Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Theodor Fontane · Kapitel 46 von 82

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Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil

Wer war er? Ein Kapitel in Briefen aus aller Welt Enden

Wer war er?

Ein Kapitel in Briefen aus aller Welt Enden

 

I n dem vorstehenden Bornstädt-Kapitel ist auf Seite 257 des verstorbenen Professors Samuel Rösel Erwähnung geschehen und an die Nennung seines

Namens die Frage geknüpft worden: Wer war er?

Diese Frage, so wenig passend sie sein mochte, namentlich um des Tones

willen, in dem ich sie stellte, hat wenigstens das eine Gute gehabt, mir eine Fülle

von Zuschriften einzutragen, aus denen ich nunmehr imstande bin, ein

Lebensbild Rösels zusammenzustellen.

Den Reigen dieser Zuschriften eröffnete ein „Hinterwäldler“, wie er sich

selber am Schlusse seines, den Poststempel St. Louis (am Mississippi) tragenden

Briefes nennt. Es heißt darin wörtlich:

„Oh, mein lieber Herr Fontane, röten sich nicht Ihre Wangen über solche

Unwissenheit? Professor Rösel war ein hervorragender Mann der Berliner

Akademie, eine wohlbekannte sehr beliebte Persönlichkeit, Anfang der dreißiger

Jahre in den Familien Schadow, Spener, Link gern gesehen, wo er durch Satire,

Komik und ausgezeichnete Geselligkeit alles zu erheitern wußte. Und nun fragen

Sie: wer war er? Sie haben sich durch diese Frage eine arge Blöße gegeben, und

wenn ich Sie nicht um Ihrer im letzten Kriege bewiesenen Vaterlandsliebe willen

schätzte, so würden Sie sich eine öffentliche Rüge zugezogen haben. Nehmen

Sie das nicht übel Ihrem Sie hochschätzenden

Hinterwäldler.“

Ich nahm diesen Brief anfänglich leicht und glaubte mich mit meinem „Wer

war er?“ immer noch in gutem Recht. Aber allmählich sollt’ ich doch meines

Irrtums gewahr werden. Der St. Louis-Brief kam durch mich selber in die

Öffentlichkeit und ich mußte mich alsbald überzeugen, daß alle Welt auf die

Seite Rösels und seines hinterwäldlerischen Advokaten und nicht auf die

meinige trat. In der National-Zeitung erschien ein kleiner Artikel Adolf Stahrs,

dem ich nachstehendes entnehme.

„Der Tadel vom Mississippi her ist doch nicht ganz unberechtigt. Fontane

hätte die Pflicht gehabt, sich besser umzutun und nach einem Manne zu

forschen, der noch zu Anfang der vierziger Jahre eine sehr bekannte Berliner

Persönlichkeit war. Gottlob Samuel Rösel, Landschaftsmaler und Professor an der Zeichen-Akademie in Berlin, zählte zu seiner Zeit unter den tüchtigsten

Künstlern seines Fachs, und Zelter nennt seine drei im Jahre 1804 ausgestellten

Landschaften in dem über die Ausstellung jenes Jahres an Goethe berichtenden

Briefe, neben den Landschaften von Hackert, Lütke, Genelli und Weitsch mit

großem Lobe. Der kleine, etwas verwachsene, aber sehr geistreiche und

sarkastische Mann war ein intimer Genosse des Zelterschen Kreises, war mit

Hegel befreundet, und vor allen Dingen ein großer Verehrer Goethes. Es hätte

Fontane nicht unbekannt sein dürfen, daß der größte deutsche Dichter das

Andenken des Künstlers Rösel durch zwei seiner anmutigen kleinen Gedichte

der Nachwelt zu überliefern für wert gehalten hat. Der Künstler hatte den

Großmeister der deutschen Dichtung zu dessen Geburtstage wiederholt mit

sinnigen Zeichnungen, unter denen Götz von Berlichingens Burg Jaxthausen,

Tassos Geburtshaus in Sorrent und eine Zeichnung des Hofes von Goethes

Vaterhause in Frankfurt, beschenkt, und Goethe dankte ihm dafür in mehreren

Gedichten, von denen das eine: ‚an Professor Rösel‘ mit den Worten beginnt:

‚Rösels Pinsel, Rösels Kiel

Sollen wir mit Lorbeer kränzen;

Denn er tat von je so viel

Zeit und Raum uns zu ergänzen.‘

 

Näheres über die Beziehungen Rösels zu Goethe findet man an

verschiedenen Stellen des Goethe-Zelterschen Briefwechsels, sowie in den

Anmerkungen, welche Herr Geheime Rat von Löper und Dr. Strehlke ihrer

vortrefflichen Ausgabe Goethes an den betreffenden Stellen (T. III, S. 169, 170

bis 171) beigegeben haben.“

Und nun war das Eis gebrochen, und Rösel-Briefe kamen von allen Seiten.

„Es wäre leicht gewesen“, schrieb mir ein Unbekannter, „sich über Rösel zu

informieren und der Hinterwäldler hat es mit seinem Vorwurf doch eigentlich

getroffen. Rösel war geistreich, witzig, spöttisch, von gediegenem Wissen und

vor allem ein kreuzbraver Mann.

Friedrich Wilhelm IV., welcher ihn lange gekannt und geliebt hatte, nahm

den alten, alleinstehenden und schließlich etwas geistesschwach gewordenen

Mann nach Charlottenhof hinüber, und ließ ihn daselbst mehrere Jahre lang in

der Familie des Hofgärtners oder des Kastellans verpflegen. Dies gereicht dem

Könige umsomehr zur Ehre, weil Rösel, ein echter Sohn der Aufklärungszeit,

seine Ansichten, ja, seine Spöttereien, niemals verhohlen hatte.“

Diese Zeilen werden durch eine Stelle bei Varnhagen, Tagebücher II. S. 75

bestätigt. Es heißt daselbst: Sonnabend den 4. Juni 1842. „Der Maler Rösel ist

sehr krank. Der König hat ihn nach Charlottenburg eingeladen, die Königin

selbst wollte ihn pflegen, — zu spät kommt dem armen Manne so viel Huld!“ So

weit Varnhagen. Irrtümlich an dieser Notiz ist wohl nur das leis anklagende „zu

spät“. Es scheint Rösel zu keiner Zeit an „Huld“ und herzlichsten

Freundschaftsbeweisen gefehlt zu haben. Einem Sterbenden war nur eben

schwer zu helfen.

Beinah gleichzeitig mit den vorstehenden Zeilen empfing ich die folgenden.

„Sie werden Adolf Stahrs kleinen Artikel in der National-Zeitung gelesen

haben. Auch ich entsinne mich Rösels sehr wohl. Er war ein Meister in der

Sepia-Malerei und hat eine Anzahl seiner Blätter publiziert. Alte Berliner

Familien, ich nenne nur Deckers, bewahren manches davon als Andenken und

Rauchs Tochter, Broses, Brendels, Marianne Mendelssohn und die Solmar

müssen von ihm zu erzählen wissen. Er war sehr gefürchtet, weil er einen

scharfen Witz hatte. Seine Herzensgüte glich es aber wieder aus. Mal wurde für ein armes Künstlerhaus eine Lotterie veranstaltet. Auch Rösel hatte beigesteuert

und erschien endlich zur Ziehung: klein, krumm und in schwarzem Frack. Er sah

dabei aus, als ob er nie etwas anderes trage als einen schwarzen Frack. Ich seh

den kleinen Mann noch durch die Stube schreiten. Stahr spricht von einem Blatte

„Goethes Hof“. Das trifft nicht völlig zu. Was Rösel gezeichnet hat, ist der

Brunnen auf Goethes Hof in Frankfurt. Ihr

W. Hertz.“

Und noch ein Brief. Er lautete:

Wiesbaden 4. März 1873.

... Sie fragen in Ihrem Buche ‚Wer war Rösel?‘ Diese Frage war mir wieder

einmal ein rechter Beweis für die Vergänglichkeit alles Irdischen. Denn zu

meiner Zeit war Rösel eine bei alt und jung, bei hoch und niedrig bekannte und

beliebte Persönlichkeit. Ohne mich auf seinen Lebensgang und seine Leistungen

hier einzulassen, will ich Ihnen doch wenigstens einige Notizen mitteilen. Rösel

war Professor an der Kunst-Akademie und gab auch in Privatkreisen Unterricht

im Landschaftzeichnen mit der Feder. Er hatte darin eine ganz eigene kräftige

Manier, wie ich sie nie wieder gesehen habe. Die höchsten Herrschaften, die

vornehmsten Familien nannten ihn ihren Lehrer, und alle liebten ihn, seiner

Heiterkeit, seines Witzes, und seiner unermüdlichen Gefälligkeit wegen.

Es gab kein Familienfest, kein Liebhabertheater, keine lebenden Bilder, bei

denen er nicht Ratgeber und Helfer war. Es kam ihm gar nicht darauf an,

Kulissen zu malen und Gelegenheitsgedichte zu machen. Ich selbst habe

manchmal seine Güte in Anspruch genommen. Seine ganze Erscheinung hatte

etwas Drolliges, Gnomenhaftes. Er war klein und verwachsen, der Kopf aber

groß, mit dunkeln, ins Graue spielenden langen Locken. Sein sehr markiertes

Profil hatte etwas Orientalisches. Sie werden ihn leicht auf dem bekannten

Krügerschen Huldigungsbilde in der Künstlergruppe auf der Estrade rechts

erkennen. Wenn ich nicht irre, sind Zeichnungen von ihm im

Kupferstichkabinett, doch bin ich dessen nicht gewiß. Er hat lange Jahre in der

Friedrichstraße gewohnt, Ecke der Mohrenstraße, unendlich einfach eingerichtet,

ein echter Künstler-Junggeselle.

von Röder [29] ,

Generalleutnant z. D.

Das waren die Zuschriften, die ich ohne mein Zutun erhielt. Um andere

bemühte ich mich, indem ich bei Personen anfragte, von deren früheren

Beziehungen zu Rösel ich inzwischen erfahren hatte. Einen aus der Reihe dieser

Briefe, der das reichste Material gibt, lasse ich in nachstehendem folgen.

Rom 21. Januar 1880.

Piazza Campitelli, Palazzo Capizucchi.

Ihren lieben Brief mit der Rösel-Anfrage habe ich gestern erhalten und ich

beeile mich, Ihnen darauf zu antworten.

Rösel wurde um 1770 in Breslau geboren. Und zwar am 9. Oktober.

Sonderbarerweise bin ich über das Jahr unsicher, desto sicherer aber über den

Tag. Ich weiß nämlich, daß es der Tag vor meines Vaters Geburtstag war. Er

malte Landschaften, aber nicht in Öl, sondern in Sepia, hatte eine besondere

Vortrags- und Behandlungsart, die er ‚knackern‘ nannte. Was es bedeuten sollte,

weiß ich nicht. Er war eine der bekanntesten Persönlichkeiten und es gab kaum

einen Abend im Jahr, an dem er nicht in Gesellschaft gewesen wäre. In

besonders freundlichen Beziehungen stand er zur Familie Mendelssohn. Er hatte

die Eigentümlichkeit sich überall anzusagen, gewöhnlich zu einem Karpfenkopf.

Bei meinem Großvater Feilner war er, dreißig Jahre lang, jeden Dienstag zur

Whistpartie, sehr heftig beim Spiel und der jedesmalige Schrecken seines

Partners. Ich sehe noch das große rote Kissen, mit dem darauf gestickten

Röselchen, das ihm auf den Stuhl gelegt wurde. Denn Sie wissen, daß er sehr

klein und bucklig war. Zu jedem Geburtstage meines Großvaters erschien er mit

einem paar pompejanischen Scherben und obligatem Gedicht, das dann bei

Tische vorgelesen wurde. Seine Handschrift war sehr charakteristisch, und jeden

von ihm geschriebenen Brief bezog er am Rande mit einem rotgetuschten Strich.

Seine Korrespondenz war die umfangreichste von der Welt und ein paar alte

Weiber dienten ihm dabei als Briefboten. Sie hatten verschiedene Namen. Eine

nannte er „Iris“, doch waren die Namen, die wir ihnen beilegten, minder

poetischen Klanges. Sie waren alle sehr häßlich und wahre Unholde. Seine

Beziehungen zu Goethe sind bekannt. Er war auch Freimaurer. Ich habe ihn nie

anders gesehen, als in schwarzem Frack und weißer Krawatte. Seine letzten

Jahre waren nicht die glücklichsten. Er wurde immer bärbeißiger, seine

äußerliche Lage verschlechterte sich, und er hielt sich zuletzt zur Flasche, sogar

zur Likör-Flasche. „Iris“ und ihre Kameradinnen bekamen ihn ganz in ihre

Gewalt. Um ihn daraus zu befreien, wurde ihm, seitens seiner näheren

Bekannten, ein Diener gehalten. Aber die Sache wurde hierdurch nicht

gebessert. Im Gegenteil. Als er bald darauf, durch die Gnade Friedrich Wilhelms

IV. eine Pension und eine Wohnung in Bornstädt empfing, begleitete ihn der

Diener, der nun bald „um die Wette mit ihm die Fahne hochhielt.“ Soll ihn auch

schlecht behandelt haben. Endlich starb er, einsam und vergessen, und so schloß

in Freudlosigkeit ein Dasein, das, durch ein halbes Jahrhundert hin, immer nur

bemüht gewesen war, Gutes zu tun und Freude zu schaffen.

Ihr H. W.