Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Geheime Gesellschaften im achtzehnten Jahrhundert
1. Schwindel-Orden
Was sagt sie uns für Unsinn vor?
Es wird mir gleich den Kopf zerbrechen.
Mich dünkt, ich hör’ ein ganzes Chor
Von hunderttausend Narren sprechen.
„Faust“
D as vorige Jahrhundert war ein Jahrhundert der Geheimen Gesellschaften. Der Absolutismus behinderte jede Kraftentwickelung, die Miene machte,
selbständige Wege einschlagen zu wollen; die Kirche war starr; was Wunder,
wenn der individuelle Ehrgeiz, der kein legitimes Feld fand, sich geltend zu
machen, auf Abwege geriet und im Dunkeln und Geheimen nach Macht suchte.
Wie im zwölften Jahrhundert alles nach dem heiligen Grabe, im
sechzehnten nach Wittenberg oder nach der neuen Welt drängte, so im
achtzehnten Jahrhundert nach Geheimbündelei. Alchymie und
Geistererscheinungen, Dinge, die sich ihnen vielfach gesellten, oft in den
Vordergrund traten, waren nur Zugaben, Hilfsmittel, starke Dosen, zu denen man
griff; das Wesen der Sache lag darin: Macht zu äußern in einer Zeit, wo das
Individuum machtlos war.
Zwei Strömungen wurden alsbald erkennbar, die, neben einem starken
Beisatz von Egoismus und Menschlichkeit, einen prinzipiellen Gehalt und einen
prinzipiellen Gegensatz repräsentierten. Alle diese Gesellschaften indes, die
einen derartig ideellen Kern andauernd und in Wahrheit und nicht nur dem
Namen nach hatten, bildeten weitaus die Minorität, — das meiste lief auf
Herrschsucht und Eitelkeit, auf Täuschung und unmittelbaren Betrug hinaus. Mit
dieser letztern Gruppe der Geheimen Gesellschaften, die trotz ihres quantitativen
Übergewichts kamen und gingen, ohne eine Spur zu hinterlassen, die nichts
waren als Modetorheit oder Modekrankheit, beschäftigen wir uns zuerst.
Die Zahl dieser Gesellschaften, unglaublich zu sagen, ging vielleicht über
Hundert hinaus. Die meisten befanden sich in Bayern und am Rhein. Regensburg, die alte Reichstagsstadt, war Mittelpunkt, und einer Anzahl von
Aufsätzen, die in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in der Reichstags-
Zeitung veröffentlicht wurden, verdanken wir, mehr als irgend einer andern
Quelle, Material, das uns Einblick gönnt in das Verbindungs- und Ordenswesen
jener Zeit. Die genannte Zeitung schrieb in den achtziger Jahren: „Nie hat sich
der Sektengeist tätiger gezeigt als in unsern Tagen, welche man die aufgeklärten
nennt.... Der immer allgemeiner werdende Hang zum Aberglauben, der uns in
die Zeiten des Mittelalters zurückwirft, wird durch den alle Kräfte der
Erwerbung übersteigenden Luxus und durch das geschwächte Nervensystem der
jetzigen Generation (also auch schon 1785!) ungemein befördert. Unsere Großen
suchen den Stein der Weisen, um unsterblich zu werden, und erhoffen von den
Geheimnissen der Alchymie die Mittel zur Befriedigung ihrer Neigungen.“
Die Reichstags-Zeitung fährt dann fort: „An keinem Orte der Welt sind
mehr Verehrer solcher neuen Wissenschaften anzutreffen, als an dem Wohnsitze
des Reichstages, in Regensburg selbst. Hier befinden sich: Loyolisten im
gestickten Kleid, im Chorgewand und im einfachen Kittel; Gasnerianer und
Mesmerianer; Kabbalisten und Somnambulisten; Magier der verschiedensten
Stufen und Namen; Cagliostro-Anhänger, die den Stein der Weisen suchen, und
„Lammsbrüder, die sich vom inneren Stolze nähren“ — Vereinigungen, die samt
und sonders schwarze und weiße Magie treiben, aus Zahlen, Buchstaben und
Worten die Geheimnisse der Natur und der Staaten prophezeien, die ewige
Jugend suchen, vor allem aber den echtesten Grundsatz aller Schwärmer üben:
sich untereinander zu verfolgen.“
So die Reichstags-Zeitung. Die Orden, die wir vorstehend aufgeführt, wie
sie nur einen ganz kleinen Teil der in Regensburg vertretenen, geschweige denn
der in ganz Deutschland damals verbreiteten Ordensgesellschaften bildeten,
waren andererseits immer noch Grenznachbarn, oft wirkliche Abzweigungen
jener zwei großen Körperschaften, der „Aufklärer“ und der „Dunkelmänner“, die
ihren Kern in der Idee hatten und auf die wir zurückkommen. Es gab aber
andere, die sich absolut von jedem ideellen Gehalt entfernt hatten, oder das
Ideelle doch bloß als ein nervenanregendes Komödienspiel trieben.
Aus der Reihe dieser greifen wir einige Musterbeispiele heraus.
Da war vorerst die „Dukaten-Sozietät“. Sie war schon um 1746 durch den
Grafen Carl Ludwig von Wied-Neuwied gestiftet worden. Die Gesellschaft ging
aufs Praktische und war deshalb auch in der glücklichen Lage, in betreff aller
kirchlichen Dinge das Wort „Toleranz“ auf ihre Fahne schreiben zu können.
„Religionsvorurteile können unmöglich bei einer Institution Einfluß haben,
die sich auf Tugend und Geselligkeit gründet und die wahre Menschenliebe zu ihrem Wegweiser hat.“
Die „wahre Menschenliebe“ lernen wir nun aus § 7 der Statuten kennen. Es
heißt daselbst: „Da jeder monatlich gerne einen Dukaten zur Sozietätskasse
zahlen wird, wenn er hoffen darf, nicht nur dieser Bezahlung bald entledigt zu
werden, sondern sogar viele Dukaten monatlich zu empfangen, so wird er für das
erste anderweite Mitglied, das er seinerseits zum Eintritt engagiert, von der
Zahlung befreit; der Zweite, den er engagiert, zahlt gleichfalls zur
Sozietätskasse; für den Dritten aber empfängt er monatlich einen Dukaten für
sich; der Vierte zahlet ebenmäßig zur Sozietätskasse; für den Fünften hingegen
empfängt er wiederum einen Dukaten monatlich für sich; ferner auch für den 7.,
9., 11., 13. und so fort für jede ungerade Zahl monatlich einen Dukaten. Wer also
die Gelegenheit hat, ein Halbhundert Mitglieder zu dieser Sozietät zu
engagieren, der bekommt monatlich eine Revenue von 24 Dukaten.“ Dies
leuchtete vielen sofort ein. Vor Ablauf eines Jahres hatte der Orden bereits 416
Mitglieder, darunter 1 Protektor, 7 Seniores, 1 Kassierer, 1 Sekretär, 1 Archivar.
Die ersten Mitglieder waren fast lauter Offiziere der Garnison Wesel, daran
schlossen sich Zivilpersonen aus Neuwied. In kürzester Frist hatte sich der
Orden über ganz Deutschland ausgebreitet. Er bestand aber nicht lange. Die
Regierungen schritten ein, warnten vor dieser „gefährlichen Sozietät“ und
verboten dieselbe. In betreff von Vergesellschaftungen, die auf Geld und
Geldeswert ausgingen, waren die Regierungen immer am wachsamsten.
Ein anderer Orden, bei dessen Zeremonien die „Harmonika“ eine große
Rolle spielte und den wir deshalb den „Harmonikaorden“ nennen wollen, hatte
im Gegensatz zur „Dukaten-Sozietät“ etwas sinnbestrickend Theatralisches und
operierte mit dem ganzen Apparat einer romantischen Oper. Diesen seltsamen
Orden lernt man in seinem Ritual (im Gegensatz zu den Statuten) aus einer
kleinen Broschüre kennen, die 1787 in Berlin erschien und aus der wir folgendes
entnehmen.
„Sie verschafften mir, so schreibt der Held und Harmonika-Virtuose,[37]
durch Ihre Adresse an Herrn N. eine sehr interessante Bekanntschaft ... Die
Harmonika erhielt seinen ganzen Beifall; auch sprach er von verschiedenen
besonderen Versuchen, was ich anfänglich nicht recht faßte. Nur erst seit gestern
ist mir Vieles natürlich.
Gestern gegen Abend fuhren wir nach seinem Landgute, dessen
Einrichtung, besonders aber die des Gartens, außerordentlich schön getroffen ist.
Verschiedene Tempel, Grotten, Wasserfälle, labyrinthische Gänge und
unterirdische Gewölbe usw. verschaffen dem Auge soviel Mannigfaltigkeit und
Abwechselung, daß man davon ganz bezaubert wird. Nur will mir die hohe, dies alles umschließende Mauer nicht gefallen; denn sie raubt dem Auge die herrliche
Aussicht. — Ich hatte die Harmonika mit hinausnehmen und Herrn N..z
versprechen müssen, auf seinen Wink an einem bestimmten Orte nur wenige
Augenblicke zu spielen. Um diesen Augenblick zu erwarten, führte er mich in
ein großes Zimmer im Vorderteil des Hauses und verließ mich, wie er sagte, der
Anordnung eines Balls und einer Illumination wegen, die beide seine Gegenwart
notwendig erforderten. Es war schon spät und der Schlaf schien mich zu
überraschen, als mich die Ankunft einiger Kutschen störte. Ich öffnete das
Fenster, erkannte aber nichts Deutliches, noch weniger verstand ich das leise und
geheimnisvolle Geflüster der Angekommenen. Kurz nachher bemeisterte sich
meiner der Schlaf von neuem; und ich schlief wirklich ein. Etwa eine Stunde
mochte ich geschlafen haben, als ich geweckt und von einem Diener, der sich
zugleich mein Instrument zu tragen erbot, ersucht ward, ihm zu folgen. Da er
sehr eilte, ich ihm aber nur langsam folgte, so entstand daraus die Gelegenheit,
daß ich, durch Neugierde getrieben, dem dumpfen Ton einiger Posaunen
nachging, der aus der Tiefe des Kellers zu kommen schien.
Denken Sie sich aber mein Erstaunen, als ich die Treppe des Kellers etwa
halb hinuntergestiegen war und nunmehr eine Totengruft erblickte, in der man
unter Trauermusik einen Leichnam in den Sarg legte und zur Seite einem
weißgekleideten, aber ganz mit Blut bespritzten Menschen die Ader am Arme
verband. Außer den hilfeleistenden Personen waren die übrigen in langen
schwarzen Mänteln vermummt und mit bloßen Degen. Am Eingang der Gruft
lagen übereinander geworfene Totengerippe, und die Erleuchtung geschah durch
Lichter, deren Flamme brennendem Weingeist ähnlich kam, wodurch der
Anblick desto schauriger wurde. Um meinen Führer nicht zu verlieren, eilte ich
zurück. Dieser trat soeben aus dem Garten wieder herein, als ich bei der Türe
desselben ankam. Er ergriff mich ungeduldig bei der Hand und zog mich
gleichsam mit sich fort.
Sah ich je etwas Feenmärchen-ähnliches, so wars im Augenblick des
Eintritts in den Garten. Alles in grünem Feuer; unzählig flammende Lampen;
Gemurmel entfernter Wasserfälle, Nachtigallengesang, Blütenduft, kurz, alles
schien überirdisch, und die Natur in Zauber aufgelöst zu sein. Man wies mir
meinen Platz hinter einer Laube an, deren Inneres reich geschmückt war und wo
hinein man kurz darauf einen Ohnmächtigen führte, vermutlich den, dem man in
der Totengruft die Ader geöffnet hatte. Doch gewiß weiß ich es nicht, weil die
Gewänder aller Handelnden jetzt prächtig und reizend von Form und Farbe und
mir dadurch wieder ganz neu waren. Sogleich erhielt ich das Zeichen zum
Spiele.
Da ich nunmehr genötigt war, mehr auf mich als auf Andere Acht zu geben,
so ging allerdings Vieles für mich verloren. So viel aber nahm ich deutlich wahr,
daß sich der Ohnmächtige kaum nach einer Minute des Spielens erholte und mit
äußerster Verwunderung fragte: „Wo bin ich? wessen Stimme höre ich?“ —
Frohlockender Jubel und Trompeten und Pauken war die Antwort. Alles griff
zugleich nach den Degen und eilte tiefer in den Garten, wo das Fernere für mich
wie verschwunden war.
Ich schreibe Ihnen dieses nach einem kurzen und unruhigen Schlaf. Gewiß,
hätte ich nicht noch gestern, ehe ich mich zu Bett legte, diese Szene in meine
Schreibtafel aufgezeichnet, ich wäre sehr geneigt, dies alles für einen Traum zu
halten. Leben Sie wohl.“
Die vorstehende Schilderung hat uns bereits in eine Gruppe von
Ordensverbindungen (oder doch bis an die Grenze derselben) geführt, in denen
„Erscheinungen“ als Nerven-Stimulus und dieser wieder als „Mittel zum
Zweck“ die Hauptsache waren.
Wir wenden uns nunmehr diesen Magiern und ihren Verbindungen zu.
Zuvor aber noch eine Bemerkung.
Auch jene Orden, die, was immer ihre Schwächen und Gebrechen sein
mochten, doch in erster Reihe immer das Prinzip wollten und in Wahrheit ernst
und aufrichtig einen geistigen Kern hatten, auch die bedeutsameren, nicht
ephemeren, wirklich zu politischer und sozialer Bedeutung gelangenden Orden,
glaubten wohl oder übel eines gelegentlichen Operierens mit „Erscheinungen“
nicht entbehren zu können. Wir werden darauf ausführlicher zurückkommen und
festzustellen suchen, wieviel davon zulässig, oder richtiger, wie groß oder wie
gering das Maß der Verschuldung war.
Mit diesen ernsteren Bestrebungen, die sich gelegentlich im Mittel irrten,
haben aber, trotz einer gewissen äußeren Ähnlichkeit, jene zu neun Zehntel auf
Lug und Trug gestellten Vergesellschaftungen nichts gemein, die nicht einmal
das ohnehin gefährliche und fragwürdige: „Der Zweck heiligt die Mittel“ für
sich geltend machen konnten, sondern einfach, unter prätentiösen Phrasen, ihrem
Gewinn oder irdischem Vorteil nachjagten. Es waren Spekulanten und
Komödianten. Geister erscheinen lassen war ihr Geschäft und nur ihr Geschäft.
Wir machen uns zunächst damit vertraut, wie sie dies Metier betrieben.
Es gab, soweit wir imstande gewesen sind, uns aus den verschiedensten
Schriften zu informieren, vier Arten des Betriebes. Kleinere Abweichungen
kommen nicht in Betracht. Es waren:
1) Das Schattenbild auf weißer durchsichtiger Fläche. Eine Art Laterna
magica. Dies war die plumpeste Art.
2) Das Hohlspiegelbild auf weißer Wandfläche. Ein Verfahren, das bei
Geisterszenen auf der Bühne auch jetzt noch zu gelegentlicher
Anwendung kommt.
3) Das Hohlspiegelbild auf Rauch und Qualm.
4) Bloße Benebelung und Einwirkung auf die Imagination, so daß man
Dinge sieht, die gar nicht da sind.
Über diese letzte Art des Verfahrens, die die unglaublichste scheint und,
richtig gehandhabt, doch vielleicht die sicherste war, entnehmen wir
zeitgenössischen Memoiren das Folgende:
Friedrich II. erfuhr, daß in Halle ein Professor sei, der Geister zitieren
könne. Der König ließ ihn kommen. Der Betreffende erschien auch, lehnte es
aber ab, Geister erscheinen zu lassen, erklärte vielmehr dem Könige ganz
einfach, wie er dabei zu operieren pflegte. Er sagte: „Ich benutze dazu ein
Räucherwerk. Dies Räucherwerk hat zwei Eigenschaften: 1) den ‚Patienten‘ in
einen Halbschlaf zu versetzen, welcher leicht genug ist, ihn alles verstehen zu
lassen, was man ihm sagt, und tief genug, ihn am Nachdenken zu verhindern; 2)
ihm das Gehirn dergestalt zu erhitzen, daß seine Einbildungskraft ihm lebhaft
das Bild der Worte, die er hört, abmalt. Er ist in dem Zustande eines Menschen,
der nach den leichten Eindrücken, die er im Schlaf empfängt, einen Traum
zusammensetzt. Nachdem ich in der Unterredung mit meinem Neugierigen
möglichst viele Einzelheiten über die Person, die ihm erscheinen soll, kennen
gelernt und ihn nach der Form und den Kleidern gefragt habe, in denen er die zu
zitierende Person sehen will, lasse ich ihn in das dunkle, mit dem Dunst des
Räucherwerks angefüllte Zimmer treten. Dann — nach einiger Zeit — spreche
ich zu ihm: ‚Sie sehen den und den, so und so gestaltet und gekleidet,‘ worauf
sich sofort seiner erregten Phantasie die Gestalt abmalt. Hierauf frage ich ihn mit
rauher Stimme: „Was willst Du?“ Er ist überzeugt, daß der Geist zu ihm spricht;
er antwortet. Ich erwidere; und wenn er Mut hat, so setzt sich die Unterredung
fort und schließt mit einer Ohnmacht. Diese letzte Wirkung des Räucherwerks
wirft einen mysteriösen Schleier über das, was er zu sehen und zu hören
geglaubt hat und verwischt die kleinen Mängel, deren er sich etwa erinnern
könnte.“ —
So weit die Enthüllungen des Professors.
Das dritte Verfahren: „Das Hohlspiegelbild auf einer Rauchsäule“ wurde,
wenn den betreffenden Überlieferungen Glauben zu schenken ist, vorzugsweise
durch Johann Georg Schrepfer geübt. Dieser in seiner Art merkwürdige Mann
bildete die Inkarnation jenes Lug- und Trug-Systems, jener Geheimbündelei, die
unter großen rätselvollen Phrasen das Wundertun, die Geisterzitation, den Rapport mit der geistigen Welt in den Vordergrund stellte und ohne sich viel mit
fortschrittlichen oder rückschrittlichen Ideen aufzuhalten, von der
Leichtgläubigkeit der Menschen lebte. In der Kürze haben wir Schrepfers schon
bei Marquardt erwähnt. Wir müssen auch hier wiederholen, daß er höchst
wahrscheinlich nicht bloß ein Betrüger war, sondern durch Lesen mystischer und
alchymistischer Schriften, dazu durch eigene Eitelkeit und fremde Huldigungen,
schließlich ohne geradezu wahnsinnig zu sein, in einen verworrenen
Geisteszustand geraten war, der ihn in der Tat an sich glauben machte und ihn
namentlich alles für möglich halten ließ. Es ist nicht absolut unwahrscheinlich,
daß er wirklich dachte, ein Paket Papierschnitzel werde sich ihm zu Liebe über
Nacht in vollgültige Banknoten verwandeln. Wir geben eine kurze Lebensskizze
dieses Mannes, dessen Leben und Tod charakteristisch ist für eine spezielle
Krankheits-Erscheinung jener Zeit.
Johann Georg Schrepfer, 1730 geboren, war anfangs Kellner in einem
Leipziger Gasthause (nach andern Husar) und war unter die dienenden Brüder
einer dortigen Freimaurerloge aufgenommen worden. Später hatte er eine Frau
mit einigem Vermögen geheiratet und hielt seitdem eine eigene Schenkwirtschaft
in der Klostergasse. Anfangs der siebziger Jahre, vielleicht schon etwas früher,
begann er auszusprengen, daß er die Gabe der Geisterbeschwörung habe. Sein
Anhang wuchs, darunter Personen von hoher gesellschaftlicher Stellung. Der
Herzog von Kurland, Herzog Ferdinand von Braunschweig, die Minister Graf
Hohenthal und von Wurmb, der Kammerherr von Heynitz, Oberst von Fröden,
der Geheime Kriegsrat von Hopfgarten und der Kammerherr von
Bischofswerder pflogen Umgang mit ihm und besuchten ihn in seiner Wohnung,
im Hotel de Pologne. Daß er, mit Hilfe des nach ihm genannten Schrepferschen
Apparats, wirklich schemenhafte Gestalten erscheinen ließ, ist gewiß, noch
gewisser, daß er in beständigen Geldverlegenheiten war und die reicheren der
vorher genannten Herren benutzte, um auf ihre Kosten zu leben. Sie mußten
Geld geben, auf daß der Schatz gehoben werden könne.
Vielleicht daß ihr Vertrauen oder ihre Geduld eher erschöpft worden wäre,
wenn er es nicht verstanden hätte, zum Teil auf gefälschte Empfehlungen hin,
mit den hervorragendsten Häuptern anderer geheimer Gesellschaften sich in
Verbindung zu setzen, was ihm dann in seiner nächsten Umgebung immer aufs
neue einen Nimbus lieh. Aus dieser Ordens-Geheim-Korrespondenz, die er nach
den verschiedensten Seiten hin führte, ist ein Briefwechsel zwischen ihm und
dem Professor der Theologie Dr. Stark in Königsberg, später General-
Superintendent in einem der thüringischen Staaten, aufbewahrt worden, der
merkwürdige Einblicke gönnt.
Dr. Stark, ein Theologe von gründlichster Bildung, eröffnete die
Korrespondenz und schrieb unterm 30. Juni 1773 aus Königsberg: „Mein sehr
werther Freund und Bruder. Nach dem Wenigen, was mir von Ihnen bekannt
geworden ist, müßte mich mein Geist sehr trügen, und die Siegel, die unser
Orden seinen Geweihten aufgedrückt hat, verwischt sein: oder ich muß in Ihnen
einen Mann finden, der Eines Ursprungs mit mir ist und mit mir zu Einem
Zwecke geht. Und deren sind nicht viele unter den Maurern. Trüge ich mich, so
falle Nacht und Finsterniß auf das, was ich sagen werde. Sind Sie es aber, so
grüße ich Sie in der heiligen Zahl von Drei, Sieben und Zehn und durch die
sieben Geister Gottes.
Sind Sie tiefer als ich ins Heiligthum geführet, so nehmen Sie mich als
einen lehrbegierigen Schüler an.... Sonst lassen Sie uns Beide auf dem vor der
Welt und so viel Tausend Maurern verdeckten Wege gehen. Die wahre Weisheit
liebt das Verborgene. Nur in der Dunkelheit ist das unzerstörliche Licht. Ich
kenne, mein Bruder, Florenz.... Sie können zu mir reden.... An einem grünen
Flecken im rothen Lack des Wappens können Sie es erkennen, daß mein Brief
nicht geöffnet gewesen.
Aber lassen Sie mich noch eine Bitte thun: Zerstören Sie noch nicht eine
Art von Maurerei in Deutschland, unter deren Maske Brüder verborgen liegen,
die diesen Brüdern selbst unbekannt sind, die Sie aber gewiß schätzen und lieben
würden, wenn Sie sie näher kennen sollten. Unsere Macht und Gewalt ist
lieblich, ein Feuer, das nähret und nicht zerstöret.
Ihr aufrichtiger Freund und Bruder
der ‚Verfasser der Apologie‘ (Stark).“
Hierauf antwortete Schrepfer, der, bei aller Begabung, den Cafetier doch nie
verleugnen konnte, unterm 29. Juli folgenden Bombast: „Mein werther Freund
und Bruder. Dero an mich abgelassenes Schreiben habe richtig zu erhalten die
Ehre gehabt. Der große Baumeister der Gottheit der Allmacht gehe vor uns über
mit seiner Gnade! So thue ich denn als Schotte der Erkenntniß und Gewalt aus
Schottland in den Thurm den ersten Schritt, denselben die Wahrheit zu melden.
Zerbrechen Sie Ihr † aus Florenz, lernen Sie dafür erkennen 5. 7., daß ich
wirklich bin S. W. O. V.
Ist Wismar nicht sträflich, daß sie auf mein wiederholtes freundschaftliches
Betragen nicht mehr Aufmerksamkeit bezeiget?
Was ich vor jetzt schreibe, schreibe ich auf Ihre Pflicht. Ziehen Sie Ihre
Schuhe aus, denn der Ort der wahren ME ist heilig für den Busch. Fünf starben,
der sechste ging in Feuer über, stehet die Säule so (unleserliches Wort) im
Morgen, die 7 Siegel thun sich auf, und erkennen die Wahrheit der Gottheit. Verflucht sei, der den Namen seines Gottes mißbraucht! Der Herr ist heilig und
gerecht. Mein Bruder, wenn Sie wirklich der sind, der die 11 in der Wahrheit
kennet, da doch durch 12 gerichtet wird, warum kennen Sie nicht S. W.? War
England nicht gerecht, ließ es Ihnen nicht Ihre Freiheit; warum suchten Sie aber
von dem einen Wege in den andern zu fallen? Sind nicht Warnungen genug an
die strikte Observanz ergangen? Wenn ich meine Brüder bei der Vernunft
überführe und selbigen die Unsterblichkeit der Seele beweise, so folge ich den
wahren Pflichten B. I. I. Soll Gewalt dem Schwachen weichen, wenn der
Schwache nur Bosheit in seiner Seele besitzt, wurde das Schwert nicht
eingesteckt, da es schon gesiegt hatte?
Glauben Sie, mein Bruder, wenn ich gleich nach Dresden gegangen, so
wäre jetzo Alles ruhig und zufrieden; aber Leipzig, da wo nur Tugend und
Wissenschaften blühen sollen, ist eine in Schleier gehüllte Buhlerin. Kennen Sie
wirklich die Off. I.?
Ich kenne Purpur ganz roth, das innerste der Sonne gelb, blau, heilig und
gerecht, unter dem Namen des Lammes. I. V. N. D. I. K.
Um mich noch mehr zu erklären, erwarte Dero Antwort, und empfehle Sie
dem Schutz des Unerschaffenen.
N. S. Mein Bruder. Sie haben es mit E—land und Sch—land richtig
getroffen; nur den Sitz des Thurmes haben Sie mir nicht gemeldet. Erhalte ich
einen Brief von Ihrer Hand und Namen, so thue mir der Herr dies und das, so ich
ihn nicht unter meiner eigenen Hand beantworten will.
Nehmen Sie den Spiegel und sehen nach dem Licht. Wenn der Blitz fähret,
so blendet er, aber dem Weisen ist er klar wie tausend Jahr.
Joh. Geo. Sch—r,
S. d. E. u. G.“
(Schotte der Erkenntniß und Gewalt.)
Daß ein Mann wie Stark durch solchen mit Effronterie vorgetragenen
Gallimathias geblendet werden konnte, ist nicht anzunehmen, auch kam die
Korrespondenz über diesen einmaligen Briefaustausch nicht hinaus. Aber
Schrepfer hatte doch das eine Gute davon, daß er auf das Handschreiben eines,
in besonderem Ordens-Ansehen stehenden, die höchsten Ordens-Ehren in sich
vereinigenden Mannes hinweisen konnte. Und das genügte ihm. Er suchte neue
Mittel nach, „um den Schatz zu heben,“ und Leipzig, das er so undankbar als
„Buhlerin“ bezeichnete, gewährte sie immer aufs neue.
Endlich indes, so scheint es, war die Geduld erschöpft, die „Erscheinungen“
kamen, während der Schatz beharrlich ausblieb und Schrepfer empfand zuletzt,
daß seine Situation unhaltbar geworden sei. Aber wenigstens mit einem Knalleffekt wollte er scheiden.