Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 40 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Bernhard Daniel Schmidt, Pastor zu Fahrland 1751 bis 1774

Man war ihm nie zu Willen, man gab dem Küster reichlich und entzog ihm

ebensoviel als man jenem bewilligte; man besserte nichts aus; er mußte

schwitzen und frieren; schließlich entdeckte er auch, wie mächtig die

Hintertreppen-Einflüsse waren, bis hoch hinauf.

Sein besonderes Unglück war, daß er einen splendiden, gut situierten, die

Dinge leichtnehmenden Vorgänger gehabt hatte, der fünf gerade sein ließ und auf

den nun beständig hingewiesen wurde. Dies tat vor allem der Küster, der — als

ein Überbleibsel aus der „Schmidtschen goldenen Zeit“ — von der Gemeinde

bevorzugt wurde, der eitel, hochmütig war, sich emanzipierte, über Land reiste,

wenn er wollte, und Schule hielt, wenn er wollte, der sich impertinent gegen den

Pastor stellte, und sich so stellen durfte, weil die Bauern, denen er immer zu

Diensten war, ihm den Rücken deckten. Die Tagebuchblätter geben ein

„Dorfidyll“, das alles andere eher war als idyllisch.

Eines gewissen sprachlichen Interesses dieser Chronik haben wir schon

erwähnt; auch noch ein Wort über die Schreibweise. Sie ist kurz, kernig, von

großer Klarheit und Durchsichtigkeit. Wo der Verfasser sich ausführlicher gibt,

ist alles in einem brillanten Stil geschrieben, oft fortreißend. Man erkennt leicht

die geistig nicht gewöhnlich und nach der Charakterseite hin bedeutend

angelegte Natur. Ein Mann überall.

Wir beginnen nun einzelnes aus der Chronik auszuziehen und zu einem

Ganzen zusammenzustellen.

 

Bernhard Daniel Schmidt,

Pastor zu Fahrland 1751 bis 1774

 

Bernhard Daniel Schmidt war der Vater unsres „Schmidt von Werneuchen“.

Tragen wir ihm schon um deswillen ein gewisses Interesse entgegen, so wächst

dasselbe unter dem Eindruck jener Aufzeichnungen, die wir von Pastor Moritz,

seines Nachfolgers Hand in der Chronik finden. Pastor Moritz war ihm nicht

hold, konnte ihm nicht hold sein, da er unter der „legèren Praxis“ seines

Amtsvorgängers zu leiden hatte, dennoch tritt einem in diesem letzteren eine

unverkennbare liebenswürdige Persönlichkeit entgegen. Wir geben nun die

einzelnen Sätze, wie sie sich zerstreut in der Chronik finden.

„Bernhard Daniel Schmidt, bis dahin Feldprediger beim Cadettenkorps,

bekam die Pfarre durch Cabinetsordre und trat sie 1751 an, am 6. Februar.“

„Er vermählte sich am 13. Juli ebengenannten Jahres (1751) mit Sophie

Samson, ältesten Tochter des Stallmeisters Samson zu Potsdam. Sie starb am 7. Juli 1752.“

„Anfang der sechziger Jahre verheiratete sich Prediger Schmidt zum

zweitenmal. Er hatte Vermögen mit der Frau und liebte Windmacherei.“

„Prediger Schmidt hat die Pfarre um mehrere ihrer Einnahmen gebracht. Er

nahm alles leicht. Die Tonne Most erhalte ich noch immer nicht, trotzdem sie in

der Matrikel steht. Er hat’s einschlafen lassen, wie manches andre. Wenn ihm

diese Einnahme nichts war, durfte er annehmen, daß sie seinem Nachfolger auch

nichts sein würde? Was fürchtete er? Er stand ja bei allen Herren der Kammer

und der Forst in ausnehmendem Credit! Jene gaben ihm eine Woorte, diese

gaben ihm die Planken dazu, und das alles, weil er ein so einnehmender Herr

war, der ihre ganze Gesellschaft immer zu lachen machte. — Nun ist es zu spät.

Bei meinem Anzuge wußte ich von diesen Dingen nichts. Die „vornehme Frau“

verschmähte es, mit mir darüber zu reden.“

„Gleich bei seinem Amtsantritt sagte Pastor Schmidt: Von Ostern bis

Johanni wird täglich, aber nur vormittags Schule gehalten; von Johanni bis

Michaeli nur zweimal in der Woche.“

„Herr Schmidt stand gut zu seinem Küster. Als ihm dieser Anzeige machte,

daß er am andern Tage verreisen wolle, antwortete jener: warum sagt Er mir das?

hab ich Ihm denn schon gesagt, wohin ich morgen verreisen will?“

„Prediger Schmidt hatte die Pforte machen lassen. Er pflegte durch dieselbe

nach seiner Plantation oder Woorte zu gehn, in kurzem Schlafrock, à la main die

Flinte.“

„Pastor Schmidt liebte Wortspiele nicht nur in seinen Predigten, sondern

auch bei sonstigen Vorfällen. Bei der Leichenrede von einem Weinmeister

sprach er vom Weinberge und beim Tode eines Leinewebers mußte aus Hiob die

Weberspule herhalten.“

„Bei Pastor Schmidt war alles flott und kurz angebunden. Sein eigner

Küster sagte: Und wenn ich an einem Tage an drei Orte kam, so fand ich meinen

Pastor auch da. Er scheute sich nicht vor dem Teufel. Wenn er Beichte hielt, so

sagte er: ‚heran ihr Sünder, bekennt und bessert euch‘ und damit war es aus.“

Hiermit schließen die Aufzeichnungen über Schmidt. Es ist kaum möglich,

in zehn, zwölf Sätzen ein vollständigeres Charakterbild zu geben: ein Lebemann,

Jäger, Anekdotenerzähler, splendid, nie kleinlich, sich und andern es leicht

machend, voll Verständnis für die Bauernnatur, derb, humoristisch und deshalb

beliebt. Daneben konnte sein erster Nachfolger nicht bestehen, dessen Leben wir

nun, nach seinen eigenen Worten geben.

 

Johann Andreas Moritz,