Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Groß-Glienicke
In dunkler Gruft
Das Gebein;
In Licht und Luft
Der aufgerichtete Marmelstein.
Was ungemessen
Vielleicht gestrebt,
Es ist vergessen, —
Nur das Bild noch lebt.
D ie Havelufer links und rechts des Flusses weisen strichweise einen guten Lehmboden (im Wendischen: Glin, der Lehm) auf, weshalb wir in allen hier in
Betracht kommenden Landesteilen, also in Havelland, Zauche, Teltow, vielfach
den Ortsbezeichnungen: Glien, Glindow, Glienicke begegnen. In unmittelbarer
Nähe von Potsdam, zu Füßen von Babelsberg, liegt Klein-Glienicke mit seinen
Schlössern und seiner Brücke; weiter nördlich, halben Wegs zwischen Potsdam
und Spandau, treffen wir Groß-Glienicke, Rittergut, Filiale von Kladow,
zweihundertneunundsiebzig Einwohner. Darunter, wie die Nachschlagebücher
gewissenhaft bemerken, zwei Katholiken. Diese werden es schwer haben, sich
paritätisch zu behaupten
Groß-Glienicke wird 1300 zuerst genannt. Um die Mitte des fünfzehnten
Jahrhunderts finden wir die Bammes hier, eine alte, westhavelländische Familie.
In Groß-Glienicke saßen sie nicht allzulange. Schon 1572 erscheinen die
Ribbecks, zuerst Oberhofmeister Jürgen von Ribbeck; dann folgen zweihundert
Jahre später die Winnings. Jetzt gehört das Gut der Familie Berger.
Es soll hier manches erlebt worden sein, namentlich unter den Winnings.
Die Kirche aber erzählt nur von den Ribbecks.
Beim Eintreten in dieselbe überrascht die verhältnismäßig große Zahl von
Bildwerken, namentlich in Stein.
An der Wand uns gegenüber bemerken wir, dicht nebeneinander, die
Epitaphien zweier Hans Georg von Ribbeck, Vater und Sohn. Der Vater, noch
der Schwedenzeit angehörig, der Sohn aus der höfischen, französierten Zeit
Friedrichs I. Eben diesen Unterschied zeigen auch die hautrelief-artigen
Steinbilder. Der ältere Hans Georg, in Brustharnisch und Beinschienen, wie ein Derfflingerscher Reiterführer; der jüngere in einem Roquelaure mit mächtigen
Aufschlägen und Seitentaschen, auf dem Haupt eine ziemlich seltsame Kappe,
fast in Form einer Bischofsmütze. Das Ganze in einem bestimmten, künstlich
gegebenen Farbenton: die Kappe rot gemalt. Dieser jüngere Hans Georg war ein
brandenburgischer Domherr, vielleicht auch — wenn ich das Bild richtig
interpretiere — ein Mann der Wissenschaft. Er tritt, einen Vorhang
zurückschlagend, aus diesem hervor und legt seine Rechte auf einen Schädel.
Das Ganze eine vortreffliche Arbeit, und in Auffassung wie technischer
Durchführung an das berühmte Sparr-Denkmal in unsrer Berliner Marien-Kirche
erinnernd.
Beide Hans Georg von Ribbeck finden wir auch in der Gruft der Kirche
wieder. Wie sie im Schiff, in bildlicher Darstellung, nebeneinander stehen, so
liegen sie hier nebeneinander. Wohlerhalten. Denn die Groß-Glienicker Gruft
gehört zu den vielen in der Mark, in denen die beigesetzten Leichen zu Mumien
werden. Wir steigen hinab. Der Sargdeckel des zuvorderst stehenden Hans
Georg (des Domherrn) ließ sich ohne Mühe aufheben. Da lag er, in Roquelaure
und roter Samtkappe, in allem Äußerlichen von beinahe gespenstischer
Ähnlichkeit mit dem Hautreliefbilde, das ich eben im Schiff der Kirche gesehen
hatte. Ganz ersichtlich hat man, bei einer erst kürzlich stattgehabten
Übermalung, die Gruft zu Rate gezogen und das Mumienbild, wenn dieser
Ausdruck gestattet ist, bei Restaurierung des Steinbildes benutzt.
Kirche und Gruft enthalten übrigens der Epitaphien und Särge mehr,
beispielsweise einer Frau von Ribbeck, geb. Brand von Lindau, einer Frau von
Lattorff, geb. von Grävenitz, die alle dem vorigen Jahrhundert angehören, aber
weder künstlerisch noch historisch eine besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Ein Interesse erweckt nur noch das Altarbild, richtiger die Predella
desselben, die, wie so oft, ein Abendmahl darstellt. Christus in der Mitte,
Johannes neben ihm; neben diesem aber, statt des Petrus, der Große Kurfürst. Er
trägt Allongenperücke, dunkles, enganschließendes Samtkleid,
Spitzenmanschetten und Feldbinde. Die wunderlichste Art von Huldigung, die
mir der Art vorgekommen ist. Was wollen die anbetenden Donatoren auf den
Madonnenbildern des Mittelalters daneben sagen! Sie knien doch immer zu
Füßen der Madonna, oder verdrängen wenigstens niemand; hier aber wird
Petrus, wie eine Schildwacht, einfach abgelöst, und der Große Kurfürst zieht
statt seiner auf.