Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil
Spandau und Umgebung
St. Nikolai zu Spandau
Wie Spukgestalten die Nebel sich drehn,
’s ist schaurig über das Moor zu gehn,
Die Ranke häkelt am Strauche.
Annette von Droste-Hülshoff
E in klarer Dezembertag; die Erde gefroren, die Dächer bereift. Aber schon mischt sich ein leises Grau in die heitere Himmelsbläue, so weht leise herüber
von Westen her, und jenes Frösteln läuft über uns hin, das uns ankündigt: Schnee
in der Luft.
Schnee in der Luft; vielleicht morgen schon, daß er in Flocken niederfällt!
So seien denn die Stunden genutzt, die noch einen freien Blick in die Landschaft
gestatten.
Das Spreetal hinunter, an dem Charlottenburger Schloß vorbei (dessen
vergoldete Kuppel-Figuren nicht recht wissen, ob sie in dem spärlichen
Tageslicht noch blitzen sollen oder nicht), über Brücken hin, zwischen
Schwanen-Rudeln hindurch, geht der Zug, bis die Havelfeste vor uns aufsteigt,
mit Brücken und Gräben, mit Torwarten und Mauern, und über dem allen: Sankt
Nikolai, die erinnerungsreiche Kirche dieser Stadt.
Der Zug hält. Ohne Aufenthalt, mit den Minuten geizend, steuern wir durch
ein Gewirr immer enger werdender Gassen auf den alten gotischen Bau zu, der
sich, auf engem und kahlem Platze, über den Dächer-Kleinkram hinweg, in die
stahlfarbene Luft erhebt. Kein Bau ersten Ranges, aber doch an dieser Stelle.
Das Innere, ein seltner Fall bei renovierten Kirchen, bietet mehr als das
Äußere verspricht. Emporen, wie Brückenbogen geschwungen, ziehen sich
zwischen den grauweißen Pfeilern hin und wirken hier, in dem sonst
schmucklosen Gange, fast wie ein Ornament des Mittelschiffes.
Die Kirche selbst, bei aller Schönheit, ist kahl; im Chor aber drängen sich
die Erinnerungsstücke, die der Kirche noch aus alter Zeit her geblieben sind.
Hier, an der Rundung des Gemäuers hin, hängen die Wappenschilde der Quaste,
Ribbeck und Nostitz, hier richtet sich das prächtige Denkmal der Gebrüder
Röbel auf, hier begegnen wir dem berühmten Steinaltar, den Rochus von Lynar
der Kirche stiftete, und hier endlich, in Front eben dieses Altars, erhebt sich das dreifußartige, schönste Kunstform zeigende Taufbecken, das zugleich die Stelle
angibt, wo unter dem Estrich die Überreste Adam Schwarzenbergs ruhen. Zur
Rechten die eigene Wappentafel den Grafen: der Rabe mit dem Türkenkopf.
Alle diese Dinge indes sind es nicht, die uns heute nach Sankt Nikolai in
Spandau geführt haben, unser Besuch gilt vielmehr dem alten Turme, zu dessen
Höhe ein Dutzend Treppenstiegen hinanführen. Viele dieser Stiegen liegen im
Dunkel, andere empfangen einen Schimmer durch eingeschnittene Öffnungen,
alle aber sind bedrohlich durch ihre Steile und Gradlinigkeit und machen einem
die Weisheit der alten Baumeister wieder gegenwärtig, die ihre Treppen
spiralförmig durch die dicke Wandung der Türme zogen und dadurch die Gefahr
beseitigten, fünfzig Fuß und mehr erbarmungslos hinab zu stürzen.
Die Treppe frei und gradlinig. Und doch ist es ein Ersteigen mit
Hindernissen: die Schlüssel versagen den Dienst in den rostigen Schlössern und
man merkt, daß die Höhe von Sankt Nikolai zu Spandau keine täglichen Gäste
hat, wie St. Stephan in Wien, oder St. Paul in London. Endlich sind wir an Uhr
und Glockenwerken vorbei, haben das Schlüsselbund, im Kampf mit
Großschlössern und Vorlegeschlössern, siegreich durchprobiert und steigen nun,
durch eine letzte Klappenöffnung, in die luftige Laterne hinein, die den
steinernen Turmbau krönt. Keine Fenster und Blenden sind zu öffnen, frei bläst
der Wind durch das gebrechliche Holzwerk. Das ist die Stelle, die wir suchten.
Ein Lug-ins-Land.
Zu Füßen uns, in scharfer Zeichnung, als läge eine Karte vor uns
ausgebreitet, die Zickzackwälle der Festung; ostwärts im grauen Dämmer die
Türme von Berlin; nördlich, südlich die bucht- und seenreiche Havel,
inselbetupfelt, mit Flößen und Kähnen überdeckt; nach Westen hin aber ein
breites, kaum hier und da von einer Hügelwelle unterbrochenes Flachland, das
Havelland.
Wer hier an einem Juni-Tage stände, der würde hinausblicken in üppig
grüne Wiesen, durchwirkt von Raps- und Weizenfeldern, gesprenkelt mit
Büschen und roten Dächern, ein Bild moderner Kultur; an diesem frostigen
Dezembertage aber liegt das schöne Havelland brachfeldartig vor uns
ausgebreitet, eine grau-braune, heideartige Fläche, durch welche sich in breiten
blanken Spiegeln, wie Seeflächen, die Grundwasser und übergetretenen Gräben
dieser Niederungen ziehen. Wir haben diesen Tag gewählt, um den
flußumspannten Streifen Landes, der uns auf diesen und den folgenden Seiten
beschäftigen soll, in der Gestalt zu sehen, in der er sich in alten, fast ein
Jahrtausend zurückliegenden Zeiten darstellte. Ein grauer Himmel über grauem
Land, nur ein Krähenvolk aufsteigend aus dem Weidenwege, der sich an den Wasserlachen entlang zieht, so war das Land von Anfang an: öde, still, Wasser,
Weide, Wald.
Freilich, auch dieses Dezembertages winterliche Hand hat das Leben nicht
völlig abstreifen können, das hier langsam, aber siegreich nach Herrschaft
gerungen hat. Dort zwischen Wasser und Weiden hin läuft ein Damm, im ersten
Augenblicke nur wie eine braune Linie von unserm Turm aus bemerkbar; aber
jetzt gewinnt die Linie mehr und mehr Gestalt; denn zischend, brausend,
dampfend, dazwischen einen Funkenregen ausstreuend, rasseln jetzt von zwei
Seiten her die langen Wagenreihen zweier Züge heran und fliegen — an
derselben Stelle vielleicht, wo einst Jakzo und Albrecht der Bär sich trafen — an
einander vorüber. Das Ganze wie ein Blitz! —
Der Tag neigt sich; der Sonnenball lugt nur noch blutrot aus dem Grau des
Horizonts hervor. Ein roter Schein läuft über die grauen Wasserflächen hin. Nun
ist die Sonne unter, die Nebel steigen auf und wälzen sich von Westen her auf
die Stadt und unsere Turmstelle zu. Noch sehen wir, wie aus dem nächsten
Röhricht ein Volk Enten aufsteigt; aber ehe es in die nächste Lache niederfällt,
ist das schwarze Geflatter in dem allgemeinen Grau verschwunden.
Das Havelland träumt wieder von alter Zeit.