Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 25 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Die Zeit des Prinzen August Wilhelm von 1744 bis 1758

der Details, den Kurfürsten (damals schon König) direkt an dieser Stelle zeigen.

„Im Sommer 1708“, so erzählt Pöllnitz, „rieten die Ärzte dem Könige, das

Karlsbad in Böhmen zu gebrauchen, wohin er sich im Laufe des Sommers auch

wirklich begab.“ Vorher war er in Oranienburg und hatte auf dem dortigen

Schlosse eine Zusammenkunft mit dem regierenden Herzog von Mecklenburg-

Schwerin. Diese Zusammenkunft der beiden Fürsten war nicht ohne Bedeutung:

sie hatte zunächst nur eine Erneuerung und Bestätigung des alten

Erbfolgevergleichs im Auge, der im Jahre 1442, zu Wittstock, zwischen

Friedrich II., dem Eisernen, und den Herzögen von Mecklenburg, geschlossen

worden war, mußte aber natürlich, da man Gefallen an einander fand, einige

Monate später die Schritte wesentlich erleichtern, die, im November 1708, zu

einer dritten Vermählung des Königs, und zwar mit Luisa Dorothee, der

Schwester des regierenden Herzogs von Mecklenburg führten. „Am 24.

November“, so fährt unsere Quelle fort, „traf die neue Königin in Oranienburg

ein und wurde daselbst vom Könige und dem ganzen Hofe empfangen. Nachdem

die Vorstellung aller Prinzen und Prinzessinnen stattgefunden hatte, verließ man

das Schloß und begab sich nach Berlin, wo am 27. desselben Monats die

Königin ihren feierlichen Einzug hielt.“ Der König, trotz seiner Jahre, war

anfänglich von der Königin bezaubert; keine Ahnung beschlich sein Herz, daß,

vier Jahre später, dieselbe Prinzessin geistesgestört und wie eine Mahnung des

Todes an ihn herantreten werde. Das war im Berliner Schloß, in den Januartagen

1713. Der König, krank schon, ruhte auf einem Armstuhl und war eben

eingeschlummert, als er sich plötzlich angefaßt und aus dem Schlaf gerüttelt

fühlte. Die geisteskranke Königin, die eine Glastür erbrochen hatte, stand

weißgekleidet und mit blutenden Händen vor ihm. Der König versuchte sich

aufzurichten, aber er sank in seinen Stuhl zurück. „Ich habe die weiße Frau

gesehen.“ Wenige Wochen später hatte sich die alte Prophezeiung seines Hauses

an ihm erfüllt. Nicht zu seinem Glück hatte die mecklenburgische Prinzessin das

Land und, als erste Stufe zum Thron, die Marmortreppe von Schloß Oranienburg

betreten.

 

Die Zeit des Prinzen August Wilhelm von 1744 bis 1758

 

Der Tod König Friedrichs I. traf keinen Punkt des Landes härter als

Oranienburg; bis dahin ein Lieblingssitz, wurde es jetzt von der Liste der

Residenzen so gut wie gestrichen. Dem Soldatenkönige, dessen Sinn auf andere

Dinge gerichtet war als auf Springbrunnen und künstliche Grotten, genügte es nicht, die Schöpfung seines Vaters sich selbst zu überlassen, er griff auch festen

und praktischen Sinnes ein, um die in seinen Augen halb nutzlose, halb

kostspielige Hinterlassenschaft nach Möglichkeit zu verwerten. Bauten wurden

abgebrochen und die Materialien verkauft; die Fasanerie, das Einzige, woran er

als Jäger ein Interesse hatte, kam nach Potsdam; die 1029 Stück eiserne Röhren

aber, die der Wasserkunst im Schlosse das Wasser zugeführt hatten, wurden auf

neun Oderkähnen nach Stettin geschafft.

Schloß und Park verwilderten. Wie das Schloß im Märchen, eingesponnen

in undurchdringliches Grün, lag Oranienburg da, als einunddreißig Jahre nach

dem Tode des ersten Königs sein Name wieder genannt wurde. Im Jahre 1744

war es, wo Friedrich II. in betreff seiner Brüder allerhand Ernennungen und

Entscheidungen traf. Prinz Heinrich erhielt Rheinsberg, Prinz Ferdinand das

Palais und den Garten in Neu-Ruppin, der älteste Bruder August Wilhelm aber,

unter gleichzeitiger Erhebung zum Prinzen von Preußen, wurde mit Schloß

Oranienburg belehnt.

Über die baulichen Veränderungen, die in diese Epoche von 1744 bis 1758

fallen, wissen wir nichts, mutmaßlich waren sie allergeringfügigster Natur, aber

einzelne Berichte von Bielefeld und namentlich von Pöllnitz sind auf uns

gekommen, die uns zum erstenmal Gelegenheit geben, die bis hierher nur

äußerlich beschriebenen Prachträume auch mit Gestalten und Szenen zu beleben.

Der Prinz bewohnte nur einen einzigen Flügel, also ungefähr den fünften Teil

des Schlosses, aber die entsprechenden Zimmer genügten vollständig, zumal zur

Sommerzeit, wo der Park mit seinen Laubgängen aushelfen konnte. Bielefeld

entwirft von diesem Park folgende ansprechende Schilderung: „Den großen,

nach Le Nôtres Plan angelegten Garten fand ich, durch die Verwilderung, zu der

die lange Zeit von 1713 bis 1744 vollauf Gelegenheit gegeben hatte,

wunderbarerweise verschönt. Die seit 1713 nicht mehr verschnittenen

Buchenhecken haben sich verwachsen und verschlungen und bilden einen Gang,

der so dicht jetzt ist, daß weder Sonne noch Wind hindurchdringen kann. In der

größten Mittagshitze gewährt er Kühlung und Schatten und abends speist man

darin, ohne daß die Luft die Kerzen auslöscht. Ein geschickter Gärtner, der die

Verwilderung benutzte, hat viele geschmackvolle Gartenhäuser aus der Erde

wachsen lassen.“ Diese Schilderung paßt noch heute; nur die Gartenhäuser sind

seitdem wieder verschwunden.

Prinz August Wilhelm lebte nur zeitweilig in Oranienburg; sein Regiment

stand zu Spandau in Garnison und die Pflichten des Dienstes fesselten ihn an den

Standort desselben. Aber die Sommermonate führten ihn oft und so lange wie

möglich nach dem benachbarten, durch Stille und Schönheit einladenden Oranienburg, und hier war es auch, wo er im April 1745 den Besuch seiner

Mutter, der verwitweten Königin Sophie Dorothee, empfing. Über diesen Besuch

liegt uns die Schilderung eines Augenzeugen vor — unverkennbar Pöllnitz

selber, wenn sein Name auch nicht ausdrücklich genannt ist.

„Am 14. April“, so heißt es darin, „brach die Königin Mutter von Berlin auf

und traf am Nachmittag desselben Tages in Oranienburg ein. Ihr Hofstaat folgte

ihr in einer langen Reihe von Karossen, wohl dreißig an der Zahl. Die Prinzessin

Amalie saß im Wagen der Königin. Sobald dem Prinzen August Wilhelm das

Herannahen des Zuges gemeldet war, eilte er die große Allee hinauf, dem Zuge

entgegen, sprang angesichts des Wagens der Königin Mutter vom Pferde und

begrüßte sie, indem er entblößten Hauptes an den Schlag des Wagens trat. Dann

schwang er sich rasch wieder in den Sattel und eilte dem Zuge in gestrecktem

Galopp vorauf, um vor dem Eingang des Schlosses die Honneurs wiederholen zu

können. Ihm zur Seite standen seine Gemahlin, die Prinzessin von Preußen, (eine

geborene Prinzessin von Braunschweig), die Prinzen Heinrich und Ferdinand,

außerdem die Hofdamen von Wollden, von Henckel, von Wartensleben, von

Kamecke, von Hacke, von Pannewitz und von Kannenberg. Die Königin

umarmte ihre Söhne aufs zärtlichste, begrüßte die Umstehenden und wurde dann

die große Treppe hinauf in das für sie bestimmte Schlafgemach geführt,

dasselbe, das König Friedrich I. bei seinen Besuchen in Schloß Oranienburg zu

bewohnen pflegte. Die Königin fand in diesem Zimmer ein Staatsbett von rotem

Damast vor, eben so einen Fauteuil, einen Ofenschirm und vier Taburetts von

demselben Stoff und derselben Farbe. Bald, nachdem die hohe Frau sich

eingerichtet und an dem Anblick von Park und Landschaft erfreut hatte, erschien

der Prinz, um ihr drei schöne Figuren von Dresdner Porzellan zu überreichen, an

denen die Königin Mutter, wie der Prinz wußte, eine besondere Freude zu haben

pflegte. Aber die Königin Mutter war es nicht allein, an die sich die

Aufmerksamkeit dieses liebenswürdigen Prinzen richteten, auch Baron von

Pöllnitz wurde einer ähnlichen Aufmerksamkeit gewürdigt. Seine Königliche

Hoheit kannten sehr wohl die Vorliebe des alten Barons (von Pöllnitz) für alle

Antiquitäten und Kuriositäten aus der Zeit König Friedrichs I. her, der ihm

immer ein guter und gnädiger Herr gewesen war, und eingedenk dieser Vorliebe,

überreichten Seine Königliche Hoheit dem alten Baron eine reich mit Gold

gestickte Morgenmütze und ein Paar Pantoffeln, deren sich König Friedrich I.

bei seinen Besuchen in Oranienburg zu bedienen pflegte, und die nun seit über

zweiunddreißig Jahren unbeachtet und ungewürdigt in einer halbvergessenen

Truhe gesteckt hatten. Nach Sonnenuntergang folgten Promenaden in den Park;

dann wurden Spieltische arrangiert, bis gegen zehn die willkommene Nachricht,

daß das Souper angerichtet sei, das Spiel unterbrach. Welche Feinheiten und Überraschungen aus dem Bereich der Küche, welche hochqualifizierten Weine,

welch’ Frohsinn, welche Heiterkeit der Gäste! Und doch zuletzt vollzog sich das

Unvermeidliche, was schon König Dagobert seinerzeit bitter beklagt hat, daß

auch die beste Gesellschaft ihr Ende habe und sich trennen müsse.

Das war am 14. April. Früh am andern Morgen und früher fast als uns lieb

war, weckten uns ungewohnte Klänge; der Hirt trieb seine Herde, am Schloß

vorbei, auf die frischen Felder hinaus. Den Beschluß machte ein Stier von so

extraeleganter Schönheit, daß er kein anderer als der wohlbekannte glückliche

Liebhaber der Jungfrau Europa sein konnte, ja die Art, wie er sich trug, dazu die

Kraft seiner Brusttöne, schienen andeuten zu wollen, daß er ein Erscheinen

unserer Damen an den verschiedenen Fenstern des Schlosses erwartet habe.

Aber er sah sich getäuscht, unsere Damen, die die Geschichte gelesen haben

mochten, fürchteten sich und hielten sich zurück, um sich und ihre Reize nicht

ähnlichen Gefahren auszusetzen. Wie dem immer sei, der Morgenschlummer

war gestört und an die Stelle des Schlafs, der nicht wieder kommen wollte, traten

Promenaden in leichtem, flatterndem Morgenkostüm und, nach eingenommenem

Frühstück, die gegenseitigen Besuche. Die Prinzessin Amalie empfing die

Huldigungen, die ihrer Schönheit dargebracht wurden; sie trug ein Korsett von

schwarzem Atlas, das mit weißer Seide gesteppt war, und darunter ein silber-

gesticktes Kleid, mit natürlichen Blumen aufgenommen. In diesem Kostüm

stand sie da und übte sich im Flötenspiel: Euterpe selbst hätte sie beneiden

können.

Nach Tisch empfing die Königin Mutter alle anwesenden Damen in ihrem

Bettzimmer; diejenigen, die eine Handarbeit dem Kartenspiel vorzogen, setzten

sich auf Taburetts um die Königin her, während Baron Pöllnitz seinen Platz als

Vorleser einnahm und in der Lektüre von „La Manche oder die Abenteuer des

Mr. Bigaud“ fortfuhr. Die Königin folgte der Vorlesung und zog Goldfäden aus

(se mit à effiler de l’or). Den Beschluß des Tages machte ein Ball in dem hell

erleuchteten Tanzsaal, woran sich ein Souper in dem Staatszimmer, am

Ausgange der Porzellan-Galerie anschloß. Als die Königin eben in das

Staatszimmer eintrat, bemerkte sie durch die hohen, gegenübergelegenen

Fensterflügel, wie es plötzlich, inmitten des dunklen Parks, wie ein

Flammenbaum aus der Erde wuchs. Immer deutlicher gestaltete sich das Bild,

bis es endlich wie ein feuriger Laubengang dastand, der an höchster Stelle eine

Krone und darunter die Worte: ‚Vivat Sophia Dorothea‘ trug.“

So lebte man 1745 in Oranienburg. Sechs Wochen später wurde die

Schlacht bei Hohenfriedberg geschlagen, an welcher Prinz August Wilhelm, der

eben noch Zeit zu Geplauder und Feuerwerk gehabt hatte, einen rühmlichen Anteil nahm.

Die Beziehungen der drei jüngern Prinzen: August Wilhelm, Heinrich und

Ferdinand, zu ihrem älteren Bruder, dem Könige, waren damals noch kaum

getrübt. Es ist wahr, sie lebten, zumal wenn sie in Potsdam, also in unmittelbarer

Nähe Friedrichs waren, unter einem gewissen Drucke, aber man fand diesen

Druck gleichsam in der Ordnung; er war der älteste, der begabteste und — der

König. Dabei ließ er es seinerseits, um strengen Forderungen ein Gegengewicht

zu geben, an Huldigungen nicht fehlen und besonders war es der Prinz von

Preußen, für den er die zartesten Aufmerksamkeiten hatte. Er widmete ihm sein

großes Gedicht „die Kriegskunst“, er widmete ihm ferner „die Geschichte seines

Hauses“ und sprach es in der meisterhaften Einleitung dieses Werkes vor der

ganzen Welt und vor der Zukunft aus, warum er diesen seinen Bruder, der ihn

einst beerben solle, als Freund und Fürsten besonders liebe. „Die Milde, die

Humanität Ihres Charakters ist es, die ich so hoch schätze; ein Herz, das der

Freundschaft offen ist, ist über niedern Ehrgeiz erhaben; Sie kennen kein anderes

Gebot, als das der Gerechtigkeit, und keinen andern Willen, als den Wunsch, die

Hochschätzung der Weisen zu verdienen.“

So war das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern, als die schweren Tage,

die dem Unglückstage von Kollin folgten, diesem schönen Einvernehmen

plötzlich ein Ziel setzten. Prinz August Wilhelm erhielt bekanntlich den

Oberbefehl über diejenigen Truppen, die ihren Rückzug nach der Lausitz

nehmen sollten; Winterfeldt wurde ihm beigegeben. Die Sachen gingen schlecht

und bei endlicher Wiederbegegnung der beiden Brüder fand jene furchtbare

Szene statt, die Graf Schwerin, der Adjutant Winterfeldts, mit folgenden Worten

beschrieben hat: „Ein Parolekreis wurde geschlossen, in dem der Prinz und alle

seine Generale standen. Nicht der König trat in den Kreis, sondern Winterfeldt

statt seiner. Im Auftrage des Königs mußte er sagen: ‚Sie hätten Alle verdient,

daß über Ihr Betragen ein Kriegsrat gehalten würde, wo sie dann dem Spruch

nicht entgehen könnten, die Köpfe zu verlieren; indes wolle der König es nicht

so weit treiben, weil er im General auch den Bruder nicht vergesse.‘ Der König

stand unweit des Kreises,“ so fährt Graf Schwerin fort, „und horchte, ob

Winterfeldt sich auch strikte der ihm anbefohlenen Ausdrücke bediene.

Winterfeldt tat es, aber mit Schaudern, und er konnte den Eindruck seiner Worte

sogleich sehen, denn der Prinz trat augenblicklich aus dem Kreise und ritt, ohne

den König zu sprechen nach Bautzen.“

Im Spätherbst desselben Jahres finden wir den Prinzen wieder in

Oranienburg, an selbiger Stelle, wo er uns zuerst als liebenswürdiger und

aufmerksamer Sohn und geübt in der Kunst sinniger Überraschungen entgegentrat. Aber wir finden ihn jetzt in Einsamkeit und gebrochenen Herzens.

Ob er sich in seiner Liebe zum König oder in seiner eignen Ehre schwerer

getroffen fühlte, ist schwer zu sagen. Gleichviel, unheilbare Krankheit hatte sich

seiner bemächtigt und er litt an Leib und Seele. Über die letzten Momente seines

Lebens ist nichts Bestimmtes aufgezeichnet, doch verdanke ich den Mitteilungen

einer Dame, die noch den Hof des Prinzen Heinrich und diesen selbst gekannt

hat, allerlei Züge und Andeutungen, aus denen genugsam erhellt, daß der

Ausgang so erschütternd wie möglich war. Die Gemütskrankheit hatte

schließlich die Form eines nervösen Fiebers angenommen und die Bilder von

Personen und Szenen, die seine Seele seit jenem Unglückstage nicht los

geworden war, traten jetzt aus seiner Seele heraus, nahmen Gestalt an und

stellten sich wie faßbar und leibhaftig an sein Lager. Den Schatten Winterfeldts

rief er an, und als sich die Gestalt nicht bannen ließ, sprang er auf, um vor dem

Gehaßten und Gefürchteten zu fliehen. Das waren die letzten Momente Prinz

August Wilhelms; er starb im Fieber, am 12. Juni 1758, im Schlosse zu

Oranienburg. Der König war bei der Nachricht von seinem Tode tiefgebeugt; im

Volke hieß es, er sei vor Gram gestorben. 1790 errichtete ihm sein jüngerer

Bruder Heinrich den oft beschriebenen Obelisken, gegenüber dem Rheinsberger

Schloß, nachdem die sterblichen Überreste des Prinzen schon früher im

Rheinsberger Parke beigesetzt worden waren. Dieser Punkt ist in Dunkel gehüllt,

weshalb ich hier — damit Eingeweihtere es lichten mögen — die alte Version

und meine eignen Aufzeichnungen aus dem Rheinsberger Park zusammenstelle.

Prediger Ballhorn in seiner mehrzitierten Geschichte schreibt: „Seine Leiche

wurde zuerst in einem Gewölbe der Oranienburger Kirche aufbewahrt, dann aber

am 10. Juli von seinem Regimente nach Berlin abgeführt. Prinz Heinrich

widmete ihm zu Rheinsberg ein prachtvolles Monument, das zugleich die Urne

umschließt, in welcher sein Herz aufbewahrt wird.“ Zwei Dinge erschienen

hierin unrichtig: erstlich stand das Regiment des Prinzen von Preußen damals im

Felde (Friedrich der Große schrieb eigens: „der Anblick des prinzlichen

Regiments erneuert mir jedesmal den Schmerz um ihn“) und zweitens befindet

sich die Urne nicht eingeschlossen im Monument, sondern steht frei und offen an

einer ganz andern Stelle des Parks. Diese Stelle, in unmittelbarer Nähe des

„bekannten Theaters im Grünen“ gelegen, zeigt unter einer Baumgruppe zwei

Marmorarbeiten: eine große Urne auf einem Piedestal und zweitens eine Art

Herme, die die trefflich ausgeführte Büste des Prinzen August Wilhelm trägt.

Beide Arbeiten stehen sich, in Entfernung von etwa sechs Schritt, einander

gegenüber. Das Piedestal der Urne trägt die Inschrift: „Hic cineres Marmor

exhibit“, und darunter: „August Gullielm, Princeps Prussiae Natus Erat IX Die

Mens. Aug. Ann. 1722. Obiit Die XII Mens. Jun. Anno 1758“. Die Inschrift unter der Büste aber lautet: „Hic Venustum Os Viri, veritatis virtutis, patriae

amantissimi“. (Hier das freundliche Antlitz des Lieblings der Wahrheit, der

Tugend, des Vaterlands.)

Die erste dieser Inschriften: „Hic cineres Marmor exhibit“, also: „diese

Urne umschließt seine Asche“, schafft die eigentliche Streitfrage. Ruht der Prinz

August Wilhelm im Dom zu Berlin, oder ruht er (laut vorstehender Inschrift) im

Rheinsberger Park? Vielleicht müßte die Inschrift lauten: „Diese Urne

umschließt die Asche seines Herzens“. Dann hätte Pastor Ballhorn in der

Hauptsache Recht, nur nicht hinsichtlich der Aufstellung der Urne.

 

An jenem Tage, als der Prinz August Wilhelm aus dem Schloßportal

getragen wurde und fünfzig Bürger dem Sarge folgten, um ihm bis Havelhausen

das Geleit zu geben, an jenem Tage schloß das Leben in Schloß Oranienburg

überhaupt. Auf ein Jahrhundert voll Glanz und lachender Farben folgte ein

anderes voll Öde und Verwahrlosung. Andere Zeiten kamen; der Geschmack

ging andere Wege — Schloß Oranienburg war vergessen.

1802 wurde der prächtige alte Bau, dessen zahlreiche Deckengemälde allein

ein bedeutendes, wenn auch freilich totes Kapital repräsentierten, für

zwölftausend Taler mit all und jeglichem Zubehör verkauft und der Käufer nur

zur Herausgabe der eingangs erwähnten vier Jaspis- und vier Marmorsäulen (im

Treppenhause) verpflichtet. Schloß Oranienburg wurde eine Kattun-Manufaktur.

Wo die Edeldamen auf Taburetts von rotem Damast gesessen und der Vorlesung

des alten Pöllnitz getauscht hatten, während die Königin-Mutter Goldfäden aus

alten Brokaten zog, klapperten jetzt die Webstühle und lärmte der alltägliche

Betrieb. Aber noch tristere Tage kamen, Krieg und Feuer, bis endlich in den

zwanziger Jahren ein chemisches Laboratorium, eine Schwefelsäure-Fabrik, hier

einzog. Die Schwefeldämpfe ätzten und beitzten den letzten Rest alter

Herrlichkeit hinweg. Ich entsinne mich der Jahre, wo ich als Kind dieses Weges

kam und von Platz und Brücke aus ängstlich nach dem unheimlichen alten Bau

herüberblickte, der, grau und verkommen, in Qualm und Rauch dalag, wie ein

Gefängnis oder Landarmenhaus, aber nicht wie der Lieblingssitz Friedrichs I.

Nun ist das alte Schloß der Kolben und Retorten wieder los und ledig, und

frisch und neu, beinahe sonntäglich, blickt es drein. Aber es ist das moderne

Allerweltskleid, das es trägt; die Borten und Kanten sind abgetrennt und der

Königsmantel ist ein Bürgerrock geworden. Noch wenige Wochen und das alte

Schloß von ehedem wird neue Gäste empfangen: wie Schloß Cöpenick ist es

bestimmt, als Schullehrer-Seminar in sein drittes Jahrhundert einzutreten. Sei es. In den neuen Bewohnern wird wenigstens ein Bewußtsein davon zu wecken

sein, welcher Stelle sie angehören, und, leise berührt von der Macht und dem

Zauber historischer Erinnerungen, werden sie später den Namen und die

Geschichte Schloß Oranienburgs in ihre Berufskreise mit hinübernehmen.

 

Unter den Linden des Gasthofes, während der Sommerwind die Tropfen

von den Bäumen schüttelte, habe ich dem Leser die Geschichte des alten

Schlosses erzählt, die Bilder aufgerollt seines Glanzes und seines Verfalls. Die

Frage bleibt noch übrig: haben die letzten hundert Jahre alles zerstört? Haben

Krieg und Feuer, Retorte und Siedepfanne von dem alten Glanze kein Restchen

übrig gelassen? Ist Alles hin, bis auf die letzte Spur? Der Pietät des hohen Herrn,

der nun vorm Altar seiner Friedenskirche in Frieden ruht, der Pietät Friedrich

Wilhelms IV., dem es so oft zum Verbrechen angerechnet wurde, daß er das

wahren wollte, was des Wahrens wert war, diesem hohen Liebessinne, der auf

das Erhalten gerichtet war, haben wir allein es zu danken, daß wir der

aufgeworfenen Frage mit einem „Nein“ entgegentreten können — es ist nicht

alles hin, es existieren noch Spuren, gerettete Überbleibsel aus alter Zeit her und

ihnen gilt zum Schluß unser Besuch.

Wir verweilen nicht bei zerstreuten Einzelheiten, die da, wo sie zufällig

verloren gingen, auch zufällig aufgelesen und in die Wand oder den Fußboden,

als wär’ es ein Relief- oder Mosaikstück, eingelegt wurden — wir gehen an

diesen Einzelheiten ohne Aufenthalt vorüber und treten in den nach West und

Norden zu gelegenen Hinterflügel ein, wo wir noch einer zusammenhängenden

Zimmerreihe aus der Zeit König Friedrichs I. begegnen. Daraus, daß das

vorzüglichste dieser Zimmer an den vier Ecken des Plafonds mit eben so vielen

Sternen des Hosenbandordens geschmückt ist, auf dessen Besitz König Friedrich

I. einen ganz besonders hohen Wert legte, würde sich mit einiger Bestimmtheit

ableiten lassen, wann dieser Teil des Schlosses ausgebaut wurde. Es sind sechs

Zimmer, von denen zunächst zwei durch ihre Ausschmückung unser Interesse in

Anspruch nehmen. Sie bilden die beiden Grenzpunkte der ganzen Reihe, so daß

das eine (das kleinere) dem corps de logis, also dem Mittelpunkte des Schlosses

zu gelegen ist, während das andere am äußersten Ende des Flügels liegt und den

Blick ins Freie auf Fluß und Wiesen hat. Das kleinere Zimmer bildete entweder

einen Teil der seinerzeit viel berühmten und von Touristen jener Epoche oft

beschriebenen Porzellan-Galerie, oder war ein Empfangs- und Gesellschafts-

Zimmer, wo die fürstlichen Personen unter Herzuziehung ihres Hofstaats den

Tee einzunehmen pflegten. Das Decken-Gemälde, das ich gleich näher

beschreiben werde, scheint mit seinen vielen Porzellangerätschaften für die erstere Annahme zu sprechen; ein schärferes Eingehen aber macht es beinahe

zweifellos, daß es das Teezimmer war. In der Mitte des Deckenbildes erblicken

wir nämlich eine starke, blühend aussehende Frauensperson mit roten Rosen im

Haar; in ihrer ganzen Erscheinung einer holländischen Teeschenkerin sehr

ähnlich. Mit der linken Hand drückt sie eine blau und weißgemusterte Teebüchse

fest ans Herz, während sie mit der Rechten einen eben so gemusterten

porzellanenen Teetopf einer gleichfalls wohlbeleibten, blonden, hochrot

gekleideten Dame entgegenstreckt. Diese, ihrerseits durch die Schlange, die sich

um ihren weißen Arm ringelt, als Hygieia charakterisiert, hält der Teeschenkerin

einen Spiegel entgegen, als ob sie ihr zurufen wolle: „erkenne dich selbst und

schrick zurück, wenn du dich als Lügnerin, d. h. deinen Tee als schlecht und

unecht erkennst.“

Die Malerei ist vortrefflich, man erkennt durchaus die gute holländische

Schule, und viele unserer Maler werden von Glück sagen können, wenn ihre

Deckengemälde sich nach 150 Jahren und länger in ähnlich guter Weise

präsentieren. Auch die diesen Bildern zu Grunde liegenden Ideen, denen es an

Humor und Selbstpersiflage nicht fehlt, sind leichter zu verspotten, als besser zu

machen. Es sind doch immerhin Ideen, mit denen total gebrochen zu haben, wir

häufig zur Unzeit stolz sind.

Das am entgegengesetzten Ende liegende Zimmer ist aller

Wahrscheinlichkeit nach das ehemalige Wohn- und Lieblingszimmer Friedrichs

I., dasselbe, in das, wie ich S. 151 beschrieben habe, am 15. April 1745 die

Königin Sophie Dorothea eintrat und am Abend durch das prächtige Feuerwerk

überrascht wurde, das wie eine Flammenlaube mitten aus dem Dunkel des Parks

emporwuchs. Dies Zimmer, das nach drei Seiten hin Balkone hat, von denen aus

man nach Gefallen den Park, das offene Feld oder den Hofraum überblickt, ist

sehr geräumig, dreißig Fuß im Quadrat, und mit acht marmorierten Säulen derart

umstellt, daß sie, an den vier Wänden entlang, einen deutlich markierten Gang

oder Rahmen bilden, der nun das kleiner gewordene Viereck des Saales

umspannt. Der Zweck dieser Einrichtung ist schwer abzusehen. Vielleicht diente

das Zimmer auch als Tanzsaal und die Tänzer und Tänzerinnen hatten den

inneren Raum für sich, während die plaudernden oder sich ausruhenden Paare

wohlgeborgen unter dem Säulengange standen. Das Wichtigste ist auch hier das

Deckengemälde. Ich schicke zunächst die bloße Beschreibung vorauf. In der

Mitte des Bildes befindet sich eine weiße, hochbusige Schönheit mit

pechschwarzem Haar, welches von Perlenschnüren durchzogen ist; in der Linken

hält sie eine Art Zauberlaterne, in der Rechten einen kleinen Ölkrug. Allerhand

pausbackige Genien halten Tafelgerät und Kannen empor, andere entschweben mit leeren Schüsseln, noch andre kommen mit Teegeschirr herbei und gießen

den Tee in kleine Schälchen. Diese Szenen füllen zwei Drittel des Bildes. Links

in der Ecke hält Apoll mit seinen Sonnenrossen, vor ihm her schwebt bereits

Aurora, das Haupt des Sonnengottes selbst strahlt aber nicht, sondern ist noch

von einer dunklen Scheibe umhüllt. Es ist nun allerdings fraglich, ob das

Schwinden des Tages und das volle Platzgreifen von Abend und Nacht, oder

umgekehrt, das Schwinden der bis dahin herrschenden Nacht vor dem

hereinbrechenden Tage angedeutet sein soll. Das letztere ist aber das

wahrscheinlichere.

Neben diesem Staatszimmer, demselben, das den Stern des

Hosenbandordens in seinen vier Ecken zeigt, befindet sich ein sehr kleines

Gemach, nicht viel größer als ein altmodisches Himmelbett. Dies ist das

Sterbezimmer des Prinzen August Wilhelm. Die Wände sind schmucklos, ebenso

die Decke, nur an der Hohlkante zwischen beiden zieht sich eine schmale Borte

von schwarzem Holz entlang. Sie ist wie ein Trauerrand, der dieses Zimmer

einfaßt, und mahnt deutlich an die letzten, in Dunkel gehüllten Stunden eines

liebenswürdigen und unglücklichen Prinzen.

Aus diesem engen Raume, der so trübe Bilder weckt, treten wir, da die

übrigen Zimmer unserer Betrachtung nichts mehr bieten, wieder in den Korridor

und über den noch immer imposanten Vorflur endlich ins Freie hinaus.

Der Ball der untergehenden Sonne hängt am Horizont, leise Schleier liegen

über dem Park, und die Abendkühle weht von Fluß und Wiesen her zu uns

herüber. Wir sitzen wieder auf der Treppe des Gasthofs und blicken durch die

Umrahmung der Bäume in das Bild abendlichen Friedens hinein. Musikanten

ziehen eben am Hause vorüber, auf die Havelbrücke zu und in die Vorstadt

hinein; hinter den Musikanten allerlei Volk. Was ist es? „Das Theater fängt an;

die Stadtkapelle macht sich auf den Weg, um mit dabei zu sein“. Und wir lesen

erst jetzt den Theaterzettel, der, in gleicher Höhe mit uns, an einen der

Baumstämme geklebt ist. „Das Testament des Großen Kurfürsten, Schauspiel in

fünf Aufzügen“. Wir lieben das Stück, aber wir kennen es, und während die

Sonne hinter Schloß und Park versinkt, ziehen wir es vor, in Bilder und Träume

gewiegt, auf „Schloß Oranienburg“ zu blicken, eine jener wirklichen

Schaubühnen, auf der die Gestalten jenes Stücke mit ihrem Haß und ihrer Liebe

heimisch waren.

 

[19] Dagegen spräche nur, daß es in der Lebensbeschreibung des berühmten Grafen

Rochus von Lynar heißt: „Zu gleicher Zeit (etwa 1578 oder 1580) gab der Graf allerhand Verbesserungen an dem kurfürstlichen Schloß oder Jagdhaus zu Bötzow an.“ Diese Verbesserungen waren schwerlich im gotischen Stil.

[20] Pastor Ballhorn, in seiner trefflichen Geschichte Oranienburgs, hat dieser

architektonischen Skizze des großen Bildes eine Beweiskraft beigelegt, die sie schließlich doch kaum besitzen dürfte. Pastor B. vermutet, daß das Bild zwischen 1653 und 1654 gemalt worden sei, was aber unmöglich ist, da der Holländische Maler, Augustin Terwesten, von dem es herrührt, erst 1649 geboren wurde. Augustin Terwesten (von 1696 ab Direktor der Akademie der Künste) kam 1690 nach Berlin, wohin er, vierzig Jahre nach der Gründung Schloß Oranienburgs, durch Kurfürst Friedrich III. gerufen wurde. Er begann damit, die kurfürstlichen Lustschlösser mit großen Tableaus zu schmücken, und da um 1690 Schloß Cöpenick bereits beendet und Schloß Charlottenburg noch nicht angefangen war, so ist es wohl möglich, daß er in den Sälen von Schloß Oranienburg debütierte, das eben damals einem Umbau im großen Stil unterworfen wurde. Da dieser Umbau jedoch im Jahre 1688 bereits seinen Anfang nahm, so ist es mindestens fraglich, ob Terwesten das ursprüngliche Schloß, wie es die Kurfürstin hier entstehen ließ, noch gesehen hat. Dennoch möcht’ ich auf diesen Umstand kein allzu bedeutendes Gewicht legen, da es, zwei Jahre nach dem Neu- und Umbau des Schlosses allerdings nicht schwer halten konnte, bei Malern und Architekten Auskunft darüber zu erhalten, wie denn eigentlich das Schloß der Oranierin gewesen sei, immer vorausgesetzt, daß dem Künstler daran gelegen war, über diesen Punkt zuverlässiges zu erfahren. Es ist aber sehr zweifelhaft, daß ihm daran lag. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß er den Moment der Landesschenkung (1650) bildlich darzustellen hatte, also einen Moment, der dem Schloßbau um vier, mindestens aber um zwei Jahre vorausging. Er konnte sich also in seinem künstlerischen Gewissen nicht im geringsten gedrungen fühlen, ein Schloß in historischer Treue darzustellen, das 1650 noch gar nicht existierte, sondern erst 1654 fertig aus der Hand des Baumeisters hervorging.

[21] Die Zahl der Baumeister, Bildhauer und Maler belief sich damals im

Brandenburgischen auf 143.