Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 42 von 82

PDF-Seiten

Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Sakrow

 

Nach den Tagebuch-Aufzeichnungen eines havelländischen Landgeistlichen[28]

Erröten ließ er die bescheidne Schande

In ihrem ehrbar schonenden Gewande

Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht.

 

Annette von Droste-Hülshoff

 

Sakrow unter dem Grafen Hordt von 1774 bis 1779

 

S akrow, als ich dies Filial erhielt, befand sich im Besitze des schwedischen Grafen Hordt; seine Gemahlin war eine Gräfin Wachtmeister. Gleich nach

Empfang meiner Vokation schrieb ich von Geltow aus an den Grafen und bat für

Sakrow um sein Akzessit. Es hieß in meinem Briefe: „Ich weiß, daß das Dorf

Sakrow eine ecclesia vagans ist; ich respektiere diese Independenz und sehe die

Kollation als eine freie Gnade an. Wenn Euer Hochgeboren nichts mehr

verlangen als einen Mann, der in seinem Dienste solide ist, so bin ich der Mann

dazu ... Ganz natürlich wäre hier der Ort, mich gegen die schwarze Kabale

meines eigentlichen Pfarrdorfes zu verteidigen, weil es ihr doch gelungen ist,

ihre Verleumdungen auch bis Sakrow auszudehnen. Die Zeit aber, die alles

entdeckt, wird auch dieses aufdecken.“

Hierauf bekam ich folgende Antwort: „Euer Hochehrwürden an mich

geschriebene Briefe habe ich richtig erhalten; da es aber noch lange Zeit hat, bis

das Gnadenjahr um ist, so werden Sie mir wohl nicht verdenken, daß ich nicht

eile. Unter der Zeit hoffe das Vergnügen zu haben, Sie persönlich kennen zu

lernen. Finde ich, was ich suche, nämlich einen wahren Seelsorger seiner

Gemeinde, so wird die Vokation nicht lange ausbleiben. — Was die „Kabale“

anbetrifft, von der Sie sprechen, so ist mir dieselbe nicht nur unbekannt, sondern

das Wort Kabale allein schon ist mir unerträglich, insonderheit in Sachen, wo

man Gott sein Schicksal überlassen, und von ihm erwarten muß, was er zu

unserem Seelenheil bestimmt.“

Der Graf, so fährt das Tagebuch fort, schreibt von Seelenheil wie ein Pietist,

wofür er auch in seiner Gegend gehalten wurde. Das Wort Schicksal, welches

kein Hallenser verträgt, mag er verdauen. Er ärgert sich über den Ausdruck

Kabale, wie mir Hofrat Brandhorst erzählt, bloß deshalb, weil es ihm seine

eigene ehemalige Kabale zu Stockholm ins Gedächtnis ruft, worüber er öfter

Gewissensvorwürfe haben soll.

Der 11. p. trinitatis führte mich zur Vakanz-Predigt nach Sakrow. Ich

predigte über die Sonntags-Epistel und entwickelte den wahren Begriff der Bekehrung. Der Graf lobte mich ins Gesicht; die Gräfin bat sich die Predigt

abschriftlich aus.

Während des Kaffees trat ein gemeiner Mann in den Saal. Er ward von der

Herrschaft sehr freundlich bewillkommt, ihm ein Stuhl neben der Gräfin gesetzt

und ein Glas Wein gereicht (mir nicht). „Kennen Sie diesen Mann?“ „Nein!“ „Es

ist ein wahres Kind Gottes, der Weinmeister Reuter von Krampnitz. Lernen Sie

ihn kennen.“

Ich erwartete nun des Grafen Erklärung über die Vokation. Allein er

schwieg. Beim Abschied bat ich nochmals darum. „Ich werde Ihnen meine

Meinung schriftlich melden.“

Ich ging ohne Freudigkeit weg, und diese Freudigkeit sollte mir auch nicht

kommen, als endlich des Grafen Brief eintraf, in dem er mir einen Gehalt von

sechzig Talern versprach, weil das Korn, das laut Matrikel der Stelle zugehört,

soviel betrage. Dies war nicht richtig, es betrug mehr, und so schrieb ich denn,

der Herr Graf möchte es entweder beim Alten (Naturallieferung) belassen, oder

sich ans Ober-Konsistorium wenden. Wie sehr ich hierdurch den schwedischen

Reichsgrafen aufgebracht und was er für böse Worte im Zorn gegen mich

ausgestoßen, das habe ich wohl erfahren, mag es aber nicht niederschreiben.

[1775.] Der Graf war also mein Feind und suchte sich anderwärts zu helfen.

Der Kandidat Korthym sollte sich ordinieren lassen — die Waisenhaus-Direktion

widersetzte sich. Er (der Graf) bot es dem Prediger Hollmann in Ütz an, aber der

war zu ehrlich, um im Trüben zu fischen. Prediger Schmidt in Döberitz war

bereit, wenn ihn der Graf wollte abholen und zurückfahren lassen. Aber der Graf

wollte nicht plus, sondern minus. Endlich wandte er sich an den irrenden Ritter,

Herrn Magister Kindleben, damals Prediger in Kladow, ein Mann von der

schlechtesten Aufführung, der es mit Freuden annahm, aber bald seinen Posten

niederlegte, um der öffentlichen Kassation zuvorzukommen.

Mit Anfang des August kam der Küster Wurm aus Sakrow zu mir, ein

Mann, wie zum Küster gebaut, ohne den gewöhnlichen Nagel im Kopf. „Der

Graf ist in der Enge“, sagte er, „jetzt ist es Zeit, schreiben Sie.“ — „Ich!

schreiben! der Graf hat Unrecht.“ — „Ja, das hat er; aber er ist doch ein großer

Herr (Wurm war vorher Bedienter des Grafen gewesen), geben Sie nach.“ —

Und ich gab nach. Wir wurden einig. Ich ward nebst meiner Frau zu Tische

gebeten. Nach Tisch standen der Graf und ich am Fenster. „Sie sind mein Mann,

wir sind für einander gemacht.“ „Ja“, sagte ich, „es sei so für meine Person.

Mein Nachfolger bleibe ungebunden. Hier ist meine Hand.“

[1777.] Graf und Gräfin waren wenig hier. Sie lebten in Berlin. Nur einmal

ist die Gräfin bei mir zum Abendmahl gegangen, am Sonntage vor der Predigt. Sie war ganz schlecht gekleidet, comme en negligé.

Es war auch in Berlin, wo sie am 13. Juli 1777 starb. Ihre Leiche wurde

nach Sakrow gebracht. Über Stolpe kam sie und ward mit einer Fähre, (die dazu

angeschafft wurde und seit der Zeit da ist) übergesetzt. Ich war gegen sechs Uhr

abends bestellt, und als ich kam, stand der Sarg schon im Salon und die Träger

dabei. Ich ging hinauf zu ihm. „Wie wollen es der Herr Graf gehalten wissen?“

„Sie gehen mit dem Küster voran. Unterwegs wird nicht gesungen. Bei dem

Grabe singen Sie: Jesus meine Zuversicht. Dann tun Sie ein Gebet; darauf wird

weiter gesungen und das Grab zugeworfen.“ Und so geschah es. Er hatte sich an

einen Baum gelehnt und zog etliche Male das Schnupftuch heraus. Nach vier

Wochen bestellte Herr Lüdicke (Schreiber und Faktotum) eine Leichenpredigt,

brachte auch den Lebenslauf. Ich hielt sie, aber der Graf war bei dem König.

Niemand vergoß eine Träne. Es sah für eine Gräfin etwas kahl aus.

 

Die verstorbene Gräfin wurde den 16. Juni 1722 geboren. Ihr Vater war

Graf Karl Wachtmeister, königlich schwedischer Admiral und der Großvater

Graf Johann Wachtmeister, Reichsrat und Großadmiral der ganzen schwedischen

Flotte. Die Frau Mutter war Henriette Baronesse von Metsch und die Großmutter

eine Gräfin Archenberg. — Im zwanzigsten Jahre ihres Alters ward sie mit dem

Grafen Johann Ludwig Hordt, damals königlich schwedischer Oberst, jetzt

königlich preußischer Generalleutnant und Gouverneur der Feste Spandau,

Erbherr auf Sakrow, vermählt. In dieser Ehe hat sie vier Kinder geboren, davon

nur noch der zweite Sohn lebt, Graf Karl Ludwig Hordt, geboren 1749, jetzt

Leutnant beim Regiment Prinz Leopold von Braunschweig zu Frankfurt an der

Oder und Adjutant des Prinzen. In den letzten Jahren stand sie manche

Schwachheit des Körpers aus. Es waren gichtische Zufälle, die ihren Tod

beschleunigten. Von Person ansehnlich, hatte sie das ganze air de grandesse. Sie

sah aus wie die Ernsthaftigkeit selbst. Daher stutzte ich, als sie einst von dem

liederlichen Kindleben sagte: „er war ein allerliebster Mann, sprach gut

französisch und konnte einen recht zu lachen machen.“ Es heißt, daß die Ehe

keine glückliche war. Die fromme Miene hatte sie ganz und besuchte oft den

Weinmeister Reuter.

Seit dieser Beerdigung habe ich den Grafen nicht wieder in Sakrow

gesehen. Er war seit des Lentulus Abreise beständig bei dem König und ging

1778 mit zu Felde als Chef eines Freiregiments. Beim Ende den Krieges 1779

verzürnte er sich mit dem König, nahm seinen Abschied, wohnte zu Berlin und

verkaufte Sakrow an den Baron von Fouqué, Sohn des berühmten Generals.