Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Schloß Oranienburg
Noch ragt der Bau, doch auf den breiten Treppen
Kein Leben mehr, kein Rauschen seidner Schleppen,
Die alten Mauern stehen öd’ und leer,
’s sind noch die alten und — sie sind’s nicht mehr.
D ie prächtige Havel, mit jener Fülle von Seen, die sie, namentlich um Potsdam herum, an ihrem blauen Bande aufreiht, ist, auf weite Strecken hin, wie
ein Spiegel unserer königlichen Schlösser, deren Schönheit sie verdoppelt.
Aber nicht überall zeigt sie diese breite Pracht. Schlicht, schmal, ein
Wässerchen nur, tritt sie aus dem Mecklenburgischen in die Mark, um dann, auf
ihrem ganzen Oberlaufe, ein Flüßchen zu bleiben, das nicht Inseln leicht und frei
wie schwimmende Blätter trägt, sondern sich teilen muß, um hier und dort ein
Stückchen Land mit dünnem Arm zu umspannen. Nicht das Wasser der Herr und
Sieger, sondern das Land.
So gibt sich die Havel bei Oranienburg, dem unsere heutige Wanderung
gilt. Der Weg dahin führt uns, an Tegel vorbei, zunächst bis an den romantischen
Sandkrug, wo die Stehkrippen von unseren zwei Braunen mit lebhaftem Prusten
begrüßt werden. Der Sandkrug verdient den Beinamen „romantisch“, den wir
ihm soeben gegeben, denn die Forsten, die ihn einfassen, sind fast der einzige
Punkt noch in der Umgegend Berlins, darin sich ein Stückchen mittelalterlicher
Wegelagerei erhalten hat, freilich von jener unpoetischeren Art, die statt des
lauten Angriffs in Stahl und Eisen die Schoßkelle leise beschleicht und sich
damit begnügt, statt der Hälse die Koffer abzuschneiden.
Sandkrug ist halber Weg. Noch eine anderthalbstündige Fahrt an
Tannenholz und Dörfern vorbei und wir halten auf einem großstädtisch
angelegten Platz, über dem sich eben der prächtigste Regenbogen wölbt. Das ist
der Schloßplatz von Oranienburg. Das Wetter klärt sich auf; die Sonne ist da.
Das Haus, das uns aufnehmen soll, verbirgt sich fast hinter den Lindenbäumen,
die es umstehen, und erweckt, neben manchem anderen, unsere günstigsten
Vorurteile auch dadurch, daß wir vernehmen, es sei Rathaus und Gasthaus
zugleich. Wo Justiz und Gastlichkeit so nahe zusammen wohnen, da ist es gut
sein. In alten Zeiten war das häufiger. Unsere Altvordern verstanden sich besser
auf Gemütlichkeit als wir.