Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 27 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Seeschlacht in der Malche

 

Of Nelson and the North

Sing the glorious day’s renown.

 

Thomas Campbell

 

D ie Mittel-Havel, wie schon hervorgehoben, ist eine lange Kette von Seen, Buchten und Becken.

Eins dieser Becken, unmittelbar nördlich von Spandau, ist die „Malche“,

die so ziemlich den ganzen Raum zwischen dem Eiswerder und der Zitadelle

füllt. Eine prächtige Breite, die zunächst einen Wiesenplan und, daran

anschließend, den „Saatwinkel“ und die Jungfernheide in Flanke und Rücken

hat, während sich die Bastionen und der Rundturm der Festung in der blauen

Tiefe spiegeln.

Diese Havelbuchtung nun, samt ihren Ufern, war in der Joachimischen Zeit,

und zwar im Jahre 1567, der Schauplatz eines „Wasser- und Landgefechts“, über

das Leutinger in seiner Topographia marchica ausführlich berichtet. Diesem

Berichte entnehmen wir das Folgende:

Kurfürst Joachim II., unser allergnädigster Herr, nachdem er abends spät

mit seinem Hofstaate aus der Festung Spandow angekommen war, sandte, um

den Bewohnern einen Schrecken zu bereiten, des Morgens ganz früh einige

seiner Trabanten nach der Stadt Spandow, zum Hause des damaligen

Bürgermeisters Bartholomäus Bier, welchen sie, da noch alles schlief, mit

starkem Pochen an seiner Haustür erweckten. Da derselbe beim Öffnen der Tür

die Trabanten des Kurfürsten erblickte und sogleich den Befehl erhielt, sich

anzukleiden und die Trabanten zum Kurfürsten nach der Festung zu begleiten,

erschrak er sehr und konnte sich nicht darin finden, wie er dazu käme, unter

militärischer Gewalt nach der Feste abgeführt zu werden. Seine Frau, welche

ebenfalls hinzugekommen war, war noch mehr erschrocken und fing schon ein

gewaltiges Klagen an. Zugleich gab ihm der Anführer der Trabanten eine an die

ganze Bürgerschaft gerichtete kurfürstliche Order. Der Herr Bürgermeister

sandte eine Magd eiligst nach dem Stadtdiener Strohband. Dieser, in gleicher

Aufregung wie sein Herr, kam halb angekleidet und in Pantoffeln herbei. Er

erhielt den Auftrag, sogleich zu allen Viertelmeistern zu gehen, um ihnen den kurfürstlichen Befehl, der ebenfalls auf ein Erscheinen vor dem hohen Herrn

hinauslief, bekannt zu machen.

Während nun Strohband lief, um die Bürger zu bestellen, und der Herr

Bürgermeister sich in aller Eile angekleidet hatte, mäßigte sich sein Schrecken,

weil ihm sein gutes Gewissen sagte, daß der Kurfürst so wenig mit ihm wie mit

der Bürgerschaft etwas Schlimmes im Sinne haben könne, da seines Wissens

keine Sache vorlag, welche den Unwillen des hohen Herrn verdiente. Nachdem

er seine Frau damit getröstet und beruhigt hatte, ging er getrosten Mutes mit den

Trabanten ab. Einige alte Frauen und Mägde, welche früh aufgestanden waren,

um die Kühe vor den Hirten zu treiben, als sie sahen, daß der gestrenge Herr

Bürgermeister in der Mitte von Trabanten des Kurfürsten zur Feste geleitet

wurde, kreuzten und segneten sich und liefen schnell, um die Neuigkeit zu

hinterbringen. Jeder zerbrach sich den Kopf. Endlich kam denn auch der

Krummstock, der allen Bürgern den uns schon bekannten Befehl brachte. Die

Neugierde wuchs und die Frauen vergaßen die Morgensuppe; aber schon um

sechs Uhr morgens zog die ganze löbliche Bürgerschaft, Viertelmeister und

Ratmänner voran, zum Tore hinaus der Festung zu.

Als der Herr Bürgermeister Bier auf der Festung angekommen war, wurde

er alsbald dem gnädigen Kurfürsten vorgestellt, und als dieser ihm freundlichst

entgegenkam, fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen, und er vernahm nun vom

Kurfürsten, daß er sich über den kleinen Schrecken, welchen ihm sein Spaß

vielleicht verursacht hätte, beruhigen möchte; indessen wünsche er, daß die

Bürgerschaft zu dem Vergnügen, welches er sich heute vorgesetzt habe, ihm

willig die Hand bieten möge; er habe nämlich ebenfalls die Berliner und Cöllner

Bürger dazu beordert, daß sie auf Schiffen mit den Spandauern ein Gefecht

bestehen möchten, und selbige hätten sich dazu bereit erklärt und würden wohl

bereits dazu unterwegs sein; ein Gleiches wünsche er von ihnen; Waffen habe er

mitgebracht, Schiffe möchten sie nehmen, wo sie solche fänden; die Anordnung

überließe er dem Bürgermeister, und er mache ihn heut zugleich zum Admiral

der Flotte.

Der Zug der Bürger kam indessen auf der Festung an. Der Kurfürst trat

ihnen mit seinem Gefolge, den Herrn Bürgermeister in der Mitte, entgegen und

sagte ihnen:

 

„Lieben Kinder, Spandower! Ihr habt wohl wer weiß was gedacht, daß

ich Euren Bürgermeister entführt und überhaupt Euch so in Alarm gebracht

habe. Indessen ist es so schlimm nicht. Es ist nichts weiter, als daß Ihr Euch

heute mit den Berlinern zu Wasser und vielleicht auch zu Lande schlagen

sollt. Waffen liegen dort, und Brustharnische und Helmhauben auch; diese

nehmt. Der Herr Bürgermeister wird alles weiter anordnen, und wehrt Euch

tapfer!“

 

Nun wurden ihnen hölzerne Spieße, alle von einerlei Länge und Stärke,

Helme und Harnische zugeteilt, damit sie sich zum Streit bewaffnen sollten. Jetzt

zurückgekehrt zur Stadt, verwandelte sich der Schrecken in Jubel und alles

beeiferte sich, das Seinige beizutragen, um den Spaß vollkommen zu machen.

Da der neue Spandower Groß-Admiral wußte, daß die feindliche Berliner

Flotte aus dreißig Segeln bestehen würde, so suchte er in der Eile aus den stets

hier beiliegenden Stromschiffen ebenfalls einige zwanzig zusammenzubringen

und solche zu bemannen; geübte Steuerleute waren auch bald gefunden und

jedes Schiff wurde mit einigen zwanzig Streitern unter einem Anführer besetzt.

Auf das Admiralschiff wurde der Stadtmusikus bestellt, und so wohl

gerüstet und geordnet erwarteten sie den Feind.

Die Flotte hatte sich bei der Festung links, vor dem Platze an der hiesigen

Schleuse, vor Anker gelegt. Auch hatte der Herr Bürgermeister die Vorsicht

gebraucht, die Fischer vom Kiez zu beordern, daß sie mit ihren Kähnen bei der

Hand sein und wenn einer der Schiffer und Streiter über Bord fiele, denselben

sogleich retten möchten.

Die Anführer auf den Schiffen waren folgendermaßen verteilt:

Bürgermeister Bartholomäus Bier.

Burghard Margert,

Otto Ruttnitz,

Ratmannen.

Bastian Rucken,

Jakob Marzahn,

Jonas Backe, Viertelmeister.

Paul Schober, do.

Klaus Strohband, do.

Hermann Döring, do.

Jürgen Wardenberg, do.

Die übrigen Anführer waren die Bürger: Martin Krokow, Klaus Marreligs,

Peter Damitz, Andreas Raschan, Matthis Rürmundt, Sebastian Reinicke, Veit

Wenzlow, Klaus Schumann, Jürgen Rohrschneider, Kurt Kiepert, Traugott

Kühnert, Gottfried Schönicke, Jonas Müller, Ignatz Rasenack, an der Zahl

vierundzwanzig.

Um neun Uhr endlich sah man die vereinte Berliner und Cöllner Flotte, die sich am Tegelschen See armiert und formiert hatte, die Havel herunter gesteuert

kommen; sie steuerten, den Eiswerder rechts lassend, nach der kleinen Malche,

und legten sich dort vor Anker, um sich zum Streit noch besser anzuschicken

und dann das Signal zu erwarten. Voran lag das Admiralschiff mit dem Berliner

Wappen, einem Bären im weißen Felde, am Vorderteil. Alle Schiffe waren mit

prächtigen Flaggen und die Segelbäume und Stangen mit bunten Bändern

geschmückt, die Steuerleute und Ruderer trugen runde Hüte mit roten Bändern

umwunden und grüne Federbüsche.

Die meisten Schiffe waren mit Zelten von buntbemalter Leinwand

überspannt, doch so, daß die Streiter, welche mit denselben Waffen wie die

Spandower versehen waren, sich auf den Schiffen verteilt befanden. Alles

gewährte einen prächtigen, imposanten Anblick. Freude und Jubel waren unter

Begünstigung des schönsten Wetters allgemein.

Endlich wurde von der Bastion der Festung, auf welcher sich der Kurfürst

mit seinem Hofstaate eingefunden hatte und von welcher aus er das Ganze

übersehen konnte, das Zeichen zum Angriff durch einen Kanonenschuß und

durch den Schall der Trompeten gegeben. Im Nu war jetzt die ganze

Wasserfläche, welche den großen und den kleinen Malche-See zwischen der

Festung und dem Eiswerder bildet, mit Schiffen bedeckt. Unter dem Donner der

Kanonen und dem Schalle der Trompeten, welche unaufhörlich vom Walle der

Festung ertönten, bemühten sich beide Parteien, einander so viele Schläge und

Stöße zu erteilen, um wo möglich eine die andere zum Weichen zu bringen. Und

wie es denn gewöhnlich zu gehen pflegt, so ging es auch hier, die Gemüter

erhitzten sich zu sehr, so daß das Spandower Admiralschiff zwei von den

Berliner Schiffen dergestalt überfuhr, daß deren Steuermänner ins Wasser

gestoßen wurden und auch einige Streiter durch den Stoß über Bord fielen.

Durch das Herbeieilen der Fischer wurden diese glücklich wieder herausgefischt.

Nachdem das Gefecht zwei Stunden gedauert hatte und es, trotz der

Brustharnische und der Helme, manchen blauen Fleck und Beulen gegeben

hatte, auch auf keiner Seite nur ein Haar breit der Sieg gewichen war, wurde das

Zeichen zum Abbruch des Gefechts gegeben und die Schiffe zogen sich unter

gegenseitigen Drohungen und Neckereien (Leutinger: „Spottereien“) der

Mannschaften in ihre vorigen Stellungen zurück. Zugleich kam der Befehl, daß

der Sieg auf dem Nachmittage zu Lande entschieden werden sollte. Die Berliner

verließen ihre Schiffe und lagerten sich dort auf dem Felde, „der Plan“ genannt;

die Spandower gingen, um sich ihre Beulen zu besehen, einstweilen nach Hause,

und die Anführer, um sich zu beraten, wie sie den Nachmittagskampf mit Ehren

bestünden. Denn sie verhehlten sich nicht, daß sie bei ihrer geringeren Zahl es nur der großen Geschicklichkeit ihrer Steuerleute und Ruderer zu verdanken

gehabt hätten, daß sie nicht besiegt worden wären. Auch war gewiß, daß sich die

Zahl der Streiter ihrer Feinde aus der Zahl der Schaulustigen aus Berlin noch

erheblich vermehren würde. Sie entschlossen sich also, einen Sukkurs aus dem

städtischen Kämmereidorfe Staaken nebst den zur Stadt gehörigen Weinbergen,

und was sie sonst noch aufzutreiben wußten, herbeiholen zu lassen.

Die Anzahl der Berliner war, wie Leutinger versichert, über

fünfzehnhundert Mann. Die Spandower dagegen waren höchstens achthundert

Mann.

Der Gottfried Schönicke wurde demnach in aller Stille beordert, ein Pferd

zu nehmen und damit nach Staaken zu reiten, um dort die Bauern und Knechte,

soviel wie anwesend wären und einen guten Knüppel führen könnten, zusammen

zu nehmen, solche quer übers Feld und nach der Gegend der Valentins-Insel zu

führen, um von dort auf Kähnen nach dem Saatwinkel geführt zu werden. Dann

sollte Schönicke während des Gefechts, unter Begünstigung der vielen

Gebüsche, durch die Haselhorst den Berlinern in den Rücken fallen.

Der Schönicke führte seine Sache, da er die Kähne dort richtig vorfand, so

gut aus, daß er sich schon nachmittags um drei Uhr an Ort und Stelle befand,

ohne daß die Berliner etwas davon ahnten. Nachmittags um zwei Uhr fing die

Anordnung zur Feldbataille an. Es wurden zwei Schlachtordnungen formiert; die

erste hatte auf ihrem rechten Flügel die Bürger von Berlin, auf dem linken Flügel

standen die Cöllnischen, zum Hinterhalt waren die übrigen Berliner aufgestellt.

In der Mitte hielt der Kurfürst mit einem kleinen Teile seiner Trabanten; auf der

einen Seite hatten sie die Festung und den Graben, auf dem linken Flügel die

Spree, hinter sich aber den Wald.

Die Berlin-Cöllner nun, welche so gut postiert waren, glaubten schon den

Sieg in den Händen zu haben und triumphierten laut, forderten dabei immer die

Spandower auf, heraus zu kommen. Die Spandower hingegen erkannten ihre

Schwäche und das Unvorteilhafte ihrer Lage, doch munterten sie sich einander

auf und erwarteten nur die Zeit, von der sie glaubten, daß ihr angeordneter

Hinterhalt angekommen sein könnte. Sie zogen nun getrost, in kleinere Haufen

geteilt, dem Feinde entgegen und der Streit begann. Man hielt sich wacker hüben

und drüben. Der Sieg schien nicht zu wissen, wohin er sich neigen solle.

Dennoch würden die Spandower schließlich überwunden worden sein, wenn

nicht Gottfried Schönicke mit seinen leichten Truppen angekommen wäre.

Dieser kam plötzlich von der Haselhorst den Berlinern in den Rücken, der

Hinterhalt derselben war bald in die Flucht geschlagen und nun ging es über die

Hauptarmee los. Diese sah ihre Gefahr, hielt sich mit Erbitterung noch eine Weile, aber die „Staakenschen“ unter Gottfried Schönicke gaben auch hier den

Ausschlag und trieben endlich die vereinte Berlin-Cöllnische Armee in die

Flucht.

Der Streit war so heftig geworden, daß selbst das Pferd des Kurfürsten von

einem Spieße getroffen wurde. Die Nacht brach herein und der Kurfürst ließ nun

durch Herolde das Ende des Streites ausrufen. Dies war ein Glück; die

Erbitterung war groß und ohne diesen Abbruch des Gefechts würde Blut

geflossen sein.

Die Berliner zogen sich darauf durch den Wald, die Jungfernheide, nach

Berlin zurück und die Spandower hatten die Freude, daß ihnen der Kurfürst

sagte: Kinder, ihr habt euch brav geschlagen!