Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 13 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Spandau und Umgebung

St. Nikolai zu Spandau

 

Wie Spukgestalten die Nebel sich drehn,

’s ist schaurig über das Moor zu gehn,

Die Ranke häkelt am Strauche.

 

Annette von Droste-Hülshoff

 

E in klarer Dezembertag; die Erde gefroren, die Dächer bereift. Aber schon mischt sich ein leises Grau in die heitere Himmelsbläue, so weht leise herüber

von Westen her, und jenes Frösteln läuft über uns hin, das uns ankündigt: Schnee

in der Luft.

Schnee in der Luft; vielleicht morgen schon, daß er in Flocken niederfällt!

So seien denn die Stunden genutzt, die noch einen freien Blick in die Landschaft

gestatten.

Das Spreetal hinunter, an dem Charlottenburger Schloß vorbei (dessen

vergoldete Kuppel-Figuren nicht recht wissen, ob sie in dem spärlichen

Tageslicht noch blitzen sollen oder nicht), über Brücken hin, zwischen

Schwanen-Rudeln hindurch, geht der Zug, bis die Havelfeste vor uns aufsteigt,

mit Brücken und Gräben, mit Torwarten und Mauern, und über dem allen: Sankt

Nikolai, die erinnerungsreiche Kirche dieser Stadt.

Der Zug hält. Ohne Aufenthalt, mit den Minuten geizend, steuern wir durch

ein Gewirr immer enger werdender Gassen auf den alten gotischen Bau zu, der

sich, auf engem und kahlem Platze, über den Dächer-Kleinkram hinweg, in die

stahlfarbene Luft erhebt. Kein Bau ersten Ranges, aber doch an dieser Stelle.

Das Innere, ein seltner Fall bei renovierten Kirchen, bietet mehr als das

Äußere verspricht. Emporen, wie Brückenbogen geschwungen, ziehen sich

zwischen den grauweißen Pfeilern hin und wirken hier, in dem sonst

schmucklosen Gange, fast wie ein Ornament des Mittelschiffes.

Die Kirche selbst, bei aller Schönheit, ist kahl; im Chor aber drängen sich

die Erinnerungsstücke, die der Kirche noch aus alter Zeit her geblieben sind.

Hier, an der Rundung des Gemäuers hin, hängen die Wappenschilde der Quaste,

Ribbeck und Nostitz, hier richtet sich das prächtige Denkmal der Gebrüder

Röbel auf, hier begegnen wir dem berühmten Steinaltar, den Rochus von Lynar

der Kirche stiftete, und hier endlich, in Front eben dieses Altars, erhebt sich das dreifußartige, schönste Kunstform zeigende Taufbecken, das zugleich die Stelle

angibt, wo unter dem Estrich die Überreste Adam Schwarzenbergs ruhen. Zur

Rechten die eigene Wappentafel den Grafen: der Rabe mit dem Türkenkopf.

Alle diese Dinge indes sind es nicht, die uns heute nach Sankt Nikolai in

Spandau geführt haben, unser Besuch gilt vielmehr dem alten Turme, zu dessen

Höhe ein Dutzend Treppenstiegen hinanführen. Viele dieser Stiegen liegen im

Dunkel, andere empfangen einen Schimmer durch eingeschnittene Öffnungen,

alle aber sind bedrohlich durch ihre Steile und Gradlinigkeit und machen einem

die Weisheit der alten Baumeister wieder gegenwärtig, die ihre Treppen

spiralförmig durch die dicke Wandung der Türme zogen und dadurch die Gefahr

beseitigten, fünfzig Fuß und mehr erbarmungslos hinab zu stürzen.

Die Treppe frei und gradlinig. Und doch ist es ein Ersteigen mit

Hindernissen: die Schlüssel versagen den Dienst in den rostigen Schlössern und

man merkt, daß die Höhe von Sankt Nikolai zu Spandau keine täglichen Gäste

hat, wie St. Stephan in Wien, oder St. Paul in London. Endlich sind wir an Uhr

und Glockenwerken vorbei, haben das Schlüsselbund, im Kampf mit

Großschlössern und Vorlegeschlössern, siegreich durchprobiert und steigen nun,

durch eine letzte Klappenöffnung, in die luftige Laterne hinein, die den

steinernen Turmbau krönt. Keine Fenster und Blenden sind zu öffnen, frei bläst

der Wind durch das gebrechliche Holzwerk. Das ist die Stelle, die wir suchten.

Ein Lug-ins-Land.

Zu Füßen uns, in scharfer Zeichnung, als läge eine Karte vor uns

ausgebreitet, die Zickzackwälle der Festung; ostwärts im grauen Dämmer die

Türme von Berlin; nördlich, südlich die bucht- und seenreiche Havel,

inselbetupfelt, mit Flößen und Kähnen überdeckt; nach Westen hin aber ein

breites, kaum hier und da von einer Hügelwelle unterbrochenes Flachland, das

Havelland.

Wer hier an einem Juni-Tage stände, der würde hinausblicken in üppig

grüne Wiesen, durchwirkt von Raps- und Weizenfeldern, gesprenkelt mit

Büschen und roten Dächern, ein Bild moderner Kultur; an diesem frostigen

Dezembertage aber liegt das schöne Havelland brachfeldartig vor uns

ausgebreitet, eine grau-braune, heideartige Fläche, durch welche sich in breiten

blanken Spiegeln, wie Seeflächen, die Grundwasser und übergetretenen Gräben

dieser Niederungen ziehen. Wir haben diesen Tag gewählt, um den

flußumspannten Streifen Landes, der uns auf diesen und den folgenden Seiten

beschäftigen soll, in der Gestalt zu sehen, in der er sich in alten, fast ein

Jahrtausend zurückliegenden Zeiten darstellte. Ein grauer Himmel über grauem

Land, nur ein Krähenvolk aufsteigend aus dem Weidenwege, der sich an den Wasserlachen entlang zieht, so war das Land von Anfang an: öde, still, Wasser,

Weide, Wald.

Freilich, auch dieses Dezembertages winterliche Hand hat das Leben nicht

völlig abstreifen können, das hier langsam, aber siegreich nach Herrschaft

gerungen hat. Dort zwischen Wasser und Weiden hin läuft ein Damm, im ersten

Augenblicke nur wie eine braune Linie von unserm Turm aus bemerkbar; aber

jetzt gewinnt die Linie mehr und mehr Gestalt; denn zischend, brausend,

dampfend, dazwischen einen Funkenregen ausstreuend, rasseln jetzt von zwei

Seiten her die langen Wagenreihen zweier Züge heran und fliegen — an

derselben Stelle vielleicht, wo einst Jakzo und Albrecht der Bär sich trafen — an

einander vorüber. Das Ganze wie ein Blitz! —

Der Tag neigt sich; der Sonnenball lugt nur noch blutrot aus dem Grau des

Horizonts hervor. Ein roter Schein läuft über die grauen Wasserflächen hin. Nun

ist die Sonne unter, die Nebel steigen auf und wälzen sich von Westen her auf

die Stadt und unsere Turmstelle zu. Noch sehen wir, wie aus dem nächsten

Röhricht ein Volk Enten aufsteigt; aber ehe es in die nächste Lache niederfällt,

ist das schwarze Geflatter in dem allgemeinen Grau verschwunden.

Das Havelland träumt wieder von alter Zeit.