Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Marquardt von 1833 bis 1858 General von Bischofswerder II
„Kreuz“ aus Potsdam angekommen sei. Die junge schöne Frau hatte wenige
Tage zuvor ein Kreuz, das sie auf der Brust zu tragen pflegte, einer Reparatur
halber nach Potsdam hineingeschickt und sie bat jetzt, ihr das Andenken, das ihr
schon gefehlt hatte, zu zeigen. Da trug man ihr ein Grabkreuz ans Bett, das von
der alten Gräfin, an Stelle der Urne, für die große Gartengruft bestellt worden
war. Sie wußte nun, daß sie sterben würde. Schon ein Jahr vorher war die
jüngere Schwester, Frau [35] von Ostau gestorben. Beide wurden in der
Marquardter Kirche beigesetzt.
Die Jahre des Entsagens, der Erkenntnis von den Eitelkeiten der Welt,
waren nun auch für das stolze Herz der „Gräfin“ angebrochen. Sie zog sich mehr
und mehr aus dem Leben zurück; nur die Interessen der kleinen Leute um sie her
und die großen Interessen der Kirche kümmerten sie noch; im allgemeinen
verharrte sie in Herbheit und Habsucht. So kam ihr Ende. Sie starb,
sechsundsiebzig Jahre alt, am 3. November 1833, im Hause der einzigen sie
überlebenden Tochter, der (damaligen) Frau Oberst von Witzleben zu Potsdam
und wurde am 6. November zu Marquardt, an der Seite ihres Gemahles
beigesetzt. Die Rundgruft im Park schloß sich zum zweitenmal.
Die Rundgruft im Park schloß sich zum zweitenmal; aber die „Gräfin“, wie
man sich im Dorfe erzählt, kann nicht Ruhe finden. Oft in Nächten ist sie auf.
Sie kann von Haus und Besitz nicht lassen. Sie geht um. Aber es ist, als ob ihr
Schatten allmählich schwände. Noch vor zwanzig Jahren wurde sie gesehen, in
schwarzer Robe, das Gesicht abgewandt; jetzt hören die Bewohner den Hauses
sie nur noch. Wie auf großen Socken schlurrt es durch alle unteren Räume; man
hört die Türen gehen; dann alles still. Einige sagen, es bedeute Trauer im Hause;
aber das Haus ist nicht Bischofswerderisch mehr und so mögen die Recht haben,
die da sagen: sie „revidiert“, sie kann nicht los.
Marquardt von 1833 bis 1858
General von Bischofswerder II
Es folgte nun der Sohn. Dem Rechte und dem Namen nach, wie bereits
angedeutet, war er Besitzer von Marquardt seit 1819, aber in Wahrheit ward er es
erst, nachdem der Mutter die Zügel aus der Hand gefallen waren. Die „Gräfin“
war keine Frau, die sich mit Halbem begnügte.
Dem Sohne war dies Entsagen, wenn es überhaupt ein solches war,
ziemlich leicht gefallen; der „Dienst“ und die „Gesellschaft“, die ihn beide in der
Residenz hielten, waren ihm mehr als die Herrschaft über Marquardt. Die Passion für die Stille und Zurückgezogenheit des Landlebens, eine der letzten,
die in unser Herz einzieht, diese zu empfinden, dazu war er noch zu jung, dazu
lag noch zu wenig hinter ihm, dazu nahm er den Schein noch zu voll für das
Sein. Im übrigen war er in Erscheinung und Charakter ganz der Sohn seines
Vaters, ganz ein Bischofswerder: groß, ritterlich, dem Dienste des Königs und
der Frauen in gleicher Weise hingegeben, eine „Persönlichkeit“, mit
Leidenschaft Soldat. Dabei, als bemerkenswertestes Erbteil, ganz im
Mystizismus und Aberglauben stehend. Er trug das rotseidene Kissen auf der
Brust, das der Vater bis zu seinem Tode als Amulett getragen hatte.
Der jüngere Bischofswerder machte seine Laufbahn in der Garde. 1833, bei
dem Tode der Mutter, war er Major im Regiment Garde du Corps. Seine Familie,
er war mit einer Schlabrendorf vermählt, pflegte meistens die Sommermonate in
Marquardt zu verbringen; er selbst erschien nur auf Stunden und Tage, wenn der
Dienst es gestattete oder die Wirtschafts-Kontrolle es forderte.
1842 bereitete sich eine eigentümliche Feier in Marquardt vor, ein letzter
Schimmer aus Tagen her, wo der Name Bischofswerder Macht, Gunst und Glück
bedeutet hatte. Es war am 20. April genannten Jahres, bei hellem Mittagsschein,
als die Rundgruft im Park wieder geöffnet wurde. Ein dritter stiller Bewohner
sollte einziehen. Von Berlin her kam ein langer Zug von Kutschen und Wagen,
auf dem vordersten Wagen aber katafalkartig aufgebaut, stand ein
blumengeschmückter Sarg. In dem Sarge ruhte Karoline Erdmuthe Christiane
von Bischofswerder, dame d’atour der Gemahlin Friedrich Wilhelms II., später
Hof- und Staatsdame der Königin Luise. Sie war, sechsundsiebzig Jahre alt, in
den stillen Oberzimmern des Berliner Schlosses gestorben. Wenige nur hatten sie
noch gekannt; aber unter diesen wenigen waren die Prinzen des Königlichen
Hauses, vor allen der König selbst. Dieser folgte jetzt ihrem Sarge. Als der Park
erreicht, der Sarg in die Gruft hinabgelassen und das Einsegnungsgebet durch
den Pastor Stiebritz gesprochen war, trat König Friedrich Wilhelm IV. an die
Gruft und rief ihr bewegt die Worte nach: „Hier begrabe ich meine zweite
Mutter; sie hat mich genährt und erzogen.“ Dann schloß sich die Gruft zum
dritten, wohl auch zum letzten Male. Die Bischofswerders sind hinüber; wer
wird sich eindrängen wollen in ihren stillen Kreis?
Der Pastor Stiebritz feierte an jenem Tage seinen achtzigsten Geburtstag.
Auf welchen Wechsel der Dinge blickte er zurück! In demselben Jahre (1795), in
dem Marquardt von den Bischofswerders erworben und der Sohn und Erbe, der
nun mit am Grabe stand, geboren war, war er ins Amt getreten. Wie vieles war
seitdem an ihm vorbeigegangen: Die Besuche des Königs, der Park voll
chinesischer Lampen, die blaue Grotte und ihre Stimmen. Wie ein Traum lag es hinter ihm.
Um diese Zeit (1842) war der jüngere Bischofswerder Oberstleutnant; sechs
Jahre später war er Oberst und Kommandeur der Garde-Kürassiere. Als solcher
hielt er am 18. März mit seinem Regiment auf dem Schloßplatz. Während des
mittägigen Tumults, in dem Moment, als die historischen drei Schüsse fielen,
ließ er einhauen. Er tat, was ihm Rechtens dünkte. Die Wochen aber, die jenem
Tage folgten, waren solcher Anschauung nicht günstig, die Verhältnisse
erheischten eine Remedur, ein Desaveu, und die Versetzung Bischofswerders
nach Breslau wurde ausgesprochen. Er erhielt bald darauf, unter Verbleib in der
schlesischen Hauptstadt, eine Brigade.
Aber auch hier in Breslau zog bald eine Trübung herauf; unglücklich-
glückliche Tage brachen an. Seine Huldigungen, die er ritterlich-galant einer
schönen Frau darbrachte, führten zu Konflikten, und da Namen und Familien
hinein spielten, die dem Herzen Friedrich Wilhelms IV. teuer waren, so bereitete
sich ein Allerschmerzlichstes für ihn vor; er mußte den Abschied nehmen. Aufs
höchste verstimmt, gedemütigt, zog er sich 1853 nach Marquardt zurück. Das
Bild der Frau, die er gefeiert, begleitete ihn in seine Einsamkeit.
Sehr bald nach diesen Vorgängen war es, daß ihn die Herausgabe einer
Biographie seines Vaters beschäftigte. Das vielfach verkannte Andenken des
letztern schien eine solche Wiederherstellung von ihm zu fordern. Wie dabei
vorzugehen sei, darüber hatte er zunächst nur unbestimmte Ideen. Er selber
fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen, auch nicht unbefangen genug; aber
eines wenigstens lag innerhalb des Bereichs seiner Kräfte: er begann das im
ganzen Hause zerstreute Material zu sammeln. Es war im höchsten Maße
umfangreich und bestand im bunten Durcheinander aus Kabinettsorders aller
Könige seit Friedrich Wilhelm II. und aus unzähligen Briefen (meist in
französischer Sprache), die zum Teil staatlich-politische Verhältnisse, zum Teil
Verhältnisse von privater und sehr intimer Natur berührten — wahrscheinlich der
Briefwechsel zwischen dem Günstling-General und der „Gräfin“ aus den Jahren
her, die ihrer Vermählung unmittelbar vorausgingen. Die mit Wöllner
gewechselten Briefe waren deutsch geschrieben und bezogen sich zumeist auf
das Preß- und das Religions-Edikt. Seltsamer Weise machte man eine Tonne zum
Archiv; in diese wurde alles, vorläufig ungeordnet, hineingetan.
Dies reiche Material sollte aber nie zur Bearbeitung kommen. Die
Verstimmung des Generals wuchs, dazu beschlich ihn die Vorahnung seines
herannahenden Todes. Wir finden darüber unter den Aufzeichnungen eines
Mannes, der ihm während der letzten Lebensjahre nahe stand, das Folgende:
„1857 feierte Bischofswerder seinen zweiundsechzigsten Geburtstag.