Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Etzin
Es haben alle Stände
So ihren Degen wert?
Der alte Derfflinger
* ⁎ *
Sei brav,
Sei gut,
Hast Schlaf,
Hast Mut.
E ine halbe Stunde von Paretz, wie dieses hart an der Havel, liegt Ketzin, schon ein Städtchen; wieder eine halbe Meile weiter, aber nun landeinwärts,
Dorf Etzin. Es von Paretz aus zu besuchen, verbot sich mir; ich hatte also eine
eigene Fahrt, eine kleine Spezial-Reise dafür anzusetzen. Diese, per Bahn, ging
zunächst über Spandau, Segefeld, Nauen, von hier aus zu Fuß aber an den alten
Bredow-Gütern: Markée und Markau vorüber, ins eigentliche Havelland hinein.
Der Leser wolle mich freundlich begleiten.
Mit dem Glockenschlage zwölf sind wir auf dem Nauener Bahnhof
eingetroffen und das Straßenpflaster mit gebotener Vorsicht passierend,
marschieren wir nach zehn Minuten schon, an Gruppen roter Husaren und
gelbklappiger Ulanen vorüber, zum andern Stadt-Ende wieder hinaus. Das
weitgespannte Plateau, ein guter Lehmboden, ist flach und hart wie eine Tenne
und wäre nicht ein fichtenbestandener Höhenzug, der wie eine Kulisse sich vor
uns aufrichtet, so würden wir beim Heraustreten aus dem Nauener Tore schon
die spitzen Türme von Ketzin und Etzin vor uns erblicken. So aber teilt der
Höhenzug das Bild in zwei Teile und gönnt uns zunächst nur den Überblick über
die nördlich gelegene Hälfte.
Die Mühlen stehen so steif und leblos da, als hätten sie sich nie im
Klappertakte gedreht. Sonntags- und Mittagsstille vereinigen sich zu einem
Bilde absoluter Ruhe, und wäre nicht der Wind, der oft umschlagend, bald wie
ein Gefährte plaudernd neben uns hergeht, bald wie ein junger Bursche uns
entgegen springt, so wäre die Einsamkeit vollkommen. Die Sonne brennt heiß und nach verhältnismäßig kurzem Marsche schon machen wir Halt in einem der
vielen Gräben, die sich neben der Straße hinziehen. Wie uns die kurze Rast
erquickt! der Weidenstamm gönnt eine bequeme Rückenlehne und die
herabhängenden Zweige schützen gegen den Anprall der Sonne. Auch für
Unterhaltung ist gesorgt; das Stillleben der Natur tut sich auf, die Goldkäfer
huschen durch das abgefallene Blattwerk und die Feldmäuse, vorsichtig
neugierig wie auf der Rekognoszierung, stecken die Köpfchen aus den Löchern
hervor, die sich zahllos zu beiden Seiten des Grabens befinden. In dem
Sumpfwasser zu unserer Linken beginnen inzwischen die Unken ihre
Mittagsmelodien. Wie das ferne Läuten weidender Herden klingt es, und zum
erstenmal verstehen wir die Sage von den untergegangenen Städten und Dörfern,
deren Glocken um die Mittagsstunde leise nach oben klingen. Wir lauschen auf,
aber es bangt uns mehr und mehr vor dem unheimlich einschmeichelnden
Getöne, und rasch aufspringend, marschieren wir rüstig weiter in die brennende
Mittagsstille hinein, dankbar gegen den jetzt wieder entgegenkommenden Wind,
der uns das Gesicht kühlt und die verfolgenden Unkenstimmen mit in unsern
Rücken nimmt. So erreichen wir bald den mit Nadel- und Laubholz bestandenen
Sandrücken, der, als wir die Nauener Mühlen passierten, wie eine Kulisse vor
uns stand, waten geduldig durch den heißen mahlenden Sand des Fahrwegs
hindurch und treten endlich aufatmend in die südliche Hälfte des Havellandes
ein. Aufatmend; — denn kaum die Tannen im Rücken, ist es uns, als wehe uns
eine feuchte Kühle an, wie von der Nachbarschaft eines breiten Stroms, und
doch ist es noch eine volle Meile bis an die Buchtung der schönen Havel.
Noch eine volle Meile bis an die Havel, aber nur eine halbe Stunde noch bis
nach Etzin, dem unsere heutige Wanderung gilt. Seine schindelgedeckte
Kirchturmspitze liegt schon wie greifbar vor uns, und dem Ziele unserer Reise
uns näher wissend, spannen sich jetzt die Kräfte wie von selber an, Frische kehrt
zurück, und noch ehe der Vorrat unsrer Wanderlieder dreimal durchgesungen,
marschieren wir fröhlich und guter Dinge in das alte malerische Dorf hinein.
Alles verrät Wohlhabenheit, aber zugleich jenen bescheidenen Sinn, der
sich in Treue und Anhänglichkeit an das Überlieferte äußert. Das Dorf ist noch
ein Dorf; nirgends das Bestreben in das Städtische hineinzuwachsen und aus der
schmalen Bank unterm Fenster eine Veranda zu machen. Der Hahn auf dem
Hofe und die Schwalbe am Dache sind noch die eigentlichen Hausmusikanten
und die Bauerntöchter, die eben ihr Geplauder unterbrechen und mit ruhiger,
nirgends von Gefallsucht zeugender Neugier dem Schritt des Fremden folgen,
haben noch nichts von jener dünnen Pensions-Tünche, die so leicht wieder
abfällt von der ursprünglichen Stroh- und Lehmwand.
Die Kirche des Dorfes, am entgegengesetzten Ende gelegen, entzieht sich
unserem Auge, seit wir in die Dorfgasse eingetreten, aber die Bilder und Szenen
um uns her lassen uns auf Augenblicke vergessen, daß es eben die Etziner
Kirche und nichts anderes war, was uns hierher führte. Die Bilder wechseln von
Schritt zu Schritt. Hier stellt sich ein alter Fachwerkbau, von einem schmalen
Gartenstreifen malerisch eingefaßt, wie ein Familienhaus mitten in die Dorfgasse
hinein und teilt den Fahrweg in zwei Hälften, wie eine Insel im Strom: dort an
den Zäunen entlang liegt allerhand Bau- und Bretterholz, und die Kinder beim
Anschlagspiel lugen mit halbem Kopf über die Stämme hinweg. Die Arbeit ruht,
die lichten Kronen der Lindenbäume werfen ihren Nachmittagsschatten voll und
breit auf die Dorfgasse, und wir schreiten frisch und aller Müdigkeit bar darüber
hin, als lägen Binsenmatten vor uns ausgebreitet. So haben wir das Dorf passiert,
und auf leis ansteigendem Hügel erblicken wir endlich die Kirche wieder, in die
der eben herzukommende Küster uns nun freundlich und willfährig einführt.
Das Innere der Kirche ist wie das Dorf selbst; schlicht und einfach,
wohlhabend, sauber, eine wahre Bauerndorf-Kirche, aber doch anders wie sonst
solche Kirchen zu sein pflegen. Denn die Gotteshäuser alter Bauerndörfer
zeichnen sich im Gegensatz zu den Patronats-Kirchen gemeinhin durch nichts
als durch eine äußerste Kahlheit aus, durch die Abwesenheit alles Malerischen
und Historischen; die Generationen kommen und gehen, kein Unterschied
zwischen dem Dorf und seinem Felde, ein ewiger Wechsel zwischen Saat und
Mahd. Leben, aber keine Geschichte. So sind die Bauerndörfer und so sind ihre
Kirchen. Nicht so Etzin. Hier war zu allen Zeiten ein historischer Sinn lebendig,
und so hat hier die Gemeinde Bildnisse derer aufgestellt, die dem Dorfe mit Rat
und Tat voran gingen, sein „Wort und Hort“ waren — die Bildnisse seiner
Geistlichen. Wenn sich solcher Bildnisse nur vier in der Etziner Kirche
vorfinden, so liegt es nicht daran, daß die Etziner seit einhundertundfünfzig
Jahren sich jemals ihrer Pflicht entschlagen und ihre alte Pietät versäumt hätten,
sondern einfach daran, daß die Etziner Luft gesund und die Etziner Feldmark
fruchtbar ist. Die Etziner Geistlichen bringen es zu hohen Jahren, und wenn wir
die Inschriften und Zahlen, die sich auf den betreffenden Bildern und
Grabsteinen in und außerhalb der Kirche vorfinden, richtig gelesen haben, so
füllen die Namen dreier Prediger den ganzen weiten Raum des vorigen
Jahrhunderts aus. Die Bilder dieser drei Geistlichen, von denen übrigens der
mittlere, der Held dieser Geschichte, nur ein kurzes Jahrzehnt der Etziner
Gemeinde angehörte, hängen von Bändern und Brautkronen heiter eingefaßt,
links vom Altar an einem der breiten Mauerpfeiler, und das helle Sonnenlicht,
das durch die geöffneten Kirchenfenster von allen Seiten eindringt, macht es uns
leicht die Namen zu lesen, die mit dünnen weißen Schriftlinien auf schwarze Täfelchen geschrieben sind. Die Namen sind: Andreas Lentz, August Wilhelm
Geelhaar und Joachim Friedrich Seegebart. Andreas Lentz, ein würdevoller
Kopf, mit dunklem, lang herabhängendem Haar, gehört augenscheinlich der Zeit
der ersten beiden Könige, August Wilhelm Geelhaar aber der zweiten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts an. Er trägt eine hohe Stehkrause, ist blond, rotbäckig,
martialisch, und blickt aus seinem Rahmen heraus wie die Bischöfe des ersten
Mittelalters, die lieber zum Streitkolben wie zum Meßbuch griffen. Sein Blick ist
kriegerisch genug, aber die Welt hat nie von seinen Kriegstaten erfahren und den
Ruhm in den Gang einer Schlacht eingegriffen und die drohende Niederlage in
Sieg gewandelt zu haben, muß er seinem Amtsbruder und unmittelbaren
Vorgänger an der Etziner Pfarre überlassen, dessen Bildnis jetzt neben ihm am
Wandpfeiler hängt, und dessen milde, fast weiche Gesichtszüge auf alles andre
eher schließen lassen sollten, als auf den „Geist Davids“, der ihn zum Siege
fortriß. Und doch war es so. Joachim Friedrich Seegebart ist es, der uns nach
Etzin und in diese Kirche geführt hat, Joachim Friedrich Seegebart der Sieger
von Chotusitz. Hören wir, wie es damit zusammen hängt.
Joachim Friedrich Seegebart, geboren den 14. April 1714 im
Magdeburgischen, wahrscheinlich zu Wolmirstedt, war Feldprediger beim Prinz
Leopoldschen Regiment, das vor Ausbruch des ersten schlesischen Krieges, und
auch wohl später noch, zu Stendal in Garnison stand. Er war ein Anhänger der
Spenerschen Lehre, demütig, voll Liebe, nur streng gegen sich selbst, ein Mann,
von dem man sich einer gewissenhaften Wartung seines Amtes, der Festigkeit in
Wort und Glauben, aber keiner kriegerischen Tat versehen konnte, er selbst
vielleicht am wenigsten.
Die rasche Besitzergreifung Schlesiens war Ausgang 1740 beschlossene
Sache. Die Regimenter erhielten Marschorder und den 8. Dezember brach das
Regiment Prinz Leopold von Stendal auf, mit ihm Seegebart. Über diesen
Marsch durch die Kurmark und später durch Schlesien besitzen wir interessante
Aufzeichnungen von Seegebarts eigener Hand. Am 11. März, nach längerem
Aufenthalt in Berlin, betrat das Regiment schlesischen Boden, zeichnete sich bei
der Erstürmung von Glogau aus, focht bei Mollwitz und bezog im Oktober das
Winterquartier in Böhmen. Hier blieb es in Reserve, während der König in
Mähren einrückte. Erst im Frühjahr 1742 vereinigte sich das Regiment wieder
mit der aus Mähren zurückgehenden Haupt-Armee und war mit unter den
Truppen, die am 17. Mai 1742 der österreichischen Armee unter dem Prinzen
Karl von Lothringen bei Chotusitz eine Viertelmeile von Časlau gegenüber
standen.
Dieser Tag von Časlau oder Chotusitz ist der Kriegs- und Ehrentag unseres
Seegebart. Gegen acht Uhr morgens begann die Schlacht, die österreichische
Infanterie eröffnete den Angriff, und warf sich auf den rechten preußischen
Flügel, litt aber durch Kanonen- und Klein-Gewehr-Feuer so stark, daß einzelne
Regimenter den Rücken kehrten, und, trotzdem sie von ihren eigenen Offizieren
in kaum glaubhafter Anzahl niedergestochen wurden, nicht wieder zum Stehen
zu bringen waren. Jetzt sollten Kavallerie-Chargen die Scharte auswetzen. Mit
großem Ungestüm schritt man zur Attacke; aber vergeblich. Mal auf mal wurden
die Chargen abgeschlagen und die rückgehenden Regimenter schließlich mit
solcher Vehemenz verfolgt, daß die dahinter aufgestellte Infanterie mit in die
Flucht verwickelt und zum Teil niedergemacht, zum Teil über das Feld hin
zerstreut wurde.
So standen die Dinge am rechten Flügel, zum Teil auch im Zentrum. Alles
ließ sich glücklich an und schien einen raschen Sieg zu versprechen; aber völlig
entgegengesetzt sah es am linken Flügel aus, wo unser Seegebart auf einer
kleinen Fuchsstute im Rücken seines Regiments hielt. Hier standen sechs
Bataillone in Kolonne und zwar in Front zwei Bataillone Prinz Leopold, dahinter
einzelne Bataillone der Regimenter La Motte, Schwerin, von Holstein und Prinz
Ferdinand. Das Unglück wollte, daß der Angriff der Österreicher eher erfolgte,
als die Aufstellung der Preußen, insonderheit ihrer Kavallerie beendigt und
geordnet war, und so wiederholte sich hier zuungunsten der Preußen das, was
sich am entgegengesetzten Flügel zu ihren gunsten ereignet hatte. Die
preußischen Dragoner wurden geworfen, die Infanterie-Kolonnen, zumal die in
Front stehenden Bataillone Prinz Leopold, mit in den Wirrwarr hineingerissen
und endlich alles in wildem Durcheinander durch das brennende Dorf Chotusitz
hindurch gejagt. Reserven rückten vor und nahmen den Kampf wieder auf, aber
im selben Augenblicke stoben, wie durch ein böses Ungefähr, vom
entgegengesetzten Flügel her, die flüchtigen Reitermassen heran, die dort dem
Vordringen der Preußen hatten weichen müssen, und nun eben rechtzeitig genug
erschienen, um dem ohnehin siegreichen Stoß der Ihrigen eine gesteigerte Wucht
zu geben. In diesem Augenblick äußerster Gefahr war es, wo der kriegerische
Geist in unserem Seegebart plötzlich lebendig wurde und zunächst den Kampf
wiederherstellend, endlich alles zu Heil und Sieg hinausführte. Seegebart selbst
hat dies sein Eingreifen in den Gang der Schlacht mit so viel Anschaulichkeit
und Bescheidenheit geschildert, daß es wie geboten erscheint, ihn an dieser
Stelle mit seinen eigenen Worten einzuführen.
„Als unser Regiment nun retirierte und zum Teil mit feindlicher Kavallerie
und Grenadiers vermischt war, jug ich sporenstreichs hin und wieder durch dasselbe und redete den Burschen und Offiziers beweglich und Notabene recht
ernstlich zu, daß sie sich widersetzen und fassen sollten. Einige schrien mich
gleich an mit einem lauten: Ja! und waren bereit und willig, wurden aber von der
andringenden Macht verhindert, kamen aber doch wieder zu stehen. Als ich
dieses tat, flogen mir die Kugeln so dick um den Kopf, als wenn man in einem
Schwarm sausender Mücken stehet, doch hat Gottlob mich keine, auch nicht
einmal den Roquelour verletzt. Ein Bursch hat mein Pferd in diesem Lärm mit
dem Bajonette erstechen wollen; aber ein anderer hat es ihm weggeschlagen. Bis
hierher hatte ich nur zu den Leuten unsres Regiments gesprochen, ich sammelte
jetzt aber einige Eskadrons Kavallerie, die in Konfusionen waren, vom linken
Flügel, brachte sie in Ordnung, und sie attakierten in meiner Gegenwart die
feindliche Kavallerie und repoussierten sie. Ich war so dreist, daß ich mich an
General und Obersten machte, sie bei der Hand faßte und im Namen Gottes und
des Königs bat, ihre Leute zu sammeln. Wenn dies geschehen, so jug ich hin und
wieder durch und trieb die Leute wieder dahin, wo sie sich wieder zu setzen
anfingen. Ich brauchte allerlei Beredsamkeit und man folgte mir in allen Dingen.
Ich wundere mich, daß die schweren Pferde meinen kleinen Fuchs nicht
zertreten haben, aber es schien, als wenn alles vor mir auswiche und mir Platz
machte. Ich tat und redete als ein Feldmarschall und bemerkte augenblicklich die
Impression von meinem Zureden und Vorstellungen an der Leute Geberden und
Gehorsam. Mein Gemüt war Gott ergeben, und in einer guten Fassung, und ich
habe in eigener Erfahrung damals gelernt, daß das Christentum resolut und
mutig macht auch in den verworrensten Begebenheiten. Auch den Feind zu
verfolgen war mir schließlich gestattet. Ich sammelte noch einmal einen großen
Haufen fliehender Kavallerie, zum Teil von unsern linken und rechten Flügel,
wohl eine Viertel-Meile vom Champ de Bataille, welches mir wohl große Mühe
machte, aber doch endlich gelungen, und führte es zurück bis an den gedachten
Champ, wo sie auch sogleich, weil sich die Bataille indes geendet, dem Feinde
nachging und ihn verfolgte. Die Kavallerie so ich gesammelt und die sogleich
auf meine Vorstellung wieder zu agieren anfing ist über zwanzig Eskadrons
gewesen. Gott sei mir gelobet der mir Davids Mut und Sinn gegeben“.
Soweit die Darstellung Seegebarts selbst. Der Vorgang machte Aufsehen
bei Freund und Feind und wurde, ausgeschmückt, und oft bis zur
Unkenntlichkeit entstellt, in Zeitungen und fliegenden Blättern erzählt. Jordan
schrieb schon, zehn Tage nach der Schlacht, von Berlin aus an den König: „Hier
möchte alle Welt wissen, wer der Unbekannte gewesen sei, der sich mit soviel
Bravour an die Spitze einiger Eskadrons setzte und durch rasches Eingreifen
zum Siege mitwirkte. Es heißt, Ew. Majestät hätten nach seinem Namen gefragt,
der Angeredete habe sich aber geweigert, sein Inkognito aufzugeben.“ Der große König, der damals noch mehr jung als groß war und Anstand nehmen mochte,
einem einfachen Feldprediger einen wesentlichen Anteil am Siege zuzusprechen,
fand es angemessen, in seinem Antwortschreiben die ganze Angelegenheit als
eine Fabel zu bezeichnen, und wir würden uns vielleicht in der Lage befinden,
den ganzen poetisch und psychologisch interessanten Vorgang in Wirklichkeit
als eine Fabel ansehen zu müssen, wenn wir nicht das Seegebartische Tagebuch
und jenen Brief (an Professor Michaelis in Halle) besäßen, aus dem wir schon
die obige Schlachtszene zitiert haben. Das Tagebuch weist in seinem Tone und
seiner Schreibweise für jeden, der sich auf den Klang von Wahrheit und
Unwahrheit versteht, unwiderleglich nach, daß Pastor Seegebart eine eben so
demütige, wie hochherzige Natur war, ein Mann, in dessen Herzen keine Lüge
bestehen konnte. So glauben wir denn ihm und keinem andern, wenn er am 24.
Mai in aller Bescheidenheit aber auch in nicht mißzuverstehender Klarheit
schreibt:
„Die Sache ist beim König, der Generalität, ja der ganzen Armee
bekannt geworden, und man redete in den ersten Tagen selten von dem
Siege, den uns Gott gegeben, ohne daß man meiner gedacht hätte. Wenn ich
ein Narr wäre, so hätte ich die beste Gelegenheit mich aufzublasen gehabt.
Der König hat mir durch unsern Prinzen (Erbprinz Leopold von Anhalt-
Dessau) ein sehr gnädiges Kompliment machen und mich versichern lassen,
‚ich sollte die beste Pfarrstelle in allen seinen Landen haben‘, wozu der
Prinz hinzusetzt: ‚Wenn das nicht geschähe, so wolle er mir die beste in
seinem eigenen Fürstentum geben, denn ich hätte in der Bataille nicht nur
wie ein Prediger, sondern auch wie ein braver Mann getan.‘“
Prinz Leopold, der gewiß Wort gehalten hätte, wurde nicht beim Wort
genommen; Seegebart erhielt eine Pfarre, freilich keine beste, kaum eine gute
(die Etziner Pfarrstelle ist jetzt eine sehr gute, war es aber damals nicht),
indessen doch immerhin eine Pfarre, und im August 1742, also kaum drei
Monate nach der Schlacht, ward er in die Etziner Kirche eingeführt. Mit
ungewöhnlicher Tätigkeit — so erzählte mir der achtzigjährige Pastor Duchstein,
der, als er sein Etziner Pfarramt zu Anfang dieses Jahrhunderts antrat, noch
Leute vorfand, die seinen kriegerischen Amts-Vorgänger gekannt hatten — hat
dieser hier als Seelsorger und Landwirt gewirkt. An Wochentagen hielt er im
Pfarrhause Erbauungsstunden, sowohl für Kinder wie für Erwachsene, und nahm
sich überhaupt seiner beiden Gemeinden: Etzin und das nahe gelegene
Knoblauch, mit Eifer und Liebe an. Nebenbei aber führte er die weitläufige
Pfarrwirtschaft selbst, verbesserte mancherlei in derselben und nutzte sie durch seine Betriebsamkeit, wie die von ihm geführten Register beweisen, ungemein
hoch. Den Pfarrgarten hatte er ganz verwildert übernommen; er pflanzte die
besten Obstsorten an und hatte die Freude, schon im zweiten Jahre einige
Früchte davon zu ernten. So oft er ein so günstiges Ergebnis seines Fleißes in
seinen noch vorhandenen Rechnungen zu vermerken hatte, versäumte er nicht in
einfachen Worten einen kurzen Dank an Gott auszusprechen. Über seine Kriegs-
und Siegestat bei Chotusitz sprach er nur selten und nur gezwungen, teils weil er
eine natürliche Scheu hatte sich vorzudrängen, teils weil er zu der Ansicht
gekommen sein mochte, „er habe bei Chotusitz für einen Geistlichen wirklich
etwas zu viel getan.“ Aber eben deshalb, weil der Tag von Chotusitz auf der
Etziner Pfarre nur so selten genannt werden durfte, eben deshalb ist auch jener
Familien-Tradition, die sich bis in unsere Tage hinein erhalten hat, ein ganz
besonderer Wert beizulegen, jener Tradition nämlich, die übrigens auch in
Andeutungen des Jordanschen Briefes ihre Bestätigung findet, daß der König
seinem Feldprediger in der Tat eine Hauptmannsstelle habe anbieten lassen. Daß
dies Anerbieten abgelehnt wurde, versteht sich von selbst. Seegebart wäre nicht
er selbst gewesen, wenn er den Roquelaure mit dem bunten Rock des Königs
vertauscht hätte. Die angestrengte Tätigkeit des Predigens vor zwei Gemeinden
scheint seiner wohl an sich nicht sehr festen Gesundheit geschadet und seinen
frühzeitigen Tod herbeigeführt zu haben. Auch sein Bild zeigt jene klare,
durchsichtige Hautfarbe und jene mildleuchtenden Augen, denen man bei
Brustkranken so oft begegnet.
Er hinterließ eine Witwe, Christiane Elisabeth, geborene Sukro und vier
Kinder. Außer seinem Bilde, das ihn unverkennbar als eine poetische, dem
Idealen zugewandte Natur darstellt, befindet sich an einer Außenwand der
Etziner Kirche noch der Grabstein des früh Geschiedenen, der unter einem
wenig geschmackvollen Ornament folgende Inschrift trägt:
„Hier ruhen in Hoffnung die dem Tode getrost anvertrauten Gebeine
des weiland Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn Joachim Friedrich
Seegebarth. Das Prinz Leopold’sche Regiment, und die Etzinsche und
Knoblauch’sche Gemeinde rühmen noch seine wahre Gottesfurcht und
seltene Redlichkeit. Daher war er freudig vor Gott, liebreich vor Menschen,
sorgfältig im Amt, demüthig bei seiner Gelehrsamkeit. Von seinem
geistigen Amt zeugen viel lebendige Briefe, von seinem Christentum, die
durch das Leben betätigte Lehre. Er betrat diesen mühseligen Schauplatz
1712 den 14. April. Er bezog die stolzen Wohnungen der Ewigkeit 1752
den 26. Mai. Leser! schaue sein Leben an und denke an seinen Tod.
Betrachte seinen Glauben und ahme ihm nach. Sein freudiger Hingang
mache Dir die Ewigkeit süß.“