Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Kloster Chorin wie es ist
wird dem Kloster zu einem ähnlich abwartenden politischen Verfahren
Veranlassung gegeben haben. Doch sind die Aufzeichnungen darüber
lückenhafter. Chorin hatte keinen Heinrich Stich (S. S. 55), entbehrte vielmehr
eines Abtes, der sich gemüßigt gesehen hätte, die Verwickelungen einer
verwickelungsreichen Epoche niederzuschreiben. Die letzten anderthalbhundert
Jahre des Klosters unter der sich befestigenden Macht der Hohenzollern
scheinen ohne jede Gefährdung hingegangen zu sein; Schenkungsbrief reiht sich
an Schenkungsbrief, bis endlich die Reformation dazwischen tritt und den Faden
durchschneidet.
Die Vorgänge, die die Säkularisierung Chorins begleiteten, waren wohl
dieselben wie bei Einziehung der brandenburgischen Klöster überhaupt. Chorin
wurde freilich zunächst aus freier Hand verkauft, aber dies hatte keinen Bestand,
und binnen kurzem wurde auch hier der Klosterhof ein Amtshof, eine Domäne.
Er ist es noch.
Kloster Chorin wie es ist
Von den alten Baulichkeiten, wenn dieselben auch Umwandlungen
unterworfen wurden, ist noch vieles erhalten; lange einstöckige Fronten, die den
Mönchen als Wohnung und Arbeitsstätten dienen mochten, dazu Abthaus,
Refektorium, Küche, Speisesaal, ein Teil des Kreuzganges, vor allem die Kirche.
Diese, wenn schon eine Ruine, richtiger eine ausgeleerte Stätte, gibt doch ein
volles Bild von dem, was diese reiche Klosteranlage einst war. Schon die Maße,
die Dimensionen deuten daraufhin; das Schiff ist vierundvierzig Fuß länger als
die Berliner Nikolaikirche und bei verhältnismäßiger Breite um siebzehn Fuß
höher. Im Mittelschiff stehen auf jeder Seite elf viereckige Pfeiler (einige zur
Linken sind neuerdings verschwunden); der zwölfte Pfeiler, rechts wie links,
steckt in der Mauer. Die Konsolen oder die Kapitälornamente sind verschieden
gestaltet und stellen abwechselnd Akanthus-, Klee- und Eichenblätter dar. Das
Blattwerk zeigt hier und da noch Spuren von grüner Farbe, während der Grund
rot und gelb gemalt war. Freskoartige Malereien finden sich noch in letzten
Überresten im Kreuzgang; an einer stehengebliebenen Kappe zeigt sich Zweig-
und Blattwerk, das ein Wallnußgesträuch darzustellen scheint. Das hohe
Gewölbe, welches von den Pfeilern des Mittelschiffes getragen wurde, ist seit
einem Jahrhundert eingestürzt. An Stelle desselben wurde im Jahre 1772 ein
Dachstuhl aufgerichtet, der seitdem das neue Dach trägt. Dies neue Dach ist
niedriger, als das alte war, was sich an den Giebelwänden, besonders an dem Frontispiz im Westen noch deutlich markiert. Von den Seitenschiffen ist nur
noch eins vorhanden, das nördliche; über dem niedrigen Dach desselben ragen
die elf Spitzbogenfenster des Hauptschiffes auf, deren obere Steinverzierungen
noch beinahe unversehrt erhalten sind.
Leider geht dieser baulich schönen Ruine, wie gesagt, das eigentlich
Malerische ab. Ruinen, wenn sie nicht bloß, als nähme man ein Inventarium auf,
nach Pfeiler- und Fensterzahl beschrieben werden sollen, müssen zugleich ein
Landschafts- oder auch ein Genrebild sein. In einem oder im andern, am besten
in der Zusammenwirkung beider wurzelt ihre Poesie. Chorin aber hat wenig oder
nichts von dem allen; es gibt sich fast ausschließlich als Architekturbild. Alles
fehlt, selbst das eigentlich Ruinenhafte der Erscheinung, so daß, von gewisser
Entfernung her gesehen, das Ganze nicht anders wirkt wie jede andere gotische
Kirche, die sich auf irgend einem Marktplatz irgend einer mittelalterlichen Stadt
erhebt. Nur fehlt leider der Marktplatz und die Stadt. Und treten wir nun in die
öden und doch wiederum nicht malerisch zerfallenen Innenräume ein, so fehlt
uns eines mehr als alles andere. Wer immer auch unser Führer sein mag, und
wäre er der beste, wir vermissen die stille Führerschaft von Sage und
Geschichte. Alles läßt uns im Stich, und wir schreiten auf dem harten
Schuttboden hin, wie auf einer Tenne, über die der Wind fegte. Alles leer.
Kloster Chorin ist keine jener lieblichen Ruinen, darin sich’s träumt wie auf
einem Frühlingskirchhof, wenn die Gräber in Blumen stehen; es gestattet kein
Verweilen in ihm und es wirkt am besten, wenn es wie ein Schattenbild flüchtig
an uns vorüberzieht. Wer hier in der Dämmerstunde des Weges kommt und
plötzlich zwischen den Pappeln hindurch diesen still einsamen Prachtbau halb
märchenartig, halb gespenstisch auftauchen sieht, dem ist das Beste zuteil
geworden, daß diese Trümmer, die kaum Trümmer sind, ihm bieten können. Die
Poesie dieser Stätte ist dann wie ein Traum, wie ein romantisches Bild an ihm
vorübergezogen, und die sang- und klanglose Öde des Innern hat nicht Zeit
gehabt, den Zauber wieder zu zerstören, den die flüchtige Begegnung schuf.
[12] Eine Bau-Autorität gibt folgende Details: „Auf dem höchsten Punkte der Insel
fand ich einen Gebäuderest, der mich, abgesehen von allem andern, schon durch das vortrefflich ausgeführte Mauerwerk interessierte. Ungefähr 2½ Fuß aus der Erde hervorragend, zeigt es die eine ganze Frontmauer eines rechteckigen Bauwerks, sowie die Ansätze der beiden daranstoßenden andern Seiten. Erstere hat eine Länge Von 75′, und ist durch zwei von den Ecken des Gebäudes 18′ entfernte Strebepfeiler verstärkt, die eine Breite von 6′ haben und ebensoviel nach außen wie nach innen aus der Mauer hervortreten. In dem südlich gelegenen Pfeiler ist deutlich der Zugang zu einer Treppe zu erkennen, während sich nördlich von dem andern Strebepfeiler ein Eingang von außen in den wahrscheinlich durch mehrere Türen zugänglichen Raum befindet. Wenn schon die Sauberkeit der Arbeitausführung auf ein monumentales Bauwerk schließen läßt, so gestattet der Formencharakter der vornehm gebildeten Fußglieder an den innern Strebepfeilern keinen Zweifel darüber, daß wir es mit einem Gebäude aus dem zwölften Jahrhundert zu tun haben, das entweder eine Kirche war oder einem Kloster zugehörte. Für die erstere Annahme spricht die Form der Ruine, die wohl am richtigsten als Überbleibsel der östlichen Giebelseite einer dreischiffigen Kirche angesehen wird. Es wäre interessant, diese Ansicht durch eine Aufgrabung des Terrains in der Richtung der nach innen vorspringenden Strebepfeiler vielleicht bestätigt zu finden“.
[13] Diese Steintafel befand sich an der Stelle, wo das später sogenannte
„Invalidenhaus“ an die Klosterkirche stieß, und gab in ihrer Inschrift die Namen aller in Chorin begrabenen Markgrafen. Diese Inschrift, wie jetzt nur noch aus den Choriner Amtsakten zu ersehen ist, lautete:
Anno 1254 ist der Markgraf Johannes (I.) Churfürst zu Brandenburg, der dieses Kloster
Chorin Cistercienser-Ordens gestiftet, allhier begraben.
Anno 1267 ist Johannes (III.) Markgraf, welcher zu Merseburg aus seiner Schwester
Hochzeit im Scharfrennen mit einem Klitz (Pfeil oder kleinen Lanze) verwundet worden und davon verstorben, allhier begraben.
Anno 1285 ist Markgraf Johannes (V.) Churfürst zu Brandenburg gestorben und allhier
begraben.
Anno 1298 starb zu Beerwalde Markgraf Otto Sagittarius (der Pfeilschütze) des
Churfürsten Johannes zu Brandenburg Sohn und ist allhier begraben.
Anno 1304 ist zu Sched (?) gestorben Markgraf Conrad (I.) Churfürst zu Brandenburg
und ist allhier begraben.
Anno 1307 bestätigte Markgraf Hermann von Brandenburg, Markgraf Otten des
Langen Sohn, dieses Kloster Chorin.
Anno 1319 starb Markgraf Waldemar (I.) zu Beerwalde und ist allhier begraben.
Tu mater Lehnin et filia tua Chorin,
Ex te est orta nova Cella et Coeli Porta.
[Diese Inschriften, wie schon im Text hervorgehoben, waren 1769 sicherlich noch
vorhanden. 1823 suchte sie Konsistorialrat Bellerman, Direktor des grauen Klosters, vergeblich. Er vermutet, daß sie 1772 bei einer Reparatur übertüncht oder beseitigt worden sind.]
[14] Wenn man hier einwenden wollte, daß das Land im wesentlichen diese
Schwankungen und Wandlungen mitmachte, und daß deshalb kein Grund vorliege, für Chorin einen besonderen Vorwurf daraus herzuleiten, so darf man drei Dinge nicht übersehen: 1) daß Chorin besser wissen konnte, ob echt oder unecht, und wahrscheinlich es wirklich wußte; 2) daß Chorin sich mit Vorliebe bayrisch gezeigt und deshalb eine größere
Pflicht hatte, Farbe zu halten, und 3) daß andere Plätze, die zum Teil dieselbe Wandlung durchmachten, doch wenigstens länger ausdauerten und etwas schamhafter verfuhren.