumpf und dem Altar aber lagen die Grabsteine der Askanier, elf
an der Zahl, die hier innerhalb des Klosters, das ihr Ahnherr ins Leben gerufen,
ihre letzte Ruhe gesucht und gefunden hatten.
Elf Askanier lagen hier, und einträchtig neben ihnen drei aus dem Hause
der Hohenzollern, Friedrich mit dem Eisenzahn, Johann Cicero und Joachim I.
Dieser stand nur ein einzig Jahr in der Gruft (von 1535-1536), dann wurde sein
Sarg, wie der Sarg seines Vaters und Großoheims, nach Berlin hin übergeführt,
wo ihnen im Dom eine Stätte bereitet war. Jener Tag der Überführung der drei
Särge von Lehnin nach dem Dom in Cölln an der Spree war recht eigentlich der
Todestag Lehnins. Die Güter wurden eingezogen und innerhalb zwanzig Jahren
war die Umwandlung vollzogen — der Klosterhof war ein Amtshof geworden.
Der Krieg kam und begann sein Werk der Zerstörung, aber schlimmer als die
Hand der Schweden und Kaiserlichen, die hier abwechselnd ihr Kriegswesen
trieben, griffen in Zeiten tiefsten Friedens die Hände derer ein, die am ehesten
die Pflicht gehabt hätten, diese alte Stätte zu schützen und zu wahren: die Um-
und Anwohner selbst. Freilich waren diese Um- und Anwohner zumeist nur
solche, die weder selbst, noch auch ihre Väter und Vorväter, das alte Lehnin
gekannt hatten. 1791 waren Landleute aus der Schweiz nach Amt Lehnin
berufen worden, um bessere Viehzucht daselbst einzuführen. Kloster Lehnin
wurde nun ein Steinbruch für Büdner und Kossäten und Haue und Pickaxt
schlugen Wände und Pfeiler nieder. Die Regierungen selbst, namentlich unter
Friedrich Wilhelm I., nahmen an diesem Vandalismus teil, und weil die ganze
Zeit eine die Vergangenheit schonende Pietät nicht kannte, so geziemt es sich
auch nicht, dem Einzelnen einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die
Anschauungsweise teilte, die damals die gültige war. Kloster Lehnin, wäre es
nach dem guten Willen seiner Schädiger gegangen, würde nur noch eine Trümmerstätte sein, aber das alte Mauerwerk erwies sich als fester und
ausdauernder als alle Zerstörungslust, und so hat sich ein Teil des Baues, durch
seine eigene Macht und Widerstandskraft, bis in unsere Tage hinein gerettet.
Werfen wir einen Blick auf das, was noch vorhanden ist, von der Kirche
sowohl wie von der ganzen Kloster-Anlage überhaupt. Der älteste Teil, der
romanische, steht; der gotische Teil liegt in Trümmern. Da wo diese Trümmer an
den noch intakt erhaltenen Teil der Kirche sich lehnen, hat man jetzt eine
Quermauer gezogen und mit Hülfe dieser das Zerfallene von dem noch
Erhaltenen geschieden. Das lange gotische Schiff hat dadurch freilich aufgehört
ein Längsschiff zu sein und ist ein Kurzschiff geworden; die Seitenschiffe fehlen
ganz, und die Pfeilerarkaden, die früher die Verbindung zwischen dem
Hauptschiff und den zwei Seitenschiffen vermittelten, bilden jetzt, nach
Vermauerung ihrer Rundbogen, die Seitenwände jenes einen kurzen Schiffes, das
überhaupt noch vorhanden ist. An die Stelle frischer Farben ist die leblose weiße
Tünche getreten, und reparaturbedürftige Kirchenstühle, über denen sich, an
einer Seite des Schiffs, eine ebenfalls hinfällige Empore mit vergilbten
Brautkronen und Totenkränzen entlang zieht, steigern eher die Dürftigkeit des
Anblicks, als daß sie sie minderten. Den Fußboden entlang, abgetreten und
ausgehöhlt, liegen rote Fliesen; die Grabsteine sind fort, ebenso die
schwebenden Heiligen mit roten Bändern und Goldschein hoch oben an der
Decke. Alles was einst glänzte und leuchtete, ist hin. Der schon erwähnte
Altarschrein mit Schnitzwerk und Bilderpracht hat seine Stelle gewechselt, und
statt des Purpurs und Brokats ist die übliche schwarz-wollene Decke, die mehr
zu einem Trauer- als zu einem Freudenmahle paßt, über den schlichten Altartisch
gebreitet. Nur der alte, halb zu Stein gewordene Eichenstumpf, einstens die
lebendige Wurzel, aus der dieses Kloster erwuchs, ist ihm geblieben und hat
alles überdauert, seinen Glanz und seinen Verfall. Nichts mehr von Nischen und
Marienbildern, von Kapellen und askanischen Grabsteinen; nur Otto VI., auch
Ottoko genannt, Schwiegersohn Kaiser Rudolphs von Habsburg, der als Akoluth
des Klosters verstarb, behauptet — auch in künstlerischer Beziehung ein
interessantes Überbleibsel aus geschwundener Zeit — seinen Ehrenplatz an alter
Stelle. Sein Grabstein liegt mitten im hohen Chor. Die Erinnerungszeichen an
Abt Sibold sind zerstört; seine Begräbniskammer, die noch im vorigen
Jahrhundert existierte, ist niedergerissen, und statt des Grabsteins des
Ermordeten, der fünf Jahrhunderte lang seinen Namen und die Daten seines
Lebens bewahrt hatte, erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff
die Geschichte seines Todes. Diese Bilder, wichtig wie sie sind, sind alles andere
eher als ein Schmuck. Zu dem Grauen über die Tat gesellt sich ein Unbehagen
über die Häßlichkeit der Darstellung, die diese Tat gefunden. Das ursprünglich bessere Bild ist kaum noch erkennbar.
Es ist ein trister Aufenthalt, diese Klosterkirche von Lehnin, aber ein Bild
anheimelnder Schönheit tut sich vor uns auf, sobald wir aus der öden freudlosen
Kirche mit ihren hohen, weißgetünchten Pfeilern ins Freie treten und nun die
Szenerie der unmittelbaren Umgebung: altes und neues, Kunst und Natur auf uns
wirken lassen. Innen hatten wir die nackte, nur kümmerlich bei Leben erhaltene
Existenz, die trister ist als Tod und Zerstörung, draußen haben wir die ganze
Poesie des Verfalls, den alten Zauber, der überall da waltet, wo die ewig junge
Natur das zerbröckelte Menschenwerk liebevoll in ihren Arm nimmt. Hohe
Park- und Gartenbäume, Kastanien, Pappeln, Linden, haben den ganzen Bau wie
in eine grüne Riesenlaube eingesponnen, und was die Bäume am ganzen tun, das
tun hundert Sträucher an hundert einzelnen Teilen. Himbeerbüsche, von
Efeuranken wunderbar durchflochten, sitzen wie ein grotesker Kopfputz auf
Säulen- und Pfeilerresten, Weinspaliere ziehen sich an der Südseite des
Hauptschiffs entlang, und überall in die zerbröckelten Fundamente nestelt sich
jenes bunte, rankenziehende Gestrüpp ein, das die Mitte hält zwischen Unkraut
und Blumen. So ist es hier Sommer lang. Dann kommt der Herbst, der
Spätherbst, und das Bild wird farbenreicher denn zuvor. Auf den hohen
Pfeilertrümmern wachsen Ebereschen und Berberitzensträucher, jeder Zweig
steht in Frucht, und die Schuljugend jagt und klettert umher und lacht mit roten
Gesichtern aus den roten Beeren heraus. Aber wenn die Sonne unter ist, geben
sie das Spiel in den Trümmern auf, und wer dann das Ohr an die Erde legt, der
hört tief unten die Mönche singen. Dabei wird es kalt und kälter; das Abendrot
streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als stünde eine weiße Gestalt
inmitten der roten Scheiben. Das ist das weiße Fräulein, das umgeht, treppauf,
treppab, und den Mönch sucht, den sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der
Mauerwand, rasch, als habe sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus.
Aber umsonst. Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.
Und unter den Altangesessenen, deren Vorfahren noch unter dem Kloster
gelebt, ist keiner, der das weiße Fräulein nicht gesehen hätte. Nur die
reformierten Schweizer und alle die, die nach ihnen kamen, sehen nichts und
starren ins Leere. Die Alt-Lehninschen aber sind stolz auf diese ihre Gabe des
Gesichts, und sie haben ein Sprichwort, das diesem Stolz einen Ausdruck gibt.
Wenn sie einen Fremden bezeichnen wollen, oder einen später Zugezogenen, der
nichts gemein hat mit Alt-Lehnin, so sagen sie nicht: „er ist ein Fremder oder ein
Neuer,“ sie sagen nur: „er kann das weiße Fräulein nicht sehen“.
[6] Der Orden, ohne geradezu in Askese zu verfallen, war doch in den ersten fünfzig
Jahren seines Bestehens überaus rigorös, und unterschied sich auch dadurch von den
Benediktinern, die, gestützt auf die Unterweisungen des heiligen Benedikt selber, diesen Rigorismus vermieden. Schon im zehnten Jahrhundert hieß es deshalb spöttisch: „die Regel des heiligen Benedikt scheine für schwächliche Leute geschrieben.“ Die Gründer des Zisterzienser-Ordens gingen von einer verwandten Anschauung aus, und aus der ersten Zeit des Ordens her finden sich folgende Vorschriften:
1) Die Unterlage des Bettes ist Stroh. Polster sind untersagt.
2) Als Speise dienen gekochte Gemüse, darunter Buchenblätter. Kein Fleisch. 3) In der Kirche soll sich ein offenes Grab befinden, um an die Hinfälligkeit des
Daseins zu mahnen.
[7] Daß die Majorität des Klosters und dadurch das Kloster selbst entschieden bayrisch
war, ergibt sich unter anderm daraus, daß Papst Clemens in seiner Bannbulle am 14. Mai 1350 eigens Veranlassung nahm, dem Kloster seine Hinneigung zur Sache des bayrischen Hauses vorzuwerfen. Auch das Erscheinen des Klage führenden Mönchs vor dem Papst, während ihm doch andere Tribunale, weltliche wie geistliche, so viel näher gelegen hätten, spricht dafür, daß der zu verklagende Abt Hermann, samt der Majorität des Klosters, (der Loburg-Partei) antipäpstlich, d. h. also bayrisch war.
[8] Dieser Altarschrein, der jetzt eine Zierde und Sehenswürdigkeit des schönen
Brandenburger Domes bildet, hat eine Höhe von etwa neun Fuß bei ca. zwölf Fuß Breite. Die Einrichtung ist die herkömmliche: ein Mittelstück mit zwei Flügel- oder Klapptüren, die je nach Gefallen geöffnet oder geschlossen werden können. Das Mittelstück zeigt in seiner schreinartigen Vertiefung die Gestalt der heiligen Jungfrau; rechts neben ihr Paulus mit dem Schwert, zur Linken Petrus mit dem Schlüssel. Diese drei Figuren sind Holzschnitzwerk, buntbemalt, mehr derb charakteristisch als schön. Der hohe Kunstwert des Schreins besteht lediglich in der Schönheit der Malereien, die sich auf beiden Flügeln, und zwar auf der Vorder- wie auf der Rückseite derselben befinden. Sind diese Flügel, wie gewöhnlich, geöffnet, so erblicken wir die beiden besonderen Schutzheiligen der Zisterzienser, den heiligen Benedikt, aus dessen Orden sie hervorgingen, und den heiligen Bernhard, der den Orden zu höchstem Glanz und Ansehen führte. (Die Zisterzienser werden deswegen auch oft Bernhardiner genannt.) Neben den beiden Heiligen stehen die Gestalten der Maria Magdalena und der heiligen Ursula. Auf der Rückseite befinden sich: der heilige Gregorius, St. Ambrosius, St. Augustinus und der heilige Hieronymus, lauter Kirchenväter, die zu dem Klosterleben der katholischen Kirche in besonderer Beziehung stehen. Die Köpfe aller dieser Gestalten, besonders der des St. Benedikt und des heiligen Bernhard (die Frauenköpfe sind weniger vollendet) haben immer für Meisterwerke gegolten und man hat sie ebenso um ihrer Ausführung wie um ihrer Charakteristik willen, abwechselnd dem Albrecht Dürer, dem Lucas Cranach und endlich dem Grünewald, einem der besten Schüler Dürers, zugeschrieben. Der letzteren Ansicht ist Ernst Förster in München. Grünewald war allerdings speziell durch seine Charakterisierung der Köpfe ausgezeichnet.
[9] Eine Urkunde vom 8. Dezember 1542 hat uns die Namen von zehn Klosterbrüdern
aufbewahrt, die, mit Geld und Kleidung („mehr als wir verhofft“) ausgerüstet, Lehnin verließen und in die Welt gingen. Es waren: Kaspar Welle, Christoph Brun, Martin Uchtenhagen, Joachim Kerstinus, Joachim Sandmann, Gregor Kock, Wipert Schulte, Heinrich Jorden, Maternus Meier, Valentin Vissow. Dazu kamen später: Steffen Lindstedt und Johannes Nagel, beide aus Stendal, ferner Mathias Dusedow, Gerhard Berchsow und Hieronymus Teuffel. Einige von diesen Namen: Uchtenhagen, Lindstedt, Teuffel waren Adelsnamen, doch ist nicht zu ersehen, ob die obengenannten Drei von adliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Im allgemeinen traten hierlands fast nur Bürgerliche in den Zisterzienser-Orden ein, während sich in den Nonnenklöstern desselben Ordens fast nur die Töchter adliger Familien befanden.