Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 55 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Geheime Gesellschaften im achtzehnten Jahrhundert

 

1. Schwindel-Orden

 

Was sagt sie uns für Unsinn vor?

Es wird mir gleich den Kopf zerbrechen.

Mich dünkt, ich hör’ ein ganzes Chor

Von hunderttausend Narren sprechen.

 

„Faust“

 

D as vorige Jahrhundert war ein Jahrhundert der Geheimen Gesellschaften. Der Absolutismus behinderte jede Kraftentwickelung, die Miene machte,

selbständige Wege einschlagen zu wollen; die Kirche war starr; was Wunder,

wenn der individuelle Ehrgeiz, der kein legitimes Feld fand, sich geltend zu

machen, auf Abwege geriet und im Dunkeln und Geheimen nach Macht suchte.

Wie im zwölften Jahrhundert alles nach dem heiligen Grabe, im

sechzehnten nach Wittenberg oder nach der neuen Welt drängte, so im

achtzehnten Jahrhundert nach Geheimbündelei. Alchymie und

Geistererscheinungen, Dinge, die sich ihnen vielfach gesellten, oft in den

Vordergrund traten, waren nur Zugaben, Hilfsmittel, starke Dosen, zu denen man

griff; das Wesen der Sache lag darin: Macht zu äußern in einer Zeit, wo das

Individuum machtlos war.

Zwei Strömungen wurden alsbald erkennbar, die, neben einem starken

Beisatz von Egoismus und Menschlichkeit, einen prinzipiellen Gehalt und einen

prinzipiellen Gegensatz repräsentierten. Alle diese Gesellschaften indes, die

einen derartig ideellen Kern andauernd und in Wahrheit und nicht nur dem

Namen nach hatten, bildeten weitaus die Minorität, — das meiste lief auf

Herrschsucht und Eitelkeit, auf Täuschung und unmittelbaren Betrug hinaus. Mit

dieser letztern Gruppe der Geheimen Gesellschaften, die trotz ihres quantitativen

Übergewichts kamen und gingen, ohne eine Spur zu hinterlassen, die nichts

waren als Modetorheit oder Modekrankheit, beschäftigen wir uns zuerst.

Die Zahl dieser Gesellschaften, unglaublich zu sagen, ging vielleicht über

Hundert hinaus. Die meisten befanden sich in Bayern und am Rhein. Regensburg, die alte Reichstagsstadt, war Mittelpunkt, und einer Anzahl von

Aufsätzen, die in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in der Reichstags-

Zeitung veröffentlicht wurden, verdanken wir, mehr als irgend einer andern

Quelle, Material, das uns Einblick gönnt in das Verbindungs- und Ordenswesen

jener Zeit. Die genannte Zeitung schrieb in den achtziger Jahren: „Nie hat sich

der Sektengeist tätiger gezeigt als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten

nennt.... Der immer allgemeiner werdende Hang zum Aberglauben, der uns in

die Zeiten des Mittelalters zurückwirft, wird durch den alle Kräfte der

Erwerbung übersteigenden Luxus und durch das geschwächte Nervensystem der

jetzigen Generation (also auch schon 1785!) ungemein befördert. Unsere Großen

suchen den Stein der Weisen, um unsterblich zu werden, und erhoffen von den

Geheimnissen der Alchymie die Mittel zur Befriedigung ihrer Neigungen.“

Die Reichstags-Zeitung fährt dann fort: „An keinem Orte der Welt sind

mehr Verehrer solcher neuen Wissenschaften anzutreffen, als an dem Wohnsitze

des Reichstages, in Regensburg selbst. Hier befinden sich: Loyolisten im

gestickten Kleid, im Chorgewand und im einfachen Kittel; Gasnerianer und

Mesmerianer; Kabbalisten und Somnambulisten; Magier der verschiedensten

Stufen und Namen; Cagliostro-Anhänger, die den Stein der Weisen suchen, und

„Lammsbrüder, die sich vom inneren Stolze nähren“ — Vereinigungen, die samt

und sonders schwarze und weiße Magie treiben, aus Zahlen, Buchstaben und

Worten die Geheimnisse der Natur und der Staaten prophezeien, die ewige

Jugend suchen, vor allem aber den echtesten Grundsatz aller Schwärmer üben:

sich untereinander zu verfolgen.“

So die Reichstags-Zeitung. Die Orden, die wir vorstehend aufgeführt, wie

sie nur einen ganz kleinen Teil der in Regensburg vertretenen, geschweige denn

der in ganz Deutschland damals verbreiteten Ordensgesellschaften bildeten,

waren andererseits immer noch Grenznachbarn, oft wirkliche Abzweigungen

jener zwei großen Körperschaften, der „Aufklärer“ und der „Dunkelmänner“, die

ihren Kern in der Idee hatten und auf die wir zurückkommen. Es gab aber

andere, die sich absolut von jedem ideellen Gehalt entfernt hatten, oder das

Ideelle doch bloß als ein nervenanregendes Komödienspiel trieben.

Aus der Reihe dieser greifen wir einige Musterbeispiele heraus.

Da war vorerst die „Dukaten-Sozietät“. Sie war schon um 1746 durch den

Grafen Carl Ludwig von Wied-Neuwied gestiftet worden. Die Gesellschaft ging

aufs Praktische und war deshalb auch in der glücklichen Lage, in betreff aller

kirchlichen Dinge das Wort „Toleranz“ auf ihre Fahne schreiben zu können.

„Religionsvorurteile können unmöglich bei einer Institution Einfluß haben,

die sich auf Tugend und Geselligkeit gründet und die wahre Menschenliebe zu ihrem Wegweiser hat.“

Die „wahre Menschenliebe“ lernen wir nun aus § 7 der Statuten kennen. Es

heißt daselbst: „Da jeder monatlich gerne einen Dukaten zur Sozietätskasse

zahlen wird, wenn er hoffen darf, nicht nur dieser Bezahlung bald entledigt zu

werden, sondern sogar viele Dukaten monatlich zu empfangen, so wird er für das

erste anderweite Mitglied, das er seinerseits zum Eintritt engagiert, von der

Zahlung befreit; der Zweite, den er engagiert, zahlt gleichfalls zur

Sozietätskasse; für den Dritten aber empfängt er monatlich einen Dukaten für

sich; der Vierte zahlet ebenmäßig zur Sozietätskasse; für den Fünften hingegen

empfängt er wiederum einen Dukaten monatlich für sich; ferner auch für den 7.,

9., 11., 13. und so fort für jede ungerade Zahl monatlich einen Dukaten. Wer also

die Gelegenheit hat, ein Halbhundert Mitglieder zu dieser Sozietät zu

engagieren, der bekommt monatlich eine Revenue von 24 Dukaten.“ Dies

leuchtete vielen sofort ein. Vor Ablauf eines Jahres hatte der Orden bereits 416

Mitglieder, darunter 1 Protektor, 7 Seniores, 1 Kassierer, 1 Sekretär, 1 Archivar.

Die ersten Mitglieder waren fast lauter Offiziere der Garnison Wesel, daran

schlossen sich Zivilpersonen aus Neuwied. In kürzester Frist hatte sich der

Orden über ganz Deutschland ausgebreitet. Er bestand aber nicht lange. Die

Regierungen schritten ein, warnten vor dieser „gefährlichen Sozietät“ und

verboten dieselbe. In betreff von Vergesellschaftungen, die auf Geld und

Geldeswert ausgingen, waren die Regierungen immer am wachsamsten.

Ein anderer Orden, bei dessen Zeremonien die „Harmonika“ eine große

Rolle spielte und den wir deshalb den „Harmonikaorden“ nennen wollen, hatte

im Gegensatz zur „Dukaten-Sozietät“ etwas sinnbestrickend Theatralisches und

operierte mit dem ganzen Apparat einer romantischen Oper. Diesen seltsamen

Orden lernt man in seinem Ritual (im Gegensatz zu den Statuten) aus einer

kleinen Broschüre kennen, die 1787 in Berlin erschien und aus der wir folgendes

entnehmen.

„Sie verschafften mir, so schreibt der Held und Harmonika-Virtuose,[37]

durch Ihre Adresse an Herrn N. eine sehr interessante Bekanntschaft ... Die

Harmonika erhielt seinen ganzen Beifall; auch sprach er von verschiedenen

besonderen Versuchen, was ich anfänglich nicht recht faßte. Nur erst seit gestern

ist mir Vieles natürlich.

Gestern gegen Abend fuhren wir nach seinem Landgute, dessen

Einrichtung, besonders aber die des Gartens, außerordentlich schön getroffen ist.

Verschiedene Tempel, Grotten, Wasserfälle, labyrinthische Gänge und

unterirdische Gewölbe usw. verschaffen dem Auge soviel Mannigfaltigkeit und

Abwechselung, daß man davon ganz bezaubert wird. Nur will mir die hohe, dies alles umschließende Mauer nicht gefallen; denn sie raubt dem Auge die herrliche

Aussicht. — Ich hatte die Harmonika mit hinausnehmen und Herrn N..z

versprechen müssen, auf seinen Wink an einem bestimmten Orte nur wenige

Augenblicke zu spielen. Um diesen Augenblick zu erwarten, führte er mich in

ein großes Zimmer im Vorderteil des Hauses und verließ mich, wie er sagte, der

Anordnung eines Balls und einer Illumination wegen, die beide seine Gegenwart

notwendig erforderten. Es war schon spät und der Schlaf schien mich zu

überraschen, als mich die Ankunft einiger Kutschen störte. Ich öffnete das

Fenster, erkannte aber nichts Deutliches, noch weniger verstand ich das leise und

geheimnisvolle Geflüster der Angekommenen. Kurz nachher bemeisterte sich

meiner der Schlaf von neuem; und ich schlief wirklich ein. Etwa eine Stunde

mochte ich geschlafen haben, als ich geweckt und von einem Diener, der sich

zugleich mein Instrument zu tragen erbot, ersucht ward, ihm zu folgen. Da er

sehr eilte, ich ihm aber nur langsam folgte, so entstand daraus die Gelegenheit,

daß ich, durch Neugierde getrieben, dem dumpfen Ton einiger Posaunen

nachging, der aus der Tiefe des Kellers zu kommen schien.

Denken Sie sich aber mein Erstaunen, als ich die Treppe des Kellers etwa

halb hinuntergestiegen war und nunmehr eine Totengruft erblickte, in der man

unter Trauermusik einen Leichnam in den Sarg legte und zur Seite einem

weißgekleideten, aber ganz mit Blut bespritzten Menschen die Ader am Arme

verband. Außer den hilfeleistenden Personen waren die übrigen in langen

schwarzen Mänteln vermummt und mit bloßen Degen. Am Eingang der Gruft

lagen übereinander geworfene Totengerippe, und die Erleuchtung geschah durch

Lichter, deren Flamme brennendem Weingeist ähnlich kam, wodurch der

Anblick desto schauriger wurde. Um meinen Führer nicht zu verlieren, eilte ich

zurück. Dieser trat soeben aus dem Garten wieder herein, als ich bei der Türe

desselben ankam. Er ergriff mich ungeduldig bei der Hand und zog mich

gleichsam mit sich fort.

Sah ich je etwas Feenmärchen-ähnliches, so wars im Augenblick des

Eintritts in den Garten. Alles in grünem Feuer; unzählig flammende Lampen;

Gemurmel entfernter Wasserfälle, Nachtigallengesang, Blütenduft, kurz, alles

schien überirdisch, und die Natur in Zauber aufgelöst zu sein. Man wies mir

meinen Platz hinter einer Laube an, deren Inneres reich geschmückt war und wo

hinein man kurz darauf einen Ohnmächtigen führte, vermutlich den, dem man in

der Totengruft die Ader geöffnet hatte. Doch gewiß weiß ich es nicht, weil die

Gewänder aller Handelnden jetzt prächtig und reizend von Form und Farbe und

mir dadurch wieder ganz neu waren. Sogleich erhielt ich das Zeichen zum

Spiele.

Da ich nunmehr genötigt war, mehr auf mich als auf Andere Acht zu geben,

so ging allerdings Vieles für mich verloren. So viel aber nahm ich deutlich wahr,

daß sich der Ohnmächtige kaum nach einer Minute des Spielens erholte und mit

äußerster Verwunderung fragte: „Wo bin ich? wessen Stimme höre ich?“ —

Frohlockender Jubel und Trompeten und Pauken war die Antwort. Alles griff

zugleich nach den Degen und eilte tiefer in den Garten, wo das Fernere für mich

wie verschwunden war.

Ich schreibe Ihnen dieses nach einem kurzen und unruhigen Schlaf. Gewiß,

hätte ich nicht noch gestern, ehe ich mich zu Bett legte, diese Szene in meine

Schreibtafel aufgezeichnet, ich wäre sehr geneigt, dies alles für einen Traum zu

halten. Leben Sie wohl.“

Die vorstehende Schilderung hat uns bereits in eine Gruppe von

Ordensverbindungen (oder doch bis an die Grenze derselben) geführt, in denen

„Erscheinungen“ als Nerven-Stimulus und dieser wieder als „Mittel zum

Zweck“ die Hauptsache waren.

Wir wenden uns nunmehr diesen Magiern und ihren Verbindungen zu.

Zuvor aber noch eine Bemerkung.

Auch jene Orden, die, was immer ihre Schwächen und Gebrechen sein

mochten, doch in erster Reihe immer das Prinzip wollten und in Wahrheit ernst

und aufrichtig einen geistigen Kern hatten, auch die bedeutsameren, nicht

ephemeren, wirklich zu politischer und sozialer Bedeutung gelangenden Orden,

glaubten wohl oder übel eines gelegentlichen Operierens mit „Erscheinungen“

nicht entbehren zu können. Wir werden darauf ausführlicher zurückkommen und

festzustellen suchen, wieviel davon zulässig, oder richtiger, wie groß oder wie

gering das Maß der Verschuldung war.

Mit diesen ernsteren Bestrebungen, die sich gelegentlich im Mittel irrten,

haben aber, trotz einer gewissen äußeren Ähnlichkeit, jene zu neun Zehntel auf

Lug und Trug gestellten Vergesellschaftungen nichts gemein, die nicht einmal

das ohnehin gefährliche und fragwürdige: „Der Zweck heiligt die Mittel“ für

sich geltend machen konnten, sondern einfach, unter prätentiösen Phrasen, ihrem

Gewinn oder irdischem Vorteil nachjagten. Es waren Spekulanten und

Komödianten. Geister erscheinen lassen war ihr Geschäft und nur ihr Geschäft.

Wir machen uns zunächst damit vertraut, wie sie dies Metier betrieben.

Es gab, soweit wir imstande gewesen sind, uns aus den verschiedensten

Schriften zu informieren, vier Arten des Betriebes. Kleinere Abweichungen

kommen nicht in Betracht. Es waren:

1) Das Schattenbild auf weißer durchsichtiger Fläche. Eine Art Laterna

magica. Dies war die plumpeste Art.

2) Das Hohlspiegelbild auf weißer Wandfläche. Ein Verfahren, das bei

Geisterszenen auf der Bühne auch jetzt noch zu gelegentlicher

Anwendung kommt.

3) Das Hohlspiegelbild auf Rauch und Qualm.

4) Bloße Benebelung und Einwirkung auf die Imagination, so daß man

Dinge sieht, die gar nicht da sind.

Über diese letzte Art des Verfahrens, die die unglaublichste scheint und,

richtig gehandhabt, doch vielleicht die sicherste war, entnehmen wir

zeitgenössischen Memoiren das Folgende:

Friedrich II. erfuhr, daß in Halle ein Professor sei, der Geister zitieren

könne. Der König ließ ihn kommen. Der Betreffende erschien auch, lehnte es

aber ab, Geister erscheinen zu lassen, erklärte vielmehr dem Könige ganz

einfach, wie er dabei zu operieren pflegte. Er sagte: „Ich benutze dazu ein

Räucherwerk. Dies Räucherwerk hat zwei Eigenschaften: 1) den ‚Patienten‘ in

einen Halbschlaf zu versetzen, welcher leicht genug ist, ihn alles verstehen zu

lassen, was man ihm sagt, und tief genug, ihn am Nachdenken zu verhindern; 2)

ihm das Gehirn dergestalt zu erhitzen, daß seine Einbildungskraft ihm lebhaft

das Bild der Worte, die er hört, abmalt. Er ist in dem Zustande eines Menschen,

der nach den leichten Eindrücken, die er im Schlaf empfängt, einen Traum

zusammensetzt. Nachdem ich in der Unterredung mit meinem Neugierigen

möglichst viele Einzelheiten über die Person, die ihm erscheinen soll, kennen

gelernt und ihn nach der Form und den Kleidern gefragt habe, in denen er die zu

zitierende Person sehen will, lasse ich ihn in das dunkle, mit dem Dunst des

Räucherwerks angefüllte Zimmer treten. Dann — nach einiger Zeit — spreche

ich zu ihm: ‚Sie sehen den und den, so und so gestaltet und gekleidet,‘ worauf

sich sofort seiner erregten Phantasie die Gestalt abmalt. Hierauf frage ich ihn mit

rauher Stimme: „Was willst Du?“ Er ist überzeugt, daß der Geist zu ihm spricht;

er antwortet. Ich erwidere; und wenn er Mut hat, so setzt sich die Unterredung

fort und schließt mit einer Ohnmacht. Diese letzte Wirkung des Räucherwerks

wirft einen mysteriösen Schleier über das, was er zu sehen und zu hören

geglaubt hat und verwischt die kleinen Mängel, deren er sich etwa erinnern

könnte.“ —

So weit die Enthüllungen des Professors.

Das dritte Verfahren: „Das Hohlspiegelbild auf einer Rauchsäule“ wurde,

wenn den betreffenden Überlieferungen Glauben zu schenken ist, vorzugsweise

durch Johann Georg Schrepfer geübt. Dieser in seiner Art merkwürdige Mann

bildete die Inkarnation jenes Lug- und Trug-Systems, jener Geheimbündelei, die

unter großen rätselvollen Phrasen das Wundertun, die Geisterzitation, den Rapport mit der geistigen Welt in den Vordergrund stellte und ohne sich viel mit

fortschrittlichen oder rückschrittlichen Ideen aufzuhalten, von der

Leichtgläubigkeit der Menschen lebte. In der Kürze haben wir Schrepfers schon

bei Marquardt erwähnt. Wir müssen auch hier wiederholen, daß er höchst

wahrscheinlich nicht bloß ein Betrüger war, sondern durch Lesen mystischer und

alchymistischer Schriften, dazu durch eigene Eitelkeit und fremde Huldigungen,

schließlich ohne geradezu wahnsinnig zu sein, in einen verworrenen

Geisteszustand geraten war, der ihn in der Tat an sich glauben machte und ihn

namentlich alles für möglich halten ließ. Es ist nicht absolut unwahrscheinlich,

daß er wirklich dachte, ein Paket Papierschnitzel werde sich ihm zu Liebe über

Nacht in vollgültige Banknoten verwandeln. Wir geben eine kurze Lebensskizze

dieses Mannes, dessen Leben und Tod charakteristisch ist für eine spezielle

Krankheits-Erscheinung jener Zeit.

Johann Georg Schrepfer, 1730 geboren, war anfangs Kellner in einem

Leipziger Gasthause (nach andern Husar) und war unter die dienenden Brüder

einer dortigen Freimaurerloge aufgenommen worden. Später hatte er eine Frau

mit einigem Vermögen geheiratet und hielt seitdem eine eigene Schenkwirtschaft

in der Klostergasse. Anfangs der siebziger Jahre, vielleicht schon etwas früher,

begann er auszusprengen, daß er die Gabe der Geisterbeschwörung habe. Sein

Anhang wuchs, darunter Personen von hoher gesellschaftlicher Stellung. Der

Herzog von Kurland, Herzog Ferdinand von Braunschweig, die Minister Graf

Hohenthal und von Wurmb, der Kammerherr von Heynitz, Oberst von Fröden,

der Geheime Kriegsrat von Hopfgarten und der Kammerherr von

Bischofswerder pflogen Umgang mit ihm und besuchten ihn in seiner Wohnung,

im Hotel de Pologne. Daß er, mit Hilfe des nach ihm genannten Schrepferschen

Apparats, wirklich schemenhafte Gestalten erscheinen ließ, ist gewiß, noch

gewisser, daß er in beständigen Geldverlegenheiten war und die reicheren der

vorher genannten Herren benutzte, um auf ihre Kosten zu leben. Sie mußten

Geld geben, auf daß der Schatz gehoben werden könne.

Vielleicht daß ihr Vertrauen oder ihre Geduld eher erschöpft worden wäre,

wenn er es nicht verstanden hätte, zum Teil auf gefälschte Empfehlungen hin,

mit den hervorragendsten Häuptern anderer geheimer Gesellschaften sich in

Verbindung zu setzen, was ihm dann in seiner nächsten Umgebung immer aufs

neue einen Nimbus lieh. Aus dieser Ordens-Geheim-Korrespondenz, die er nach

den verschiedensten Seiten hin führte, ist ein Briefwechsel zwischen ihm und

dem Professor der Theologie Dr. Stark in Königsberg, später General-

Superintendent in einem der thüringischen Staaten, aufbewahrt worden, der

merkwürdige Einblicke gönnt.

Dr. Stark, ein Theologe von gründlichster Bildung, eröffnete die

Korrespondenz und schrieb unterm 30. Juni 1773 aus Königsberg: „Mein sehr

werther Freund und Bruder. Nach dem Wenigen, was mir von Ihnen bekannt

geworden ist, müßte mich mein Geist sehr trügen, und die Siegel, die unser

Orden seinen Geweihten aufgedrückt hat, verwischt sein: oder ich muß in Ihnen

einen Mann finden, der Eines Ursprungs mit mir ist und mit mir zu Einem

Zwecke geht. Und deren sind nicht viele unter den Maurern. Trüge ich mich, so

falle Nacht und Finsterniß auf das, was ich sagen werde. Sind Sie es aber, so

grüße ich Sie in der heiligen Zahl von Drei, Sieben und Zehn und durch die

sieben Geister Gottes.

Sind Sie tiefer als ich ins Heiligthum geführet, so nehmen Sie mich als

einen lehrbegierigen Schüler an.... Sonst lassen Sie uns Beide auf dem vor der

Welt und so viel Tausend Maurern verdeckten Wege gehen. Die wahre Weisheit

liebt das Verborgene. Nur in der Dunkelheit ist das unzerstörliche Licht. Ich

kenne, mein Bruder, Florenz.... Sie können zu mir reden.... An einem grünen

Flecken im rothen Lack des Wappens können Sie es erkennen, daß mein Brief

nicht geöffnet gewesen.

Aber lassen Sie mich noch eine Bitte thun: Zerstören Sie noch nicht eine

Art von Maurerei in Deutschland, unter deren Maske Brüder verborgen liegen,

die diesen Brüdern selbst unbekannt sind, die Sie aber gewiß schätzen und lieben

würden, wenn Sie sie näher kennen sollten. Unsere Macht und Gewalt ist

lieblich, ein Feuer, das nähret und nicht zerstöret.

Ihr aufrichtiger Freund und Bruder

der ‚Verfasser der Apologie‘ (Stark).“

Hierauf antwortete Schrepfer, der, bei aller Begabung, den Cafetier doch nie

verleugnen konnte, unterm 29. Juli folgenden Bombast: „Mein werther Freund

und Bruder. Dero an mich abgelassenes Schreiben habe richtig zu erhalten die

Ehre gehabt. Der große Baumeister der Gottheit der Allmacht gehe vor uns über

mit seiner Gnade! So thue ich denn als Schotte der Erkenntniß und Gewalt aus

Schottland in den Thurm den ersten Schritt, denselben die Wahrheit zu melden.

Zerbrechen Sie Ihr † aus Florenz, lernen Sie dafür erkennen 5. 7., daß ich

wirklich bin S. W. O. V.

Ist Wismar nicht sträflich, daß sie auf mein wiederholtes freundschaftliches

Betragen nicht mehr Aufmerksamkeit bezeiget?

Was ich vor jetzt schreibe, schreibe ich auf Ihre Pflicht. Ziehen Sie Ihre

Schuhe aus, denn der Ort der wahren ME ist heilig für den Busch. Fünf starben,

der sechste ging in Feuer über, stehet die Säule so (unleserliches Wort) im

Morgen, die 7 Siegel thun sich auf, und erkennen die Wahrheit der Gottheit. Verflucht sei, der den Namen seines Gottes mißbraucht! Der Herr ist heilig und

gerecht. Mein Bruder, wenn Sie wirklich der sind, der die 11 in der Wahrheit

kennet, da doch durch 12 gerichtet wird, warum kennen Sie nicht S. W.? War

England nicht gerecht, ließ es Ihnen nicht Ihre Freiheit; warum suchten Sie aber

von dem einen Wege in den andern zu fallen? Sind nicht Warnungen genug an

die strikte Observanz ergangen? Wenn ich meine Brüder bei der Vernunft

überführe und selbigen die Unsterblichkeit der Seele beweise, so folge ich den

wahren Pflichten B. I. I. Soll Gewalt dem Schwachen weichen, wenn der

Schwache nur Bosheit in seiner Seele besitzt, wurde das Schwert nicht

eingesteckt, da es schon gesiegt hatte?

Glauben Sie, mein Bruder, wenn ich gleich nach Dresden gegangen, so

wäre jetzo Alles ruhig und zufrieden; aber Leipzig, da wo nur Tugend und

Wissenschaften blühen sollen, ist eine in Schleier gehüllte Buhlerin. Kennen Sie

wirklich die Off. I.?

Ich kenne Purpur ganz roth, das innerste der Sonne gelb, blau, heilig und

gerecht, unter dem Namen des Lammes. I. V. N. D. I. K.

Um mich noch mehr zu erklären, erwarte Dero Antwort, und empfehle Sie

dem Schutz des Unerschaffenen.

N. S. Mein Bruder. Sie haben es mit E—land und Sch—land richtig

getroffen; nur den Sitz des Thurmes haben Sie mir nicht gemeldet. Erhalte ich

einen Brief von Ihrer Hand und Namen, so thue mir der Herr dies und das, so ich

ihn nicht unter meiner eigenen Hand beantworten will.

Nehmen Sie den Spiegel und sehen nach dem Licht. Wenn der Blitz fähret,

so blendet er, aber dem Weisen ist er klar wie tausend Jahr.

Joh. Geo. Sch—r,

S. d. E. u. G.“

(Schotte der Erkenntniß und Gewalt.)

Daß ein Mann wie Stark durch solchen mit Effronterie vorgetragenen

Gallimathias geblendet werden konnte, ist nicht anzunehmen, auch kam die

Korrespondenz über diesen einmaligen Briefaustausch nicht hinaus. Aber

Schrepfer hatte doch das eine Gute davon, daß er auf das Handschreiben eines,

in besonderem Ordens-Ansehen stehenden, die höchsten Ordens-Ehren in sich

vereinigenden Mannes hinweisen konnte. Und das genügte ihm. Er suchte neue

Mittel nach, „um den Schatz zu heben,“ und Leipzig, das er so undankbar als

„Buhlerin“ bezeichnete, gewährte sie immer aufs neue.

Endlich indes, so scheint es, war die Geduld erschöpft, die „Erscheinungen“

kamen, während der Schatz beharrlich ausblieb und Schrepfer empfand zuletzt,

daß seine Situation unhaltbar geworden sei. Aber wenigstens mit einem Knalleffekt wollte er scheiden.